Wahl in NiedersachsenDas Wählerbiest

Die Bürger sind unberechenbar und schlau – das blamiert alle Parteitaktik und zwingt zum Kampf um die Sache. von 

Wenn der Wähler so ganz anders entschieden hat als allseits vermutet, muss dann nicht auch der Leitartikel ganz anders geschrieben werden als gewöhnlich? Mit dem Kommentar nach Wahlen hat es nämlich zumeist folgende Bewandtnis: Er erklärt haarklein, warum es genau so kommen musste, wie es gekommen ist. Nur: Wenn es anders gekommen wäre, hätte der Kommentar haarklein erklärt, warum es anders kommen musste. Darum wollen wir uns hier als Erstes verneigen vor dem unberechenbaren Wähler, dem unzähmbaren Wolf, dem wilden Demokratiebiest. In dieser Woche speziell vor dem niedersächsischen.

Da dachte man, Parteien, die sich vor Wahlen öffentlich streiten, könnten nur verlieren. Völlig falsch. Kaum je in der Geschichte der Bundesrepublik haben sich die Spitzenpolitiker einer Partei so offen bekriegt, wie es die der FDP seit Wochen tun. Und was geschieht? Zur Belohnung bekommen sie zehn Prozent, weit mehr, als die Demoskopen zu wissen meinten.

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Alle besorgten Beobachter glauben seit vielen Jahren, dass die Politikverdrossenheit beständig zunimmt, während die Wahlbeteiligung unaufhaltsam sinkt. Deshalb waren sie meist davon überzeugt, dass dieser Trend bestenfalls von extrem charismatischen Politikern ausnahmsweise mal gedreht werden kann. Und dann treten in Niedersachsen vier extrem uncharismatische Spitzenkandidaten an, und was tut die Wahlbeteiligung? Sie steigt. Während der einzige Charismatiker, der dort im Wahlkampf war, Peer Steinbrück, seinen Parteifreund Stephan Weil beinahe um den Erfolg gebracht hätte.

Nebenbei hat der niedersächsische Wolfswähler noch eine kleine andere These gerissen, die von der Zersplitterung des Parteiensystems. Nicht sechs Parteien zogen in den Landtag von Hannover ein, sondern nur vier, so wenige wie in den seligen achtziger Jahren. Offenbar, das Abschneiden der beiden Protestparteien Linke und Piraten zeigt es, hat die Wut des Wählers etwas abgenommen, zurzeit frisst er nur noch die Thesen von etablierten politischen Analysten, nicht aber die etablierten Politiker selbst.

Am deutlichsten jedoch hat der Wähler seine Unberechenbarkeit dort unter Beweis gestellt, wo mit ihm am raffiniertesten gerechnet werden sollte, nämlich bei der geflüsterten, aber unüberhörbaren Leihstimmenkampagne der CDU. Dort hatte man schlau gedacht, wäre doch schön, wenn die FDP ein, zwei Prozentchen mehr bekäme. Was dabei herauskam, ist bekannt.

Merke: Du sollst nicht mit dem Wähler spielen, denn er ist gefährlich!

Ansonsten sollte man nun, da die alten Thesen blutend im Schnee liegen, vorsichtig damit sein, neue in die Welt zu setzen. Einige Unverbesserliche sagen jetzt: Der Lagerwahlkampf ist wieder da! Ach ja?! Ist nicht eher die Union erst mal davon kuriert, der FDP über Hürden helfen zu wollen? Und wird nicht doch die Linke in den Bundestag einziehen, mit der höchstwahrscheinlichen Folge, dass nur lagerübergreifend koaliert werden kann?

Wenig Demut vor dem Wähler zeigt auch die Union. Nachdem man in Niedersachsen mit der ultraschlauen Leihstimmennummer so auf die Nase gefallen ist, will man nun offenbar etwas noch Komplizierteres veranstalten: CDU und CSU rücken, so der Plan, nach links, um auf der rechten Seite mehr Platz für die FDP zu lassen und so insgesamt mehr Stimmen zu holen. Gut, dass der Wahlbürger von diesem neuerlichen Dressurversuch öffentlich in Kenntnis gesetzt wird, dann ist schon mal ganz sicher, dass es nicht funktionieren wird. Man kann einem halbwegs intelligenten Menschen schließlich nicht erst seinen Trick erklären und anschließend hoffen, dass er drauf reinfällt.

Für die unverbesserlichen Taktiker unter den Parteipolitikern und den politischen Analysten sei hier noch einmal die Situation nach Niedersachsen und vor der Bundestagswahl skizziert: Wir haben eine FDP, von der man bis zum Tag vor der Wahl nicht wissen kann, ob sie vier oder zehn Prozent bekommt; die Wahl könnte drei, vier, fünf oder sechs Parteien ins Parlament bringen; danach könnte es eine schwarz-gelbe, eine schwarz-grüne, eine schwarz-rote, eine rot-grüne oder eine rot-grün-gelbe Koalition geben; oder auch eine absolute Mehrheit der Union.

Welche Taktik ergibt sich daraus für die Union? Keine. Und für die SPD? Keine. Für die Grünen? Keine. Für die FDP? Keine. Das ist alles schlichtweg zu kompliziert. Und der Wähler ist einfach zu schlau. Die neue Taktik lautet daher: Keine Taktik!

Und jetzt das eigentlich Schockierende: Nur die Inhalte zählen. Mindestlohn oder nicht, Mali-Einsatz oder nicht, Steuererhöhung oder nicht, Betreuungsgeld oder nicht, diese Sachen halt. Plus: die Glaubwürdigkeit der Kandidaten. Peer Steinbrück beispielsweise muss nun wirklich damit aufhören, sich über die Medien zu beklagen, nicht die Ungerechtigkeiten, die ihm widerfahren, sind wichtig, sondern die Ungerechtigkeiten, die den Leuten widerfahren. Und Angela Merkel wird einsehen müssen, dass sie allein kein Programm ist, sondern eins braucht. Sonst holen sie die Wölfe.

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Leserkommentare
  1. Im "günstigsten" Fall hätten ca. 280 Stimmen gereicht für einen Direktkandidaten, dass Rot-Grün verloren hätte. Etwas mehr in weiteren Wahlkreisen. 280 gegenüber - ich weiß nicht - vielleicht 60 000 Wahlberechtigten in einem Wahlkreis bei 60 Prozent Beteiligung ist nicht die Welt und ging auch schon rin der Vergangenheit in den Fehlzählungen vorläufige Ergebnisse unter.

    Alternativ: An Zweitstimmen fehlten aus meiner Erinnerung rund 2000 Stimmen (bzw. weniger) für das umgekehrte Ergebnis.

    Angeblich soll es aber im Gegenteil so sein: Noch mehr Leihstimmen an die FDP hätten das Ergebnis gedreht, und nicht wie im Artikel, weniger.

    Die Leihstimmengeber lagen also richtig und nicht falsch. Es waren nur zu wenige.

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  • Schlagworte Niedersachsen | Landtag | Landtagswahl | FDP
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