ItalienVilla und Wille

Denkt irgendwann auch mal jemand an die jungen Italiener? Roms Politiker verdrängen sie komplett. von 

Sizilien

In Termini Imerese auf Sizilien  |  © Tony Gentile/Reuters

Das Flugticket zur Wahl kostet 99 Euro – Sonderpreis der hoch verschuldeten italienischen Airline Alitalia. Der ebenfalls hoch verschuldete Staat zahlt mit, damit 25.000 Erasmus-Studenten am 24. und 25. Februar ihre Stimmen abgeben können. Eine typisch italienische Notlösung für eine enorme Peinlichkeit: Das Professorenkabinett unter Leitung des früheren Universitätsrektors Mario Monti hatte die Auslandsstudenten schlicht vergessen. Zwar hatte Monti kurz vor seinem Rücktritt noch schnell eine Notverordnung verabschiedet, die Professoren und Wissenschaftlern im Auslandseinsatz die Briefwahl erlaubt. Aber dass es tatsächlich auch italienische Studenten geben soll, die jenseits der Grenzen wohnen, war der Regierung in der Eile dann doch entfallen. Erst als die Studenten protestieren, wurden sie bemerkt. Ganz schnell wird jetzt auch Geld für sie lockergemacht, denn jede Stimme zählt.

Montis Amnesie ist symptomatisch für eine Führungsriege, die eine ganze Generation mitsamt ihren Problemen zu vergessen scheint. Mehr als jeder dritte Italiener unter 24 ist arbeitslos. Jeder Fünfte zwischen 15 und 30 absolviert weder eine Ausbildung, noch hat er einen Job, bei den Frauen ist es sogar jede Vierte. 28 Prozent der Akademiker suchen ihr Glück im Ausland – Italien leidet unter einem ungeheuren Braindrain. Die Statistiken sind alarmierend – aber deshalb wird das Drama der jungen Italiener noch lange kein zentrales Wahlkampfthema. Die Spitzenkandidaten streiten sich lieber hingebungsvoll um die Immobiliensteuer. Was vielleicht auch daran liegt, dass sie selbst fast alle schon im Rentenalter sind und ein paar eindrucksvolle Häuser besitzen.

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Silvio Berlusconi (76) hat sich schon öfter darüber beklagt, dass er es nicht mehr schaffe, in seinen vielen Villen zu wohnen. Sie stehen auf Sardinien, am Comer See, auf Lampedusa, in Portofino, in der Karibik und natürlich in der Nähe von Mailand. Nur in Rom wohnt Berlusconi zur Miete. Mario Monti (69) hat die Dienstwohnung im Palazzo Chigi noch nicht geräumt, obwohl seine Frau Elsa das Apartment höchst unpraktisch findet. In Brüssel und Mailand besitzen die Montis Wohnungen und Geschäfte. Der Exkomiker und Volksfront-Politiker Beppe Grillo (64) hingegen residiert in der Nähe von Genua in einer Villa mit Park und einem traumhaften Blick über das Meer. Nur Pier Luigi Bersani (61), der Führer des Mitte-links-Bündnisses, wohnt bescheiden.

Bersani bemüht sich um junge Kandidaten, nachdem er selbst gerade seinen innerparteilichen Konkurrenten Matteo Renzi (37) ausgestochen hat. Die Argumente der alten Parteiriege gegen Renzi waren: jung, unerfahren, ideologisch noch nicht gefestigt. Mit unter 40 ist man in der italienischen Politik eigentlich noch ein Baby, bis 50 gilt man als ragazzo, junger Mensch. Das liegt vielleicht schlicht auch daran, dass die italienische Gesellschaft so überaltert ist. Die echten ragazzi sind eine Minderheit. »Sie sind durchsichtig«, wie es der Corriere della Sera jüngst formulierte.

Die grauhaarigen Wahlkämpfer meinen, man müsse nur ins Internet, um sie zu erreichen. Ob Bersani, Monti oder Grillo – alle twittern, was das Zeug hält. Nur Berlusconi hält sich da zurück, er lässt lieber twittern. Aber er hat erstens keine grauen Haare. Und zweitens den direkten Draht zur Jugend: eine 27-jährige Verlobte.

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  • Schlagworte Italien | Wahlkampf | Parlamentswahl
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