Fiscal CliffDas Versagen Amerikas

Der Streit um die US-Staatsfinanzen offenbart eine tiefere Krise: 200 Jahre lang war Amerika ein hochgradig leistungsfähiges Land. Das wird gerade verspielt. von Daron Acemoglu

Nationen scheitern, wenn ihre Institutionen nicht funktionieren: weil sie diejenigen verwöhnen, die gerade politische Macht genießen, weil sie zum Schutz bestehender Privilegien Barrieren gegen neue Investitionen, Innovationen oder Arbeit errichten. Diese Art von Versagen würde man von einem Land wie Ägypten unter Mubarak erwarten oder von Argentinien unter den Kirchners und vielleicht auch noch von dem europäischen Establishment, soweit es unter der Fuchtel von Banken, Monopolen und Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes steht. Aber sicherlich nicht von den Vereinigten Staaten, von jenem Land, das als Inbegriff von ökonomischer und politischer Offenheit gilt. Dieser Ruf ist auch tatsächlich nicht ganz unbegründet.

Das schnelle Wirtschaftswachstum der USA in den vergangenen zwei Jahrhunderten war ein Ergebnis solcher Offenheit. Innovation und Industrialisierung in den USA wurden nicht so sehr von großen etablierten Unternehmen vorangetrieben, von Dynastien oder staatlichen Planern. Es gründete sich auf Start-up-Unternehmer, die von dem ungewöhnlich breiten Humankapital im Großteil des Landes profitierten, von einem Patentsystem, das Erfindern einen guten Schutz ihrer Rechte bot, auf ein Marktsystem, das Unternehmen schnell eine gewisse Größe erreichen ließ, und einigermaßen faire Spielregeln für alle.

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Patenthalter im 19. Jahrhundert waren selten die Söhne wohlhabender Landbesitzer, Kaufleute oder Industrieller. Nein, das waren Start-up-Unternehmer. Und dass es dazu kommen konnte, lag wiederum an der Offenheit der politischen Institutionen in den USA. Natürlich gab es auch ein paar erhebliche Probleme: Sklaverei, die bis zum Bürgerkrieg die Wirtschaft im Süden antrieb, die großen Einkommensunterschiede, die zum Ende des 19. Jahrhunderts und im Goldenen Zeitalter entstanden, die Unterdrückung der schwarzen Amerikaner im Süden der USA bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein. Doch in jedem dieser Fälle ist es interessant, wie das politische System sich veränderte und das Problem in Angriff nahm.

Daron Acemoglu

lehrt Ökonomie am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge bei Boston und ist Co-Autor des Buches »Why Nations Fail« (»Warum Nationen scheitern«)

Doch jetzt sind die USA an einen Punkt gekommen, an dem sie scheitern. Es ist kein point of no return, keineswegs – aber immerhin ist es womöglich schon zu spät, um noch einfach umzukehren und den angerichteten Schaden wieder zu reparieren.

Dieses Scheitern hat manche strukturelle Gründe, aber ein Teil der Verantwortung geht auch an eine besonders armselige Kohorte kurzsichtiger politischer Führer. Es ist eine in der Geschichte allzu häufig gemachte Erfahrung: Gute – also für viele Menschen nützliche – ökonomische und politische Institutionen geraten unter Druck. Ein Abrutschen zurück in den beharrlichen Schutz von Privilegien und ins Missmanagement kommt häufig vor.

Venedig ist dafür ein gutes, abschreckendes Beispiel. Im 10. Jahrhundert war es zu einem der reichsten Orte der Welt aufgestiegen; die Grundlage für den Reichtum waren Risikobereitschaft und Neuerungen, sowohl in technologischen Dingen wie bei den Institutionen. Die politischen Institutionen Venedigs banden für die damalige Zeit ungewöhnlich stark die Allgemeinheit ein: Die Macht war breit verteilt und die Macht der Exekutive, des Dogen, eingeschränkt. Venedigs ökonomische Institutionen waren sehr offen und förderten das Wachstum. Der Fernhandel etwa blühte einerseits wegen der innovativen Schiffe und andererseits wegen der innovativen Verträge (commenda), die es Kaufleuten ohne Kapital möglich machten, als Partner von Kaufleuten mit Kapital zu agieren.

Aber all das wurde wieder rückgängig gemacht, und damit begann eine Ära des Niedergangs in Venedig, in der die bis dahin wohlhabend gewordenen Kaufleute erst die politische Macht an sich rissen und den Zugang für Neuankömmlinge versperrten, und indem sie neue Leute dann von dem lukrativen Handel ausschlossen. Das ging so weit, dass irgendwann die commenda- Verträge verboten wurden.

Heute besteht das Risiko, dass die USA etwas ganz Ähnliches erleben. Die größte Herausforderung ist die Zunahme der gesellschaftlichen Ungleichheit über die vergangenen 40 Jahre. Zum Teil ist das eine Folge von technologischen Veränderungen, die bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten besonders belohnen, und der Globalisierung. Aber das erklärt noch nicht alles. Die Bereitstellung ebendieser am Arbeitsmarkt viel gefragten Fertigkeiten hat mit der Nachfrage nicht Schritt gehalten. Mehrere Institutionen des Arbeitsmarktes, besonders die Mindestlöhne und die Gewerkschaften und auch soziale Normen der als fair empfundenen Bezahlung, sind erodiert – und das war teilweise gut, teilweise schlecht. Auf jeden Fall aber hatte diese Entwicklung einen deutlichen Niedergang der Löhne am unteren Ende zur Folge.

Leserkommentare
  1. Als könnte ein Politiker die Dynamik des Kapitalismus aufhalten!
    ( USA ist nunmehr ein "Dritte-Welt-Land" :
    http://www.hintergrund.de/201211142352/wirtschaft/welt/usa-in-vier-einfa... )

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    Danke für den Link. Ein erschütternder Hintergrundartikel. Eines ist für mich jedenfalls klar: Sollten sich die U.S.A. wirtschaftlich nicht erholen können, wird auch ihre militärische Macht erschüttert werden. Schneller als gedacht könnten die stolzen US-Flugzeugträgerverbände von den Meeren verschwinden. Dann gehen die Kriege weltweit erst richtig los!

    • TDU
    • 03. Februar 2013 9:42 Uhr

    "Populismus, der marktfeindliche Rhetorik in politische Vorteile ummünzt, obwohl doch die wahre Gefahr, die wegen der Ungleichheit droht, zu wenig Markt statt zu viel ist."

    Da ist richtig, aber man glaubt nicht dran. Dabei könnte ein Sozialstaat doch Risiken absichern wie in Deutschland das möglich wäre. Der ist aber längst Selbstzweck geworden und Spielmaterial der Wahlkampf- und Verbandsinteressen. Und ausserdem hindert daran mittlerweile der stets zu versorgende viel zu große Apparat, der keine Risiken zulassen kann.

    USA könnte diese Gefahr begrenzen und einen kompatiblen Apparat aufbauen. Aber bei dieser Steuerphobie da, ist das wohl auch nicht möglich. Hier zu viel da zu wenig. Gewinnen tun da die Konzerne und hier der Staat und seine Nächsten.

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    Das ist doch die Ironie. Der Westen ist so reich wie noch nie, und die von den Interessen der Reichen eingeleitete Rhetorik von mehr Markt, mehr Eigenverantwortung, mehr Leistungsbereitschaft, mehr, mehr, mehr und weniger Markt tut so, als wäre es nicht die Raffgier der Mächtigen, die den Mangel, den Stillstand, die Aussichtslosigkeit an benachteiligter Stelle erst entstehen lässt.

    Das allerorts eingeübte und fleißig vorgetragene BWL-Mantra nach mehr Markt hat seine Wurzeln im arg protektionistischen 17. Jahrhundert und erinnert mich heute an den Gärtner, der gelernt hat, dass die Pflanzen Wasser brauchen, aber noch nicht gemerkt hat, dass wenn die Wurzeln anfange zu stinken, an Wasser kein Mangel mehr ist.

    Der Artikel hier nimmt wenigstens das historische Venedig in Betracht, erkennt aber nicht, dass sich die Bonzen damals auch nicht einfach verdrängen ließen oder sich der Allgemeinheit zuträgliche Vernunft aufschwatzen ließen, sondern am Ende lieber mit der ganzen Stadt dahinsiechten.

    So weit ist Amerika - oder sind wir - ja noch gar nicht. Es gibt immer noch Zyklen mit Wachstum. In absoluten Zahlen sind die Amerikaner immer noch die Reichsten.

    Rangfolge der Millionäre/Einwohner:
    1) Schweiz, 2) Vereinigte Arabische Emirate, 3) Vereinigte Staaten, 4) Deutschland, 5) Australien, 6) Österreich, 7) Russland, 8) Brasilien, 9) China
    http://de.wikipedia.org/wiki/Millionär

    Natürlich könnte allerhand Vernünftiges geschehen, wenn die Mächtigen nicht Anderes im Sinn hätten.

  2. Lieber Redaktör, ich verstehe ja das wer die Schuld haben muss damit es sich besser anhört. ABer Obama ?

    Etwas mitschuld wird wohl jeder haben, aber wo bleibt die erwähnung des bösartigen Politischen Klimas wo beide grosse Parteien wenn sie in der Oposition sind nur noch blocken und so nahezu jedwede Regirungsarbeit verhindern? Oder die Gräben die Bush hinterlassen hat, die mit den Patriot Akt und Gontanamo bis heute nicht beseitige werden konnen? Oder der Vergessene Krieg an der Südgrentze der immer noch von vielen eher verschlafen wird?

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  3. Wenn einmal festgestellt ist, dass der große Reichtum Weniger zu einer starken Machtverschiebung führt, so zu tun, als könne mehr Markt das Problem löst, kommt mir vor - Sie verzeihen - wie eine These aus einem kafkaesken Alptraum.

    So lange die Reichen so reich sind, wie sie sind, kann sich auch politisch nichts zum Besseren wandeln. Mehr Markt? Das ist genau, was sich die Mächtigen wünschen. Denn sie werden mit peinlicher Genauigkeit darauf achten, dass der Markt an den für sie günstigen Stellen befreit wird.

    Die Bankenkrise von 2007/8 wäre eine gute Chance gewesen, den Reichtum der im Finanzmarkt steckt wieder auf ein verträgliches Maß zu bringen. Die ganzen Rettungen haben diese Chance verspielt. Die kreative Zerstörung wurde mit Steuermillliarden verhindert. Nun müssen wir's halt weiter abwarten.

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    • Otto2
    • 03. Februar 2013 18:05 Uhr

    Wenn der Denkansatz von Daran Acemoglu stimmt, dürfte China gegenwärtig eines der Länder mit den effektivsten Institutionen und der klügsten Politik sein.

  4. ... wenn die meisten politischen Kommentatoren bemueht sind, die Schuld immer gleichmaessig auf Demokraten und Republikaner zu verteilen?

    Die Wahrheit ist wohl: es gibt keine perfekten demokratischen Institutionen, die vor dem Untergang schuetzen wuerden, wenn die groesste Oppositionspartei beschliesst, alles rechtlich Moegliche zu tun um ihre Position durchzusetzen. Denn wenn man alle Missbrauchsmoeglichkeiten entfernen wuerde, waere es wohl keine Demokratie mehr.

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  5. das Wachstum der Renten- und Gesundheitszahlungen eindämmen, die allmählich ein nicht mehr finanzierbares Niveau ansteuern.

    Ist das wirklich so. Oder ist das System einfach zu teuer organisiert. Oder will man es nicht mehr finanzieren. Oder begann der Abstieg Venedigs durch Finden das echten Seeweges der Portugiesen nach Indien. Fragen über Fragen stellen sich mir, und ich empfinde den Artikel nicht als empfehlenswert.

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  6. Es ist schon sehr verwunderlich wie der Autor trotz einer guten Analyse der Probleme Amerikas als Lösung genau das vorschlägt was zu dieser Krise geführt hat. nämlich mehr
    Markt. Die angeblich heilsbringende Kraft des Marktes trägt hier schon fast religiöse Züge.

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    der amerikanischen Schuldenlast zählen, die gleichzeitig in so unverantwortlicher Höhe anwuchs wie das Kapital der Superreichen auf 25 % des Volksvermögens. Ebenso vermisse ich eine Berücksichtigung der Kriegskosten. Haben die Amerikaner schon die Kosten des Vietnamkrieges bezahlt? Und die Kosten aller anderen Kriege, wer zahlt? Die Kosten einer prestige Weltraumforschung? Wie steht es mit der Tatsache, dass China schon seit Jahrzehnten der größte Gläubigr der USA ist?

    Für Ökonomen gibt es den Faktor Mensch offensichtlich überhaupt nicht. Auch die Gesundheitsindustrie funktioniert für jene, die auf ihr ewiges Leben hinarbeiten und dafür keine Kosten scheuen, dies auch nicht brauchen, während man den anderen ein Recht auf eine menschenwürdige, bezahlbare Gesundheitsfürsorge abspricht!

    Aber um den Kapitalismus müssen wir uns nicht sorgen. Er geht mit jedem Krieg unter und die ewig gleichen Kriegsgewinnler stehen wie der Phönix aus der Asche wieder für neue Schandtaten bereit. Da müssen die Amerikaner doch an jedem ihrer Kriege so richtig reich geworden sein! Oder nicht? Sonst ließen sie doch die Finger davon.

    Das solche Studien offensichtlich ungeprüft in die Welt gesetzt werden, ist m. E. verantwortungslos.

  7. Man sollte langsam vernünftiger sein, als bei Verfolgung zweier politischer / gesellschaftlicher Konzepte einer Seite das Böse und die Schuld zuzumessen.
    Wenn man so anschaut, wie mäßige viele Konzepte auf langeSicht funtionieren, dann ist es gar nicht so übel, dass sie bekämpft werden. (Bill Clintons supersoziale Hausbesitzidee z.B. ist nicht genug bekämpft worden, das hätte uns glatt die halbe letzte Bankenkrise gespart)

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte USA | Staatsverschuldung | Schulden | Wirtschaftskrise
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