ThyssenKrupp"Cromme bleibt!"

Schweigend ans Ziel: Der große Auftritt des Patriarchen Berthold Beitz bei der Hauptversammlung von ThyssenKrupp in Bochum. von 

Was mag ihm durch den Kopf gehen, als er sich, die linke Hand am Geländer, die wenigen Treppenstufen nach oben auf die beigegraue Bühne der Bochumer Kongresshalle zieht? 99 Jahre ist er im September geworden, er ist älter als alle anderen im Saal. Warum tut er sich das noch an? Aus Gewohnheit? Aus Angst um die Firma, aus Ärger über diesen Cromme, aus Freundschaft zu diesem Mann? Vier, fünf Meter sind es bis zu seinem Platz in der ersten Reihe. Früher wäre Berthold Beitz, die eine Hand in der Hosentasche, erst mal in alle Richtungen geschwärmt und hätte die allfälligen Huldigungen entgegengenommen. Heute macht hier niemand einen Diener. »Wir erwarten Tumulte«, sagen die Security-Kräfte am Eingang, wo sich die Sicherheitsschleusen befinden, als ginge es um einen Flug nach Tel Aviv und nicht um den Besuch einer Aktionärsversammlung von ThyssenKrupp.

Noch drei Meter. Begleitet wird der Ehrenvorsitzende der Alfried-Krupp-Stiftung, die gut 25 Prozent der Anteile an dem Konzern hält, von einem Mann, der in den nächsten Stunden den besten Platz hat im Saal, den neben dem Patriarchen. »Ralf Nentwig«, so heißt er, der Name steht vorn an seinem Tisch. Aufsichtsratschef Gerhard Cromme erwähnt ihn in seiner Rede ausdrücklich. »Ich freue mich, heute erstmals Herrn Dr. Ralf Nentwig auf der Bühne begrüßen zu dürfen. Herr Dr. Nentwig wurde mit Wirkung zum 1. Januar 2013 von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung in den Aufsichtsrat entsandt und tritt die Nachfolge von Herrn Steinbrück an, der sein Mandat zum 31. Dezember 2012 niedergelegt hat.«

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Keine Buhrufe an dieser Stelle, und dennoch: Ein Hauch von Rheinhausen 1987 liegt über dem Saal. Damals machte Cromme am Niederrhein das Kruppsche Stahlwerk dicht und stand deshalb bald in einem Eierregen. Auch wenn in Bochum nichts auf die Bühne fliegt, sehr viel beliebter ist der Manager seitdem nicht geworden. »Dr. Cromme, Sie haben...«, »Dr. Cromme, Sie hätten ...«, »Dr. Cromme, warum haben Sie nicht...« Und dann das Stichwort, das Reizwort, der Name »Steel Americas«, er ist heraus!

Großer Schlamassel mit zwei Stahlwerken, einem in Alabama, einem in Brasilien, ein paar Milliarden wird das sicher kosten. Damit ist das Eigenkapital halbiert, die Bilanz verhagelt, keine Dividende. Wer hat Schuld an dem Elend? Darum geht es jetzt. Dr. Cromme sieht sie eher nicht bei sich, andere eher schon. Jemand zitiert Altbanker Hermann Josef Abs, der schon vor vielen Jahren erkannt habe, »dass es leichter sei, einer eingeseiften Sau an den Schwanz zu fassen, als einen Aufsichtsrat in die Verantwortung zu bekommen«. Je länger die Veranstaltung dauert, umso strahlender erscheint die visionäre Kraft von Abs.

Schienenkartelle, Preisabsprachen – und die Frage nach dem Firmenjet

Keine Tumulte, aber herzhafte Buhrufe der Aktionäre, 3000 mögen es sein. Ausgerechnet Krupp! Wenn einer Ahnung hat, wie das mit Stahl geht, dann doch wohl diese Firma. Seit zweihundert Jahren führend auf diesem Gebiet und auch sonst kein Unternehmen wie jedes andere. »Der Zweck der Arbeit soll das Gemeinwohl sein, dann bringt Arbeit Segen, dann ist Arbeit Gebet!« Alfred Krupp hat das gesagt, angeblich im Jahr 1873. Worte, die von ziemlich weit her kommen für den, der Dr. Cromme reden hört. Schienenkartelle sind zu beanstanden, Preisabsprachen, wie geht man besser mit Compliance-Verstößen um? »Hat ThyssenKrupp eigentlich einen Firmenjet?«, will plötzlich jemand wissen.

Was wäre die Antwort von Beitz zu alldem? Bestimmt hat er eine Meinung. Beitz ist gut für den ganz großen Bogen. Früh, 1953, stieß er als neuer Generalbevollmächtigter zu Krupp. Später wurde er zum Testamentsvollstrecker Alfried Krupps ernannt, des großen Schweigers, mit dem er an Bord der Germania VI, der letzten Krupp-Jacht, über die Ostsee segelte. Dessen Sohn Arndt überredete Beitz in einer Septembernacht 1966 zum Erbverzicht. Es war die Geburtsstunde der Krupp-Stiftung, sein Meisterstück.

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