Tom Wolfe © Stephen Lovekin/Getty Images

Seit seinem Riesenerfolg Fegefeuer der Eitelkeiten im Jahr 1987 waren die Romane Tom Wolfes Schläge ins Gesicht des europäischen Geschmacks. Grell und laut war alles, was er schrieb. Wolfe erzählte von der Macht des Geldes und gab sich dabei keine Mühe, seine eigene Faszination für alle Formen des Luxus zu verhehlen. Er liebte die Zahlen. Vom Mercedes SEL bis zum Penthouse in der Park Avenue war die ganze Warenwelt in seinen Romanen immer mit präzisen Preisschildern versehen. Alles ist käuflich, lautete Wolfes Grundtenor – und Heuchler waren die, die über Geld nicht redeten. Mit der selben Hingabe, mit der Proust die Farbenspiele in den Bildern seiner Romanfigur Elstir beschrieb, teilte Wolfe den Lesern die Gehaltsabrechnungen seiner Protagonisten mit. Und er, der Produzent des amerikanischen Blockbusterromans, hielt sich damit auch noch für den legitimen Erben Balzacs! Das empfand die europäische Literaturkritik, die damals noch streng zwischen Kommerz und Kunst unterschied, als regelrecht dreist. Man rümpfte die Nase und vertrieb ihn, wie Jesus die Händler, aus dem Tempel der Hochkultur.

Doch Wolfe rächte sich. Der Dandy im weißen Smoking mit dem hochgeschlossenen Hemdkragen genoss es, das ästhetische Establishment von Old Europe bis aufs Blut zu reizen, indem er ihm heuchlerisches Vornehmgetue vorwarf. Kein Mittel konnte ihm dafür zu grob sein. Über die moderne Kunst machte Wolfe sich lustig wie ein Fünfziger-Jahre-Spießer, der erklärte, einen Jackson Pollock könne auch sein vierjähriger Sohn malen, wenn er seinen Wasserfarbenkasten auf einer Leinwand auskippe. Alles Subtile hielt Wolfe ohnehin für Priesterbetrug einer snobistischen Kulturschickeria, die um ihre Privilegien und Exklusivitätsrechte bangt. Doch den Anfechtungen zum Trotz: Wolfes Romane wurden kanonisch. Man konnte ihn nicht ignorieren. Zu stark war seine Neugier für die Gegenwart. Zu sehr hatte er einen eigenen Ton, den ihm keiner nachmachte. Und zu sehr hat er die Wahrnehmung der Welt, in der wir leben, mitgeprägt. Wer in den neunziger Jahren nach New York reiste, fuhr in die Tom-Wolfe-Stadt.

Nun hat Wolfe kurz vor seinem 82. Geburtstag noch einmal einen großen Roman vorgelegt. Obwohl Back to Blood gewiss nicht zu seinen stärksten Romanen zählt, müsste man ein schmallippiger Asket sein, um bei der Lektüre trotz vieler erheblicher Einwände nicht doch seinen Spaß zu haben. Alles, was groß und was billig ist an Wolfe, bekommt man hier noch einmal wie in einem übersüßen Cocktail serviert.

Back to Blood spielt in Miami und hat den Ehrgeiz, ein aktuelles Gesellschaftspanorama zu entwerfen. Man fragt sich allerdings, wie tief Wolfe tatsächlich in die Welt von Südflorida vorgedrungen ist. Der Roman wirkt, als habe sich der Autor auf eine mehrwöchige Recherchereise begeben, bei der der berühmte Schriftsteller von den lokalen Honoratioren von einem Brennpunkt zum nächsten weitergereicht wurde: Und hier haben wir unser sündhaft teures Szenerestaurant, das ist die berühmte Columbus Day Regatta, die dürfen Sie nicht verpassen, so sieht es in den Schwarzenghettos aus, auf dieser Privatinsel lässt es sich die weiße Oberschicht gut gehen, und bitte gehen Sie doch auch einmal mit unseren Cops von der Miami Marine Patrol auf Streife, das kontrastiert doch sehr gut mit der Art Basel Miami Beach! Aus den allerauffälligsten Beobachtungen hat Wolfe dann ein extrem überspitztes Bild gezeichnet.

Wie immer bei Wolfe ist die Welt durch Geld gegliedert, wobei die sozialen Klassen in diesem Fall die ethnische Herkunft reproduzieren. Ganz unten stehen die Afro-Americans, die mit Crack dealen, ganz oben russische Oligarchen, die ihren Reichtum krönen, indem sie sich als Kunstmäzene ausgeben. Die Polizei von Miami hingegen ist fest in den Händen der Kubaner, während die hellhäutig-blonden Anglos, die WASPs, sich auf ihren Privatinseln im Zustand zynischer Dekadenz eingebunkert haben. Der einzige Weg, die Rassenschranken zu überspringen, ist Sex, also körperliche Schönheit, die die junge Magdalena als Mittel für ihren sozialen Aufstieg einsetzt.

Der Plot von Back to Blood ist ziemlich zusammengeschustert: Da gibt es den Latino-Cop Nestor Camacho, der seine Polizeimarke abgeben muss, nachdem ihm und einem Kollegen im Eifer des Gefechts einer Verhaftung einige rassistische Ausdrücke gegen das schwarze Opfer über die Lippen gekommen sind. Nestors Freundin Magdalena, wie er kubanischer Herkunft, träumt von einem anderen Leben und lässt Nestor sitzen für den Promipsychiater Norman, der auf die Therapie Pornografiesüchtiger spezialisiert ist. Norman wiederum missbraucht seinen Beruf, um sich mithilfe seiner Patienten in die Welt der Superreichen einführen zu lassen. Die haben gerade die zeitgenössische Kunst als Distinktionsmittel für sich entdeckt, kaufen wie blödsinnig zu Fantasiepreisen alles auf, was die Galeristen und art advisers ihnen als den letzten heißen Scheiß einreden, und sind ansonsten in Kunstfälschungen verstrickt. Und der Journalist John Smith, ein reinrassiger Anglo mit Ivy-League-Abschluss, rührt daraus sein Mediensüppchen zusammen.