Thrombose-Risiko : Die Pille der Unvernunft

Das hohe Thrombose-Risiko durch die Antibabypille der dritten und vierten Generation alarmiert Frankreich. In Deutschland erwacht das Problembewusstsein erst.
Anti-Baby-Pillen der dritten Generation © Philippe Huguen/AFP/Getty Images

Hormonelle Empfängnisverhütung berge für Frauen ein "leicht erhöhtes Risiko der Gerinnselbildung, welche zu teilweise schweren Gesundheitsschäden führen kann". So steht es lapidar in den Packungsbeilagen. Marion Larat hat dieses Schicksal getroffen. Die heute 24-jährige Französin hatte die Pille Meliane der sogenannten dritten Generation gerade einige Monate lang eingenommen, als ihre Eltern sie bewusstlos im Badezimmer fanden. Ein Blutgerinnsel hatte sich in ihrem Gehirn festgesetzt. Nach dem Erwachen war alles anders. "Danach begannen meine Jahre des Leidens", sagt die junge Frau aus Bordeaux. Heute muss Marion Larat um jedes Wort ringen, sie hatte damals die Sprache verloren und das Gefühl in ihrer rechten Körperhälfte.

Die zierliche Frau ist im Nachbarland zu einer Symbolfigur für den Kampf gegen die Pille geworden. Larat hat den Bayer-Konzern, Produzent von Meliane, auf Schadensersatz verklagt. Inzwischen beschuldigen Dutzende betroffener Frauen die hormonellen Verhütungsmittel, berichten in den französischen Medien von Schlaganfällen, Lungenembolien und Herzstillständen. Am 11. Januar griff die sozialistische Gesundheitsministerin Marisol Touraine durch: Von März dieses Jahres an werden die französischen Krankenkassen die Kosten für Meliane und vergleichbare Produkte nicht mehr erstatten.*

Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland verhüten seit Jahrzehnten rund 50 Prozent der Frauen mit Hormonpräparaten. In diesen oralen Kontrazeptiva hemmt ein Östrogen die Follikelreifung, und ein Gestagen verhindert die Befruchtung und das Einnisten der Eizelle. Pillen der sogenannten ersten Generation enthielten noch 50 Mikrogramm und mehr des synthetischen Östrogens Ethinylestradiol. Je mehr Östrogen aber in der Pille steckt, desto größer ist das Thrombose-Risiko. Für die zweite Generation der Pille reduzierten die Hersteller die Dosis auf 20 bis 30 Mikrogramm. Mit der dritten und vierten Generation der Pille kamen dann neue künstliche Gestagene wie Gestoden oder Desogestrel und später Drospirenon. Angeblicher Zusatznutzen: eine schönere Haut und weniger Gewichtszunahme.

Die Idee von der sicheren chemischen Verhütung ging nicht auf. Untersuchungen der amerikanischen Arzneimittelzulassungsbehörde FDA zeigten schon vor mehr als zehn Jahren, dass die Pillen der dritten und vierten Generation sogar häufiger als die vorherigen Produkte zu Lungenembolien, also dem Verschluss von Blutgefäßen der Lungen führen. Zuletzt wurden die erhöhten Gefahren 2011 von den Arzneimittelbehörden in Europa umfassend untersucht und bestätigt. Laut deutschem Ärzteblatterleiden zehn von 100.000 Frauen pro Jahr eine Thrombose, wenn sie keine hormonellen Kontrazeptiva einnehmen; mit Antibabypillen der zweiten Generation sind es rund 20 von 100.000 Frauen. Und die dritte und vierte Generation verdoppelt das Risiko noch einmal. Was noch immer als seltene Nebenwirkung gilt.

In Deutschland hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) immer wieder auf das erhöhte Risiko hingewiesen. "Von uns gibt es eine klare Empfehlung, das Thrombose-Risiko vor allem bei jungen Erstanwenderinnen zu berücksichtigen und vorzugsweise mit der zweiten Generation zu starten", sagt ein Sprecher des BfArM. Nur scheint dieser Hinweis weder bei den Frauen noch den Frauenärzten angekommen zu sein. Die Pillen der dritten Generation wie Yasmin, Yaz und Valette gehören zu den umsatzstärksten Arzneien. Laut dem Gesundheitsreport 2011 der Barmer-Ersatzkasse enthält die Hälfte der am häufigsten gekauften 20 Präparate in Deutschland "neuartige Gestagene mit ungünstigem Risiko-Nutzen-Verhältnis". Ärztinnen und Ärzte, heißt es in der Publikation, sollten nicht dem "Marketinggeklingel" von Unternehmen wie der Bayer AG folgen.

"Wir brauchen diese Produkte nicht. Alle Pillen verhüten gleich gut. Der angebliche Fortschritt bei den Drittgenerationspillen ist nur eine Marketingbotschaft", sagt Wolfgang Becker-Brüser, Arzt, Apotheker und Herausgeber des medikamentenkritischen Arznei-Telegramms.

Der Leverkusener Chemieriese Bayer will seinerseits die Ärzte und die Frauen in die Pflicht nehmen. "Schwere Nebenwirkungen wie Schlaganfälle und Herzinfarkte bei kombinierten oralen Kontrazeptiva sind bekannt. Der Arzt/die Ärztin berät seine/ihre Patientin auf Basis einer individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung und unter Beachtung der Gegenanzeigen und Warnhinweise", teilt ein Sprecher von Bayer auf Anfrage der ZEIT schriftlich mit. Am Ende sei es die Patientin, die nach dem Aufklärungsgespräch entscheide.


*am 30. Januar verkündete die französische Arzneimittelkontrollbehörde zudem, das Präparat Diane 35 und seine Generika als Verhütungsmittel vom Markt zu nehmen.

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