Islamismus : Die Köpfe des radikalen Islam
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 Die extreme Feministin

In einem schmuddeligen Neubauviertel der marokkanischen Stadt Salé öffnet eine Islamistin die Tür. Gegen die Mittfünfzigerin läuft ein Prozess, weil sie zum Sturz des Königs und zur Abschaffung der Monarchie aufgerufen hat. Nadia Yassine trägt braune Jacke, braune Hose, ein locker ums Haar geschlungenes Kopftuch. Sie galt lange als eine, die es nach ganz oben schafft. Ihr Vater, Scheich Abdessalam Yassine, führte die mächtigste islamistische Bewegung des Landes. Die scharfzüngige, kluge Tochter Nadia wurde als Nachfolgerin gehandelt. Eine Frau als Oberislamistin?

Als ihr Vater 2012 starb, wurde ein blasser Mann sein Nachfolger. Warum? »Frauen sind in unserer Bewegung stark vertreten, an der Basis sind es 50 Prozent«, sagt Nadia Yassine. Und an der Spitze? »Eine Frau sollte nicht gleich nach den Sternen greifen.« Sie lächelt so diplomatisch, wie sie nur kann. Innerlich wird sie wohl kochen, dass sie hinter einen Mann zurücktreten musste, der ihr intellektuell nicht das Wasser reichen kann. Beherrscht erklärt sie: »Jede Veränderung beginnt langsam.«

Nadia Yassine ist eine islamistische Aktivistin, die ihrer Heimat Marokko das »revolutionäre« Modell des iranischen Gottesstaats empfiehlt, aber selber keine Revolution machen darf, weil ihre Bewegung dafür zu konservativ ist. Islamismus bedeutet für Yassine »keinen Rückfall in vormoderne Zeiten, sondern eine gerechte Gesellschaft für alle Menschen«. Nur der Islam schaffe Gerechtigkeit. Um die Ungerechtigkeit zu beseitigen, brauche es aber eine Revolution. Ihre Augen glänzen, und man kann sich gut vorstellen, wie sie Menschenmengen in ihren Bann schlägt.

Doch die islamistische Realität sieht anders aus. Polygamie zum Beispiel, von Islamisten hartnäckig verteidigt, ist das Gegenteil von Geschlechtergerechtigkeit. »Ein Nebenproblem«, behauptet Yassine, »denn es steht nun mal im Koran, dass ein Mann bis zu vier Frauen haben kann.« Das dürfe keiner abschaffen. Aber Frauen müssten die Erlaubnis für die Mehrehe geben, wenn ihr Mann etwa eine zweite Frau nehmen will. »Der Koran ist kein Freifahrtschein für Machos.« Sie schießt natürlich auch gegen die Gleichberechtigung im Westen. Dort könne man doch nicht mehr unterscheiden, wer Mann und wer Frau sei. »Wir wollen im Islam keine Familien, wo der Mann die Frau spielt und umgekehrt. Der Mann steht für Disziplin und Kraft, er muss das Auskommen der Familie sichern. Die Frau steht für das Gefühl und den Zusammenhalt der Familie.« Wenn eine Frau zu Hause bleibe, dann solle sie aber vom Mann dafür auch ein Gehalt bekommen.

Die Idee klingt ein bisschen zu revolutionär für islamistische Männer. Will sie das zum Gesetz machen? Nein, das sei ein westlicher Gedanke. »Wir wollen die Leute nicht zwingen, sondern überzeugen. Wir werden sie erziehen!«

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Kommentare

44 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Zweifelhaft

Was Sie anführen, ist mir durchaus bewusst. Deshalb sprach ich bisher auch explizit vom politischem Christentum bzw. Islam. Es ist eindeutig, dass der von Mohammad gestiftete Urislam in seiner Konzeption politischer war als das Urchristentum. Aber sobald man der Ansicht ist, dass das Christentum bzw. christliche Konzeptionen der Gesellschaft mit politischen Mitteln aufoktroyiert werden sollen, verlässt man die Apolitik Christi und stellt sich auf eine Stufe mit Mohammad. Spätestens seit das Christentum Staatsreligion im römischen Reich wurde ist diese Differenzierung zwischen Islam und Christentum also praktisch obsolet.
Ob die Trennung von Staat/Gesellschaft und Religion im Evangelium begründet liegt, ist zweifelhaft - man könnte sich darauf einigen, dass die Trennung von Staat und Religion kompatibler mit dem Urchristentum ist als mit dem Urislam. Interessanterweise waren es aber gerade die calvinistischen und anabaptistischen "sola scriptura" Christen, die die ersten totalitär-religiösen Diktaturen der Welt etablierten.

@15 Standpunkt

"Jesus dagegen war politisch desinteressiert Die Trennung von Religion und Staat, wie sie sich im Zuge der Aufklärung durchgesetzt hat, liegt im Evangelium begründet.Um dies zu erkennen, genügt im Grunde ein Mindestmaß an religiöser Bildung.."

Was Jesus betrifft, mag das ja richtig sein. Jesus hätte sicherlich auch nicht gewollt, dass in seinem Namen Frauen als Hexen verbrannt wurden. Trotzdem kam es im Verlauf der christlichen Geschichte zu diesen Greultaten. Spätestens in Dreißigjährigen Krieg aber, hat sich die christliche Religion in ein politisches Macht- und Mordinstrument verwandelt.

Was Sie eben leider nicht einfach nur mit einem Verweis auf Jesus und das Evangelium ausblenden können, ist der Umstand, dass Reliogionen politische gebraucht und missbraucht wurden. Was die Religionsgründer ursprünglich einmal wollten, spielt bei den meisten Religionen später kaum noch eine Rolle.

Spannend finde ich vor allem die Frage, warum z.B. der real praktizierte und politisch genutzte Buddhismus oder Hinduismus so viel friedfertiger und toleranter erscheint als Christentum und Islam? Da würden mich wissenschaftliche Erklärungsversuche sehr interessieren.

Ihr Ernst?

"Aber solange in Europa immer noch christliche Parteien ihr Unwesen treiben dürfen und uns über substanzlose moralische Grundsätze indirekt ihren Glauben aufzwingen, sollten wir über Mursi und Konsorten nicht die Nase rümpfen."

Ich empfehle einen Abenteuerurlaub im Zentrum Kairos, damit Sie vielleicht nochmal ins Grübeln kommen, unter welchen "substanzlosen moralischen Grundsätzen" Sie denn lieber leben mögen.

Terroristen

"In Algerien griffen Terroristen ein Gasfeld an und töteten Ausländer. Diese Täter stehen dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahe, das sich in den vergangenen Jahren in ganz Nordafrika ausgebreitet hat."

" Für Jeremy Keenan von der School of Oriental Studies der Universität London ist Algerien der denkbar ungeeignetste Partner. Bereits in seinem letzten Buch über Amerikas Krieg gegen Terror in Afrika aus dem Jahr 2007 erklärte er die algerische Regierung und die USA zu Mitverantwortlichen für die Entführungen von Europäern in der Sahara. Heute verfügt Jeremy Keenan, der auch als Vermittler bei AQIM-Geiselnahmen fungierte, über neue Informationen und ist mehr denn je davon überzeugt, dass die Terroristen mit dem algerischen Geheimdienst, dem Département du Renseignement et de la Sécurité (DRS) zusammenarbeiten." (Heise)