Ulla Unseld-Berkéwicz"Das gehört sich nicht!"
Seite 4/5:

"Schlechtes und Falsches wird gezielt in die Öffentlichkeit gelenkt"

ZEIT: Barlach spricht von bestimmten Renditeerwartungen, die er hat – 5 bis 15 Prozent.

Unseld-Berkéwicz: Es gibt wohl niemanden, der sich im Verlagswesen auskennt, der regelmäßige Renditen von 5 bis 15 Prozent fordern würde, wie Herr Barlach es tut. Der Verlag kann Umsatzrenditen im Bereich von 2 bis 4 Prozent erwirtschaften – über solche Renditen wären heute viele Zeitungen froh –, in ganz guten Jahren auch mal 7 oder 8 Prozent. Damit musste Siegfried Unseld leben, und damit muss auch jeder andere Eigentümer leben. Herr Barlach hat, und das muss ich hier auch einmal sagen, in den vergangenen sechs Jahren Gewinne in Millionenhöhe aus der Verlagsgruppe gezogen, abgezogen. Und der Verlag ist nun einmal kein Bestsellerverlag und hat deshalb nie und zu keiner Zeit die ganz großen Gewinne gemacht. Wir müssen, genauso wie Siegfried Unseld es tat und früher auch die Gebrüder Reinhart, die Gewinne weitgehend reinvestieren, und die Gehälter auch in der Geschäftsführung müssen wie bei Siegfried Unseld bescheiden bleiben.

ZEIT: Lässt sich der derzeitige Konflikt als einer zwischen Geld und Geist begreifen?

Unseld-Berkéwicz: Der Verlag versteht sein Geschäft noch als einen Zweig des Geisteslebens und findet die Vorstellung nicht unbegreiflich, dass es so etwas wie ein Geistesleben als gesellschaftliche Einrichtung geben muss. Nicht Geist statt Geld bestimmt unser ökonomisches Handeln, sondern Geld mit Geist zu verdienen.

ZEIT: Und das erreichen Sie mit den Büchern aus Ihrem Programm? Genau das wird ja angezweifelt.

Unseld-Berkéwicz: Lassen Sie mich zum Beispiel ein Buch nennen, David Van Reybroucks Kongo, fast 800 Seiten stark, über ein afrikanisches Land, das viele verloren gegeben haben, auf einem vergessenen Kontinent. Nach allen Regeln der Ökonomie wäre ein solches Buch zu umfangreich, zu teuer, zu instruktiv, zu wenig unterhaltsam. Aber nein, es ist ein Weltbestseller, den wir in der fünften Auflage herausbringen. Natürlich hätten wir gerne einen Bestseller nach dem anderen. Doch wenn wir unser Niveau halten wollen, gelingt das eben nicht so oft, und selbst wenn wir es unterschritten, wäre es schwer. Und trotzdem gelingt es immer wieder auch, mit Uwe Tellkamp zum Beispiel, mit Don Winslow oder Isabel Allende. Aber wir müssen zum Glück auch nicht jeden Monat einen Bestseller haben, denn unser Programm verkauft sich in der Breite sehr gut.

ZEIT: Es wurde Ihnen auch zum Vorwurf gemacht, dass Sie in Ihrem eigenen Verlag Ihre Bücher veröffentlichen. Demnächst erscheint Ihr Buch Reine Erfindung. Fällt Ihnen der Spagat, sowohl Autorin als auch Verlegerin zu sein, schwer?

Unseld-Berkéwicz: Das ist kein Spagat, weil es der Arbeit mit und der Beziehung zu den Autoren guttut. Ein Verleger, der selber Autor ist, kennt die Not zum Beispiel aus der Schreibeinsamkeit heraus, sein Eigenes, das Eigentliche an die Öffentlichkeit zu geben oder gar in sie hineinzulaufen, was ja schon bald zur ersten Voraussetzung für Erfolg geworden ist. Und dann: Enzensberger hat Die Andere Bibliothek erfunden und jahrzehntelang verlegt. Gott sei Dank! Und denken Sie an Carlos Barral, den legendären Dichterverleger der fünfziger und sechziger Jahre, ohne den und dessen Kampf gegen die Franco-Diktatur es nie die goldene Zeit der spanischen Literatur gegeben hätte. Zwei meiner Lieblingsbeispiele, aber da gibt’s ja noch viele mehr. Und was meine eigenen Bücher angeht: Hätte ich denn nach vier erfolgreichen Büchern, als ich 1987 mit Siegfried Unseld zusammenkam, den Verlag wechseln sollen oder nach sechs weiteren auch nicht gerade erfolglosen Büchern und Theaterstücken mit Aufführungen an den Münchner Kammerspielen und dem Wiener Burgtheater, als ich 2003 die verlegerische Leitung des Verlags übernahm? Im Übrigen sind auch alle Bücher Siegfried Unselds, und das waren weit über 20, im Suhrkamp Verlag erschienen.

ZEIT: Es gab im Laufe der Jahre viele Suhrkamp-Führungskräfte, die den Verlag verlassen haben. Im Rückblick: Wie erklären Sie sich das, und denken Sie womöglich, da etwas falsch gemacht zu haben?

Unseld-Berkéwicz: Jedes Unternehmen, das eine neue Leitung bekommt, trennt sich von Mitarbeitern vor allem im Bereich der leitenden Angestellten, das ist in der Wirtschaft ein völlig normaler und akzeptierter Vorgang. Konstellationen finden sich neu oder finden sich eben nicht und müssen sich also ändern. Es war nicht zu erwarten, dass die Wellen der Erschütterung, die Siegfried Unselds Tod für Suhrkamp mit sich brachte, innerhalb weniger Monate verebben würden. Das wusste er selbst nur zu gut, daher auch sein Ringen um eine tragfähige Nachfolgeregelung. Ein Jahr nach seinem Tod war der Verlag kopf- und richtungslos. Die Mannschaft war vollkommen zerstritten, die verlegerische Geschäftsführung und die Programmleitung standen über Kreuz, und die Mitarbeiter wussten nicht, wer wofür zuständig war.

ZEIT: Und dann haben Sie sozusagen aufgeräumt?

Unseld-Berkéwicz: Nein, ich habe neu strukturiert. Mein Fehler war, dass ich ein Jahr zu lange gewartet habe, bis ich 2003 einsah: Ich muss Verantwortung übernehmen – ich hatte halt immer noch gehofft, dass mein Schritt ins operative Geschäft nicht notwendig werden würde. Aus heutiger Sicht kann ich sagen: Ich hätte gleich einsteigen müssen oder richtiger, gleich, als Siegfried Unseld mich in den neunziger Jahren immer wieder darum bat, oder zumindest in seinen letzten Lebensjahren, als seine Bitten immer drängender wurden und ein Versuch nach dem anderen, einen Verlagsleiter zu finden, scheiterte. Aber jetzt will ich hier endlich einmal etwas korrigieren: Es gab nicht viele Führungskräfte, die den Verlag verlassen haben. Das ist eine immer wiederkehrende Mär, die meisten sind doch noch da, allen voran Raimund Fellinger, der Cheflektor der Verlage. Und dass die Bindung aller Mitarbeiter an den Verlag sehr hoch ist, zeigt auch, dass beim Umzug vor drei Jahren die Mehrzahl der Mitarbeiter und das gesamte Suhrkamp-Lektorat mit nach Berlin gekommen sind. Wo gibt es so was schon.

ZEIT: Wie sehen Sie all die Geschichten und mitunter hämischen Klischees von der bösen Witwe, die über Sie in Umlauf sind, seit nunmehr vielen Jahren – ein Ex-Suhrkamp-Autor, Norbert Gstrein, hat sogar einen Roman bei Hanser veröffentlicht, in dem Sie als literarische Figur auftauchen sollen: Können Sie darüber lachen, verletzt Sie das, nehmen Sie das überhaupt wahr?

Unseld-Berkéwicz: Ja, natürlich nehme ich das wahr, und natürlich verletzt das auch. Ich bin doch nicht aus Stein. Auch auf Siegfried Unseld wurde eingeschlagen, und man dachte vielleicht, das mache ihm nichts aus, aber es hat etwas mit ihm gemacht, es hat ihm etwas zugefügt. Es geht ja oftmals her, als gäbe es keine Fakten und Belege, sondern lediglich Meinungen. Schlechtes und Falsches wird gezielt in die Öffentlichkeit gelenkt und verselbstständigt sich dort als Meinung. Manchmal werden sogar Bücher draus. Diffamierung, der Versuch der Delegitimierung, der Versuch, Fakten zu neutralisieren als Zerstörungsmittel, scheinen mir gängig geworden zu sein – und vergessen Sie nicht: Jedem kann das passieren! Dass heute überhaupt noch jemand der Wahrheit wegen etwas tut oder schreibt, ist eher eine Seltenheit.

Leserkommentare
  1. Frau Unseld-Berkéwicz scheint eine kluge und couragierteFrau zu sein. Es ist ihr zu wünschen, dass ihrem Anliegen Erfolg beschieden ist. Die andere Seite scheint typisch für M&A zu sein.
    Dem Verlag und den Autoren ist jedenfalls zu wünschen, dass der Geist, die Idee die Führung vor dem Kapital behält.

    Eine Leserempfehlung
    • gast007
    • 24. Januar 2013 18:52 Uhr

    ... Mediator auszurufen. Nicht, dass es von Nachteil wäre, dass Herr Naumann schon alles gemacht hat, was es gibt, vom Wohnen über dem Kanzler bis zum Durchfaller in der Bürgermeisterwahl, von der Zeit-Redaktion bis zum Kulturverbieger.

    Nein, dieser gute Herr Naumann muss wohl im Vorfeld schon den Barlach-Enkel restlos zur Schnecke gemacht haben; Fahrradklingel gegen Orgel und so weiter. Da fragt man sich natürlich, was so ein Mediator als neutrale Instanz schaffen soll. Das Angebot der Dienste des Herrn Naumann war eine bodenlose Frechheit, mit der man einen Geschäftsmann natürlich nicht kulturell aufpeppen kann. Darum scheint es doch zu gehen.

  2. Die Lady soll sich an die gegen sie gesprochenen Gerichtsurteile halten und ihr künftiges Geschäftsgebahren an dem ausrichten, was deutsches Recht und Gesetz ihr vorschreiben. Jedes weitere Wort hierzu wäre überflüssig.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... sollten sich in Ihrem sprachlichen Gebaren an die Regeln der Orthographie halten, falls Sie sie beherrschen. Oder Sie sympathisieren deshalb mit Herrn Barlach, weil Sie die Sprache sowieso geringachten und mit dem Geistvollen nichts anfangen können. Aber warum fühlen Sie sich dann berufen,ausgerechnet zu diesem Thema ihre Plattitüden loszuwerden?

    • Yeti-1
    • 24. Januar 2013 20:56 Uhr

    Ist das die bezahlte Verlagsbeilage des Suhrkam Verlags, oder erleben wir bei der "Zeit" die Geburt einer neuen Interviewtechnik? Die beklagenswerte Witwe, eine große Künstlerin mit einem tief erfühlten jüdischen Stammbaum, darf ihr Herz vor uns ausschütten. Begleitet von den warmen und mitfühlenden Worten des Zeit-Feuilletons. Und die böse Welt von Kommerz, Intrigue und Unterstellungen, die ganzern Lügen in der Süddeutschen, der Welt und dem Hamburger Abendblatt bleibt endlich mal außen vor. Tatsachen können ja so lästig sein. Nur Frank Schirrmacher, der gute Ritter, darf diemal nicht fehlen. Seine innere Unabhängigkeit vom Frankfurter Kulturklüngel macht sein Urteil doppelt wertvoll. Journalismus kann doch so aufschlußreich sein. Danke dafür!

    2 Leserempfehlungen
  3. Wer hat ein Interesse daran den Suhrkamp abzuwickeln?

    Phoenix2001, die Unbestechlichen

    Eine Leserempfehlung
  4. sonst ist dem Kommentar von Yeti nichts hinzuzufuegen.

  5. Ein sehr gutes Interview von Frau Ulla Unseld-Berkéwicz. Auch wenn es Richard Kämmerling und einige Zeit-Kommentarschreiber (noch) nicht verstehen können,
    Form und Argumente überzeugen. Sachlich und Kompetent. Super....

  6. ... sollten sich in Ihrem sprachlichen Gebaren an die Regeln der Orthographie halten, falls Sie sie beherrschen. Oder Sie sympathisieren deshalb mit Herrn Barlach, weil Sie die Sprache sowieso geringachten und mit dem Geistvollen nichts anfangen können. Aber warum fühlen Sie sich dann berufen,ausgerechnet zu diesem Thema ihre Plattitüden loszuwerden?

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Geschwurbel"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service