Ulla Unseld-Berkéwicz : "Das gehört sich nicht!"
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"Die großen Romanfiguren haben doch alle große Leidensgeschichten"

ZEIT: Und Sie sagen immer die Wahrheit über Barlach?

Unseld-Berkéwicz: Ich habe niemals ein schlechtes Wort über Herrn Barlach verloren. Das gehört sich nicht. Öffentliche Beleidigungen wie die seinen schaden dem Verlag, und sie schaden mir, noch dazu, wenn sie mit derartigen Falschinformationen einhergehen. Das alles hat darüber hinaus unnötig Zeit und Kraft gekostet, die nötig für anderes sind. Trotzdem haben wir den Verlag aus seiner Krise nach Siegfried Unselds Tod herausgeführt, wir haben ihn aus guten Gründen nach Berlin gebracht, auch das ist uns geglückt. Jetzt sind wir so gut aufgestellt wie schon lange nicht mehr. Wir haben großartige Autoren dazugewonnen, viel, viel mehr gewonnen als verloren. Als Martin Walser ging, kam Christa Wolf, als Kehlmann zu Rowohlt wechselte, kam Tellkamp von Rowohlt zu uns. Auch zu Siegfried Unselds Zeiten sind immer wieder wichtige Autoren gegangen, aber manche von ihnen sind auch wieder zurückgekommen, zum Beispiel George Steiner und Marcel Beyer. Und wenn Sie sich die Mühe des Vergleichs machen wollen, von uns haben sich, obwohl Siegfried Unselds große Ära zu Ende gegangen ist und trotz all der Turbulenzen, viel weniger Autoren verabschiedet als von vergleichbaren Verlagen, die solche Ereignisse nicht zu überstehen hatten.

ZEIT: Welche Romanfigur wären Sie eigentlich am liebsten?

Unseld-Berkéwicz: Ach, eigentlich keine. Die großen Romanfiguren haben doch alle große Leidensgeschichten, davon habe ich jetzt genug. Aber ich kann Ihnen sagen, welche Rolle von denen, die ich nicht gespielt habe, ich zu meiner Theaterzeit gerne gespielt hätte: Kleists Käthchen von Heilbronn.

ZEIT: Was sind eigentlich Ihre persönlichen Erfahrungen im Umgang mit Geld, seit der Kindheit, im Laufe des Lebens?

Unseld-Berkéwicz: Geld bedeutet leider viel, wenn auch nicht mir persönlich, aber eben für den Verlag. Und in meiner Kindheit? Mein Vater hatte aufgrund seiner jüdischen Herkunft alles verloren, später kam dann im Rahmen der sogenannten Wiedergutmachung und durch Erbschaften Besitz in die Familie zurück. Auch verdiente mein Vater als Professor der Medizin und Leiter einer großen Klinik recht gut. Trotzdem blieb die Vorsicht, und die Angst, mittellos dazustehen wie zu NS-Zeiten, währte fort. Ich selber bin, soweit man das in unserer Zeit sagen kann, durch meine Familie abgesichert.

ZEIT: Welche Diskussionen über den Verlag und Ihre Person, die öffentlich ausgetragen wurden, haben Sie in den vergangenen Wochen besonders verletzt?

Unseld-Berkéwicz: Der zum x-ten Male und wider besseres Wissen gemachte Versuch der persönlichen Delegitimierung, diese Wiederholung der Wiederholung. Das ist perfide, das ist böse. Aber ich bin froh, dass diese Dinge in der FAZ von Frank Schirrmacher nun ein für alle Mal richtiggestellt wurden.

ZEIT: Gab es – sei es von Barlach oder Kommentatoren – Behauptungen über Sie und den Verlag, die nicht den Tatsachen entsprechen? Gibt es Dinge, die Sie gerne richtigstellen würden?

Unseld-Berkéwicz: Ach, ja, was soll’s: Ich habe keinen eigenen Chauffeur, die Auffahrt gab es, lange bevor meine Familie das Haus gekauft hat, das große Fenster ist mit neuen Mitteln nach den alten Plänen erstellt worden, die Coachings von vor zehn Jahren (sie lacht), doch eine vollkommene Selbstverständlichkeit für ein größeres Unternehmen, Herr Reinhart selber hat sie mir und den leitenden Mitarbeitern übrigens empfohlen... aber mir fehlt jetzt wirklich die Lust, auf alle diese Falschmeldungen und Gerüchte weiter einzugehen.

ZEIT: Unter anderem Peter Handke, Durs Grünbein und Hans Magnus Enzensberger haben Ihnen im Konflikt öffentlich den Rücken gestärkt. War das Engagement der Schriftsteller hilfreich, oder hat es den Gesellschafterstreit noch unnötig verschärft?

Unseld-Berkéwicz: Wieso sollte die Meinung der Autoren den Gesellschafterstreit »unnötig« verschärfen? Sie sind doch autonom, und es ist doch ihr Verlag. Sie sind doch keine Ware, die man hier- und dorthin verschieben kann. Sie vertrauen ihrem Verlag ihr Wichtigstes an. Sie müssen doch mitreden können, wer es in die Hände bekommt und wie es und mit welchem Ziel in die Welt gebracht wird. Die Autoren und die Erben der Autoren haben alle das Recht, ihre Rechte zurückzuziehen, wenn sich die Mehrheitseigentümerschaft ändert oder der Verlag aufgelöst wird, was meines Wissens in der Rechtsgeschichte noch nie vorgekommen ist.

ZEIT: Siegfried Unseld ist seit zehn Jahren tot. Sie haben Tradition gewahrt – und Traditionen gekappt. Ihr Verlagsprogramm wird jedenfalls sehr einhellig gefeiert. Wie präsent ist er für Sie noch in der Berliner Pappelallee? Was würde er eigentlich zu den Prozessen sagen?

Unseld-Berkéwicz: Er wäre so fassungslos wie wir und würde wie wir in die Berufung gehen. Siegfried Unseld hat den Verlag zwar nicht gegründet, aber er hat ihn erfunden. Das Prinzip Unseld ist allgegenwärtig im Verlag.

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ein grosser Klops war es, ausgerechnet Herrn Naumann zum ...

... Mediator auszurufen. Nicht, dass es von Nachteil wäre, dass Herr Naumann schon alles gemacht hat, was es gibt, vom Wohnen über dem Kanzler bis zum Durchfaller in der Bürgermeisterwahl, von der Zeit-Redaktion bis zum Kulturverbieger.

Nein, dieser gute Herr Naumann muss wohl im Vorfeld schon den Barlach-Enkel restlos zur Schnecke gemacht haben; Fahrradklingel gegen Orgel und so weiter. Da fragt man sich natürlich, was so ein Mediator als neutrale Instanz schaffen soll. Das Angebot der Dienste des Herrn Naumann war eine bodenlose Frechheit, mit der man einen Geschäftsmann natürlich nicht kulturell aufpeppen kann. Darum scheint es doch zu gehen.