Roman "Back to Blood" Miami Vice
Tom Wolfe tut mit seinem Roman "Back to Blood" alles, damit wir nicht zu gut vom Menschen denken.
- Datum: 01.02.2013 - 10:14 Uhr
© Stephen Lovekin/Getty Images

Tom Wolfe
Seit seinem Riesenerfolg Fegefeuer der Eitelkeiten im Jahr 1987 waren die Romane Tom Wolfes Schläge ins Gesicht des europäischen Geschmacks. Grell und laut war alles, was er schrieb. Wolfe erzählte von der Macht des Geldes und gab sich dabei keine Mühe, seine eigene Faszination für alle Formen des Luxus zu verhehlen. Er liebte die Zahlen. Vom Mercedes SEL bis zum Penthouse in der Park Avenue war die ganze Warenwelt in seinen Romanen immer mit präzisen Preisschildern versehen. Alles ist käuflich, lautete Wolfes Grundtenor – und Heuchler waren die, die über Geld nicht redeten. Mit der selben Hingabe, mit der Proust die Farbenspiele in den Bildern seiner Romanfigur Elstir beschrieb, teilte Wolfe den Lesern die Gehaltsabrechnungen seiner Protagonisten mit. Und er, der Produzent des amerikanischen Blockbusterromans, hielt sich damit auch noch für den legitimen Erben Balzacs! Das empfand die europäische Literaturkritik, die damals noch streng zwischen Kommerz und Kunst unterschied, als regelrecht dreist. Man rümpfte die Nase und vertrieb ihn, wie Jesus die Händler, aus dem Tempel der Hochkultur.
Doch Wolfe rächte sich. Der Dandy im weißen Smoking mit dem hochgeschlossenen Hemdkragen genoss es, das ästhetische Establishment von Old Europe bis aufs Blut zu reizen, indem er ihm heuchlerisches Vornehmgetue vorwarf. Kein Mittel konnte ihm dafür zu grob sein. Über die moderne Kunst machte Wolfe sich lustig wie ein Fünfziger-Jahre-Spießer, der erklärte, einen Jackson Pollock könne auch sein vierjähriger Sohn malen, wenn er seinen Wasserfarbenkasten auf einer Leinwand auskippe. Alles Subtile hielt Wolfe ohnehin für Priesterbetrug einer snobistischen Kulturschickeria, die um ihre Privilegien und Exklusivitätsrechte bangt. Doch den Anfechtungen zum Trotz: Wolfes Romane wurden kanonisch. Man konnte ihn nicht ignorieren. Zu stark war seine Neugier für die Gegenwart. Zu sehr hatte er einen eigenen Ton, den ihm keiner nachmachte. Und zu sehr hat er die Wahrnehmung der Welt, in der wir leben, mitgeprägt. Wer in den neunziger Jahren nach New York reiste, fuhr in die Tom-Wolfe-Stadt.
Nun hat Wolfe kurz vor seinem 82. Geburtstag noch einmal einen großen Roman vorgelegt. Obwohl Back to Blood gewiss nicht zu seinen stärksten Romanen zählt, müsste man ein schmallippiger Asket sein, um bei der Lektüre trotz vieler erheblicher Einwände nicht doch seinen Spaß zu haben. Alles, was groß und was billig ist an Wolfe, bekommt man hier noch einmal wie in einem übersüßen Cocktail serviert.
Back to Blood spielt in Miami und hat den Ehrgeiz, ein aktuelles Gesellschaftspanorama zu entwerfen. Man fragt sich allerdings, wie tief Wolfe tatsächlich in die Welt von Südflorida vorgedrungen ist. Der Roman wirkt, als habe sich der Autor auf eine mehrwöchige Recherchereise begeben, bei der der berühmte Schriftsteller von den lokalen Honoratioren von einem Brennpunkt zum nächsten weitergereicht wurde: Und hier haben wir unser sündhaft teures Szenerestaurant, das ist die berühmte Columbus Day Regatta, die dürfen Sie nicht verpassen, so sieht es in den Schwarzenghettos aus, auf dieser Privatinsel lässt es sich die weiße Oberschicht gut gehen, und bitte gehen Sie doch auch einmal mit unseren Cops von der Miami Marine Patrol auf Streife, das kontrastiert doch sehr gut mit der Art Basel Miami Beach! Aus den allerauffälligsten Beobachtungen hat Wolfe dann ein extrem überspitztes Bild gezeichnet.
Wie immer bei Wolfe ist die Welt durch Geld gegliedert, wobei die sozialen Klassen in diesem Fall die ethnische Herkunft reproduzieren. Ganz unten stehen die Afro-Americans, die mit Crack dealen, ganz oben russische Oligarchen, die ihren Reichtum krönen, indem sie sich als Kunstmäzene ausgeben. Die Polizei von Miami hingegen ist fest in den Händen der Kubaner, während die hellhäutig-blonden Anglos, die WASPs, sich auf ihren Privatinseln im Zustand zynischer Dekadenz eingebunkert haben. Der einzige Weg, die Rassenschranken zu überspringen, ist Sex, also körperliche Schönheit, die die junge Magdalena als Mittel für ihren sozialen Aufstieg einsetzt.
Der Plot von Back to Blood ist ziemlich zusammengeschustert: Da gibt es den Latino-Cop Nestor Camacho, der seine Polizeimarke abgeben muss, nachdem ihm und einem Kollegen im Eifer des Gefechts einer Verhaftung einige rassistische Ausdrücke gegen das schwarze Opfer über die Lippen gekommen sind. Nestors Freundin Magdalena, wie er kubanischer Herkunft, träumt von einem anderen Leben und lässt Nestor sitzen für den Promipsychiater Norman, der auf die Therapie Pornografiesüchtiger spezialisiert ist. Norman wiederum missbraucht seinen Beruf, um sich mithilfe seiner Patienten in die Welt der Superreichen einführen zu lassen. Die haben gerade die zeitgenössische Kunst als Distinktionsmittel für sich entdeckt, kaufen wie blödsinnig zu Fantasiepreisen alles auf, was die Galeristen und art advisers ihnen als den letzten heißen Scheiß einreden, und sind ansonsten in Kunstfälschungen verstrickt. Und der Journalist John Smith, ein reinrassiger Anglo mit Ivy-League-Abschluss, rührt daraus sein Mediensüppchen zusammen.
Obwohl der Roman als Ganzer also eine ziemliche Kolportage ist, schillern seine einzelnen Szenen doch wie satirische Bravourstücke. Vom Dealer bis zum Kunsthändler, von der Krankenschwester bis zum Professor für französische Literatur stattet Wolfe seine Figuren mit einer schichtspezifischen Sprache aus, er schaut genau hin, wer welche Klamotten trägt und wer in welche Restaurants geht.
Dieses Verfahren für subtil zu halten wäre ein Missverständnis. Wolfe kennt keine Zwischentöne. Er will sie auch nicht kennen. Für ihn sind Zwischentöne Augenwischerei. Die Wahrheit ist grob. Er liebt den grellen Pinselstrich: Die drei Kategorien Geld, Rasse und Sex genügen ihm, um die ganze soziale Wirklichkeit zu beschreiben. Dieser Reduktionismus hat seine eigene Süffigkeit. Tom Wolfe ist so eine Art Bourdieu für Schwerhörige: Er brüllt den Lesern die feinen Unterschiede mit maximaler Lautstärke ins Ohr. Und sollte der Leser immer noch nicht kapiert haben, wechselt Wolfe auch gern mal das orthografische Register, um in Großschreibung festzuhalten, DASS DIE GESELLSCHAFT WIRKLICH NUR AUS EHRGEIZ UND STATUSDENKEN, AUS ABGRENZUNG UND DISTINKTION BESTEHT!
Was aus der Trias Geld, Rasse, Sex ist aber die elementare Macht? Die These, die dem Roman seinen Titel gibt, lautet: die Rasse. Aber wenn man Back to Blood liest, hat man eher das Gefühl, dass Wolfe am meisten beim Thema Sex Witterung aufnimmt. Wie ein Hund, der mit seiner Schnauze unverfroren bei jedem Menschen nach dem Geschlecht sucht, wittert Wolfe in jeder seiner Figuren sofort das Animalische. Der Autor kommt einem dabei manchmal vor wie ein bigotter Zensor, der nach Stellen sucht und sich dabei heimlich selbst befriedigt. Ganz aus dem Häuschen ist Wolfe, wie schamlos eng die Tangas zwischen den Pobacken der Mädchen verschwinden! Sein Roman wimmelt von Sexsüchtigen. Selbst die Kunst, die auf der Art Basel Miami verhökert wird, zeigt fickende Paare. Es gibt in dieser Welt weder Freiheit noch Würde, nur Triebreflexe. Sind sie nicht Tiere?, scheint Wolfe über seine Figuren zu sagen, schamlose Tiere? Schaut, wie sie hecheln und lechzen!
Ob Anglos, Latinos oder russische Oligarchen: Sie alle sind sabbernde Angeber, die dazugehören wollen und in Hochform kommen, wenn sie kraft der Macht des Geldes andere demütigen können. Wolfe selbst bereitet es dabei ein diebisches Vergnügen, allen Leuten in die Suppe ihrer emanzipatorischen Visionen zu spucken. Alle seine Romane waren im Grunde Widerrufe von Gerechtigkeitsversprechen: Ihr dachtet, ihr hättet die Rassentrennung überwunden? Wie blind seid ihr? Der Kampf der Rassen geht gerade erst richtig los!
Wolfes Moralismus ist der des Zynikers. Weil alle seine Figuren vollständig determiniert sind von ihren Trieben, sind sie ausweglos zu Dummheit verurteilt. Nie können sie sich selbst transzendieren. Das macht seinen Roman so statisch, der zwar saftig daherkommt, aber klüger und auch realistischer wäre, wenn er seinen Figuren zumindest eine minimale Dimension der Freiheit ließe.
- Quelle: DIE ZEIT, 24.1.2013 Nr. 05
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- Datum: 01.02.2013 - 10:14 Uhr
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auch von Wolfe, was für ein halluzinogenes Meisterwerk... und das zweite Stück Weltliteratur nach "On the Road", in dem derselbe autofahrende Freak namens Neil Cassidy eine Hauptrolle spielt...
das faszinierendste an der Sache ist für mich, dass die sich alle kannten: Ginsberg, Wolfe, Kesey, Borroughs, Leary, Kerouac, Cassidy...
und dass Kesey "one flew over the cuckoo's nest" teilweise unter Halluzinogenen schrieb, die ihm im Zuge von MK-Ultra-Experimenten verabreicht wurden, und dass das zu der Busreise führte, die in "Electric Kool-Aid-Acid-Test" beschrieben wurde, und dass das alles wirklich passiert ist... das ist amerikanische Geschichte.
Jetzt habe ich eine gute und eine schlechte*** Bewertung gelesen, was mich umso neugieriger macht, das Buch zu lesen. Es scheint zumindest sehr schrill und grell zu sein, dies scheint in beiden Bewertungen durch.
In aller Regel ist es so: Findet ein Film / ein Buch in den Zeitungen keinen Anklang, kann man es kaufen. Hmmm - andererseits bin ich durch die verschiedenen Meinungen wirklich neugierig geworden.
***
http://nomasliteraturblog...
Was ist "klug", was "realistisch"?
Selten ist soviel nach Phrasenverwahrplastikbox riechender Wortsalat mit der ranzigen Mayonnaise des großspurigen Bescheidwissertums serviert worden. Sind auch die Gemälde Pieter Bruegel des Älteren oder die Romane Grimmelshausens, die Stücke Shakespeares oder die Opern von Monteverdi oder Händel "Schläge ins Gesicht des europäischen Geschmacks"? Sie alle "zeichnen extrem überspitzte Bilder" und "brüllen" ihrem Publikum "die feinen Unterschiede mit maximaler Lautstärke" zu. Und alle dort auftretenden "Figuren [ sind ] vollständig determiniert (...) von ihren Trieben" oder anderen Mächten und "sind (...) ausweglos zu Dummheit verurteilt. Nie können sie sich selbst transzendieren."
Wenn Sie so ausführlich so wenig sagen, setzen Sie sich nicht selber dem Verdacht aus, sich "wie ein bigotter Zensor" zu verhalten, "der nach Stellen sucht und sich dabei heimlich selbst befriedigt"?
Wäre, wenn Sie schon darauf verzichten "das Charakteristische" dieses Zerrspiegels zu benennen, nicht genug gewesen uns zuzurufen: "Lest diesen erstaunlichen Roman eines 82 Jahre alten Großmeisters der bitterbösen Überzeichnung (Lest "zwischen den Zeilen" und lest ihn nach Möglichkeit auf Englisch, denn die Übersetzung ist allenfalls "ausreichend".), es handelt sich um ein Kaleidoskop der menschlichen Unzulänglichkeit"?
Das würde ich unterschreiben. Wer den Mut hat, sich selber als wandelndes Vorurteil anzutreffen, der besuche Miami an der Hand von Tom Wolfe.
Geld - ein ewig spannendes und kontroverses Thema...
Ich denke manchmal, wenn das Geld morgen als Phänomen verschwinden würde, hören sofort fast alle Kriege auf und einige einzelne (auch friedliche) Menschen verlieren ihr Existenzsinn...
Geld als ein direkter Draht zum Luxus ist deswegen so anziehend, weil er die grenzlose Zufriedenheit verspricht. Zufrieden durch eigene Mühe und nicht den Konsum zu werden – ist dennoch wesentlich schwieriger.
Kann man das Glück kaufen? Wenn das Glück als der hohe Status definiert wird – schon: zeigen Sie, dass Sie alle nötige Statussymbole besitzen und Sie sind sofort fast automatisch ein Insider. Und zwar in allen meisten Ländern und Gesellschaften dieser Welt.
Wenn man das Gefühl des Glücks jedoch nicht ausschließlich materiell definiert, sondern an andere Menschen und die an mental/emotionale Beziehungsqualität mit ihnen anknüpft, ist das Geld eigentlich egal: wieso muss ich als Person jemanden mögen, wenn er mir innerlich eher fremd ist?
Also, das gute alte Geld kann, m. M. n., viele Beziehungen kaputt machen und nur wenige bestärken. Nicht auf Dauer, mindestens.
Soll man das Geld dann beruhigt abschaffen?!
Keinesfalls!!
→ Das Geld heißt nicht nur Luxus, sondern auch persönliche Freiheit (das zu machen, was man für richtig hält). Und aus diesem Grund finde ich pragmatischer sich ans Geld nicht zu stark zu binden, aber trotzdem dieses Phänomen zu respektieren.
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