Wiener BurgtheaterEs ist Zahlnacht!

Was kostet ein Menschenkörper? Wem gehört er? Neue Stücke von Elfriede Jelinek und Ewald Palmetshofer stellen in Wien die blutigsten Fragen. von 

Es ist in den letzten Jahren viel von »neoliberaler Körperpolitik« die Rede. Gemeint ist, dass unsere Gesellschaft das Leben zum Kapital und den Körper zum Rohstoff, zur Ressource erniedrigt – und dass wir das alles mitmachen, einander züchtigend und regulierend, und darauf auch noch stolz sind. Wenn man sich auf Comedy-Bühnen und in Internetforen umhört, merkt man, dass dort ein Selbsterniedrigungshumor grassiert, der den Befund bestätigt.

Und welche Rechte, welche Freiheit hat der Körper auf den Bühnen? Zwei neue österreichische Stücke, die das Wiener Burgtheater innerhalb weniger Wochen herausgebracht hat, zeigen drastisch: Er steht nicht hoch im Kurs, der Körper. Er ist vor allem Zahlungsmittel und Tauschobjekt. Aber wo im Unterhaltungssektor dieser Umstand mit kreischendem Gelächter gefeiert wird, da herrscht im Theater ein selbstzerstörerischer Übermut, der Wille, mit dem Körper, an den man doch gekettet ist, die letzten Darstellungsgrenzen zu durchbrechen.

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Zum Beispiel so: Ein altes Paar wird nachts von seinen Söhnen aus dem Schlaf gerissen. Die beiden Kinder wollen von den Alten jetzt schon ihr Erbe. Der Vater aber, unwirsch, löwenhaft, reagiert mit einer Gegenforderung. Er will von den Söhnen seinen Samen zurück: »Wenn heute Zahlnacht ist / wenn abgerechnet wird / dann bitte her damit / ich treib die Schöpferschulden ein.« Und er verflucht sich dafür, dass er den Samen in die Söhne investiert hat – er hätte ihn lieber »aufgespart im Samensack«.

Ewald Palmetshofer, 34, gilt derzeit als der vitalste jüngere Dramatiker Österreichs. Sein Stück räuber.schuldengenital wurde unmittelbar vor Weihnachten am Wiener Akademietheater uraufgeführt, es ist ein düsteres, auch geschwätziges, in seiner unschuldigen Grausamkeit an Grimms Märchen erinnerndes Stück, und die beiden Brüder, die es darin gibt, Franz und Karl, sind benannt nach den Brüdern Moor aus Schillers Räubern , kurzum: Es nimmt kein gutes Ende.

Ihr Erbe fordern die Söhne vom Vater zu dessen Lebzeiten, denn sie ahnen schon: Er will ihnen nichts hinterlassen, er hat, wie seine ganze Generation, zulasten und auf Kosten seiner Nachkommen gelebt. Ein Kampf beginnt. In Stephan Kimmigs Wiener Inszenierung sieht man nun Martin Schwab, den Darsteller des Vaters, wie er erzürnt im Schlafzimmer auf und ab tappt, den Söhnen die Leviten lesend, sich in Rage redend, und dabei hängt ihm unterm kurzen Hemd ein runzliges, aber riesiges Gemächt hervor.

Der Alte bemerkt es wohl, und er genießt es: Wie eine aus dem Holster gerutschte Waffe hängt das Zeugungsorgan zwischen ihm und seinen Söhnen: Ich habe euch erschaffen, und ich werde euch durch meine Beharrlichkeit vernichten.

In dieser Szene ist das ganze Stück enthalten: Die Potenz des Alten, im Schwinden begriffen, bedroht dennoch die Jungen. Solange der Alte Lebenslust empfindet, bleibt den Jungen nichts.

Für alle reicht es nicht – das unausgesprochene Gesetz des Neoliberalismus herrscht auch in diesem Stück, Palmetshofer illustriert die Folgen des Gesetzes. Bei ihm ist Familie ein Handelsplatz, auf dem rabiate Händler um alte Rechnungen streiten: Am Ende werden alle Handelsbeziehungen aufgelöst. Die Eltern überleben diese Liquidation nicht, aber dem Vater wird sein Wille erfüllt: Der Sohn erstattet ihm in einer höhnischen Szene den Gründungssamen zurück.

Leserkommentare
    • ösi
    • 02. Februar 2013 1:03 Uhr

    wobei der Palmetshofer beinahe eine veritable Beziehungskrise auslöste, so grantig waren wir nach dem Stück.

    Jelinek/Hartmann: hingehen zahlt sich auzs

    Empfehlung hingegen sind "Einige nachrichten an das All".
    Bühnenbild: Floran Lösche <3

    • zfat99
    • 02. Februar 2013 7:40 Uhr

    ... ist das Burgtheater nur noch ekelerregend. Penisse, Ketchup, abgetrennte Gummiextremitäten, ... . Wer Pseudokunst mag, soll hingehen. Das wirkliche Theaterleben in Wien spielt sich inzwischen in den kleinen Scenentheater.

    2 Leserempfehlungen
    • zfat99
    • 02. Februar 2013 7:55 Uhr

    Nein, das Stück zeigt das unausgeprochene Gesetzt der Ökobionachhaltigkeit, da eben sie will unbendingt etwas seinen ritalinversorgten Nachkommen hinterlassen.

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