ZEIT: Aber hätten Sie sich das nicht alles ersparen und den Verlag verkaufen können?

Unseld-Berkéwicz: Die Anteile der Stiftung waren und sind nicht verkäuflich. Zum Wohle des Verlags habe ich gern auf Alleinerbschaft und Pflichtteil verzichtet und beides in die Familienstiftung eingebracht. Das war kein Opfer. Aber ich habe, seit ich den Verlag leite, auch weitgehend auf mein Schreiben verzichten müssen. Das war eines. Und jetzt, nach vielen Hürden, jetzt, nachdem der Verlag, in seiner Substanz gesund und neu strukturiert, nach Berlin umgesiedelt ist, wirtschaftlich, gemessen an der Gesamtlage, gut dasteht und sich der Erfolg eingestellt hat, werde ich doch nicht vor einer Hürde, die den gesamten Verlag bedroht, scheuen und ausscheren, ehe sie genommen ist.

ZEIT: Gründen die Probleme, die es jetzt gibt, nicht in der komplizierten Nachfolgeregelung, die Siegfried Unseld getroffen hat?

Unseld-Berkéwicz: Siegfried Unseld ging es bei seinem langen und oftmals geradezu verzweifelten Bemühen um eine Nachfolgeregelung ja nicht um eine dynastische Lösung, es ging auch nicht allein darum, jemanden zu finden, der nach ihm den Verlag leiten könnte. Er wusste vielmehr, dass er jemanden finden muss, der diesen Verlag über die Zeit, die er damals sehr wohl kommen sah, in der es vor allem um Renditeerwartung und Gewinnmaximierung gehen würde, hinüberretten kann – als Arche Noah des Geistes, wie Alexander Kluge einmal gesagt hat – in eine bessere Zeit, von deren Kommen er überzeugt war. Und von deren Kommen auch ich überzeugt bin. Im Übrigen hatte ich nie vor, das hier bis an mein Lebensende zu machen. Obwohl die großen Verleger, wie der New Yorker Roger Straus zum Beispiel, genauso wie die großen Dirigenten oftmals steinalt noch tolle Arbeit leisten. Und für solche geborenen Verleger ist das ja auch gut und richtig. Das bin ich aber nicht.

ZEIT: Und was sind Sie?

Unseld-Berkéwicz: Ich habe meine Laufbahn als Schauspielerin an den großen deutschen Theatern, an denen ich viele schöne, große Rollen unter den wichtigen Regisseuren gespielt habe, früh abgebrochen, um mich zurückzuziehen, um zu schreiben. Inzwischen sind dreizehn Bücher entstanden. Wenn ich als Kind gefragt wurde, was ich denn mal werden wolle, habe ich Bauer oder Dichter gesagt. Zum Bauern fehlt mir der Hof, aber dichten kann ich noch bis 120, und ich wünsche mir, dass meine Bücher, so ich noch welche zustande schreibe, dann in einem Suhrkamp Verlag erscheinen können, der nach den Grundprinzipien Siegfried Unselds weitergeführt sein wird.

ZEIT: Wie kam es eigentlich zu diesem eskalierten Streit mit Hans Barlach? Der schwelt ja, seit dieser 2006 mit dem mittlerweile verstorbenen Claus Grossner bei Suhrkamp eingestiegen ist. Sie wollten damals die neuen Anteilseigner nicht akzeptieren. Warum eigentlich nicht?

Unseld-Berkéwicz: Die Übernahme der Anteile am Verlag war von Anfang an eine Kampfansage an die Verlagsstruktur, aber auch an meine Person, die darauf abzielte, mich zu diffamieren und meine Legitimation infrage zu stellen. Hinzu kam, dass die Familienstiftung von dem Ankauf der Anteile überhaupt nicht informiert worden war – nicht vom Verkäufer und nicht vom Käufer, sondern erst, als es zu spät war, als die Verträge bereits geschlossen waren. Die Familienstiftung hätte diesem Verkauf auch keine Zustimmung erteilt. Ob es dieser Zustimmung rechtlich bedurfte – wovon ich bis heute überzeugt bin –, war dann Frage eines Rechtsstreits, der sich viele Jahre durch alle Instanzen hätte hinziehen können und den ich schließlich beigelegt habe, um Ruhe in das operative Geschäft zu bringen.

ZEIT: Die Anteile, die Barlach kaufte, stammen vom damaligen Mitgesellschafter Andreas Reinhart – hätten Sie die nicht selbst kaufen können? Dann wäre es nicht zu dieser schwierigen Struktur gekommen.

Unseld-Berkéwicz: Im November 2006 stand die Familienstiftung bereits seit geraumer Zeit in Verhandlungen über den Ankauf der Anteile von Andreas Reinhart, da erreichte mich aus heiterem Himmel eine E-Mail von ihm, er habe sie soeben an Hans Barlach und Claus Grossner verkauft. Unmittelbar darauf erschienen Interviews der beiden, in denen sie von Misswirtschaft sprachen und meinen sofortigen Rücktritt forderten. In der Presse gab es in diesem Zusammenhang Fotos, auf denen Claus Grossner, Hans Barlach, Arnulf Conradi und Joachim Unseld gemeinsam zu sehen waren. In den darauf folgenden und bis heute währenden Auseinandersetzungen wurde vonseiten der Medienholding auch insinuiert, Siegfried Unseld sei ein Betrüger gewesen, er habe sich seine Mehrheitsanteile »dazugeschummelt«.

ZEIT: Sie glauben also, Barlach sei es von Beginn an darum gegangen, Sie möglichst rasch aus dem Verlag zu drängen. Eine Art feindliche Übernahme?

Unseld-Berkéwicz: Nach dem ersten Auftritt Barlachs und Grossners schrieb Michael Krüger, der Verlagsleiter des Hanser Verlags, ich möchte das zitieren: »Wer an einem persönlichen, sachlichen Gespräch interessiert ist, eröffnet es nicht mit den Medien. (...) Mich ergreift das blanke Grausen, denn wenn jemand Anteile an einem Verlag kauft und nicht alles versucht, mit den Programmgestaltern und den Hauptinhabern in ein vernehmliches Gespräch zu kommen, dann zeigt das, dass die wenig Sensibilität für den Verlag haben, das zeigt, dass sie keineswegs nur den Verlag beraten wollen, sondern ich kann diese fünfzig Interviews, die diese beiden Herren inzwischen gegeben haben, nur dahingehend interpretieren, dass sie alles daransetzen, den Verlag zerstören zu wollen.« (FR, 22.11.2006).

ZEIT: Sie erleben das, was jetzt passiert, als eine Art Déjà-vu?

Unseld-Berkéwicz: Immer mehr Menschen beobachten sehr genau, dass das, was jetzt geschehen ist, nach demselben Muster, mit demselben Vokabular in Szene gesetzt ist wie das, was vor sechs Jahren geschah. Sie glauben zu erkennen, die Strategie der Medienholding bestehe darin, mich zuerst zu diskreditieren und meine beziehungsweise Siegfried Unselds Rechte zu bestreiten und zugleich die wirtschaftliche Situation des Verlags schlechtzureden, um schließlich mit hohem täglichem Druck auf die Geschäftsführung Fehler zu provozieren, uns mit Klagen oder Klagedrohungen zu überhäufen und meinen Rücktritt zu fordern.