Container im Hafen von Bremerhaven © REUTERS/Fabian Bimmer

Konjunkturberichte waren noch nie eine angenehme Lektüre, aber in diesen Tagen sind sie ein Ärgernis. Kürzlich etwa stand im jüngsten Bericht der Bundesbank in quälendem Jargon, dass »der vorläufigen Rechnung des Statistischen Bundesamtes zufolge das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vergangenen Jahr um 0,7 Prozent zugelegt« habe. Bedenklicherweise sei der Eingang neuer Aufträge für die Industrie im November zurückgegangen, »merklich«, um eindreiviertel Prozent. Die Deutschen hätten aber wenigstens fleißig weiter Wohnungen bauen lassen. Macht plus ein Prozent am Bau.

Das ist vielleicht eine korrekte Zusammenfassung der aktuellen Lage, aber trotzdem ist es ärgerlich. Fast alle Konjunkturprognosen tragen zurzeit, irgendwo auf den hinteren Seiten, einen dicken Warnhinweis. In der aktuellen Prognose des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) an der Universität Kiel etwa steht: »Allerdings ist die Gefahr einer spürbaren Verschlechterung der konjunkturellen Lage im Euro-Raum oder gar einer massiven Zuspitzung der Krise nach wie vor außerordentlich hoch.« Sprich: Alles kann ebenso gut ganz anders kommen. Das wahre Leben ist gerade viel spannender, als es die Kennziffern im kleinen einstelligen Bereich mit ihren fein berechneten Nachkommastellen erscheinen lassen.

Die eine große Sorge lautet: Die Schrecken der jüngeren Vergangenheit kehren noch einmal zurück. Die Krise, die man in diesen Tagen so gerne verdrängt, schwelt weiter, also kann sie auch wieder von Neuem ausbrechen. So sehen es übrigens auch viele Politiker und Manager, die zum World Economic Forum nach Davos anreisten, um große Zukunftsfragen zu debattieren: Eine Umfrage über die »globalen Risiken«, die stets im Vorfeld veranstaltet wird, ergab in diesem Jahr Sorgen vor einem neuen Finanzkollaps, vor Schuldenproblemen, vor Zusammenbrüchen weiterer Länder.

Die andere große Sorge aber lautet paradoxerweise: Vielleicht werden die Ursachen der Krise im Moment allzu schnell beseitigt. So schnell, dass es schon wieder schadet. Das ist ein Problem, vor dem sich besonders die Deutschen fürchten müssen.

Es gibt ja zwei grundlegende Denkschulen zur Krisenbekämpfung. Anhänger der keynesianischen Sicht raten im Moment: Habt noch ein wenig Geduld, spart euch nicht zu Tode, baut all die Schulden und die sonstigen Probleme lieber über einen sehr langen Zeitraum ab! Andernfalls steige die Gefahr eines erneuten Zusammenbruchs, der dann erst recht teuer werde. Mit Sorge blicken Keynesianer auf die Entwicklung, vor der zu Wochenbeginn die Internationale Arbeitsorganisation warnte: Wegen der Dauerkrise und der Unsicherheit laufe es nach wie vor schlecht an den Arbeitsmärkten. Seit 2007 hätten 28 Millionen Menschen ihre Stelle verloren und 39 Millionen die Jobsuche ganz aufgegeben. Keynesianer glauben: Wenn sich Arbeitslosigkeit erst mal festsetzt, ist der Schaden später kaum noch gutzumachen.

Im Augenblick setzt sich aber die entgegengesetzte Sichtweise besser durch, die stabilitätspolitische, wie sie vor allem deutsche Ökonomen vertreten: Die Schulden müssen raus aus dem System! Bittere Medizin schluckt man am besten schnell! Dann fassen die Menschen wieder Vertrauen, dann kann es wieder aufwärtsgehen. Etliche Politiker in vielen Ländern haben es mit dieser stabilitätspolitischen Rosskur so weit getrieben, dass sie darüber beinahe oder tatsächlich stürzten. Politische Zerreißproben um radikale Sparprogramme gab es von Griechenland bis in die USA. Eine Folge: Weil jetzt so viele Länder auf einmal Sparprogramme verwirklichen und das Wachstum ihrer Volkswirtschaften bremsen, legt auch die Weltwirtschaft insgesamt eine Verschnaufpause ein. Für das laufende Jahr sind bloß drei bis vier Prozent globales Wachstum zu erwarten, das Volumen des Welthandels steigt bloß noch sehr langsam.

Unklar ist dabei, wo das von den Stabilitätspolitikern erhoffte Vertrauen in die Zukunft entstanden sein soll. Wenn Sparprogramme ganze Regierungen destabilisieren, kommt es eher zu mehr Unsicherheit. In den USA drohte der Haushaltsstreit zwischen Demokraten und Republikanern zu Jahresbeginn das ganze Land in eine Rezession zu stürzen, bis ein Kompromiss in letzter Minute das Problem um ein paar Monate aufschob.

Exportflaute bleibt wohl keine vorübergehende Erscheinung

Andernorts hat das Schnellsparen dazu geführt, dass die Notenbanken in die Bresche sprangen und sich genötigt sahen, durch lockere Geldpolitik dem staatlichen Nachfrageausfall entgegenzuwirken oder durch den Aufkauf von Staats- und Unternehmenspapieren Zusammenbrüche von Finanzinstitutionen zu verhindern. Auf Dauer aber gefährdet das ihr Ansehen und ihre Unabhängigkeit von der Politik. Eine Gefahr, vor der auch Leute wie der Bundesbankchef Jens Weidmann – selber ein überzeugter Stabilitätspolitiker – neuerdings warnen. Vertrauen in die Zukunft hat auch das nicht geschaffen.

Allerdings geht die Debatte eigentlich längst über den schlichten Gegensatz von Schnellsparen und Langsamsparen hinaus. Es gibt einfach Volkswirtschaften, die für die kommenden Jahrzehnte neue Geschäftsmodelle brauchen – neue Ideen, wo künftig neuer Wohlstand erwirtschaftet werden soll, wenn die Globalisierung und das Weltwachstum nicht mehr so rasant voranschreiten wie bisher. Am Binnenmarkt? In einer entfesselten Dienstleistungswirtschaft? In einer futuristischen Öko-Ökonomie?

Deutschland ist dafür ein gutes Beispiel. Bisher exportierte die hiesige Wirtschaft mit großem Erfolg Geräte für moderne Produktionsanlagen, Hightech, Autos, Luxusartikel und dergleichen nach China und in die ganze Welt. Es war und ist ein großer Erfolgsbeweis für die deutsche Wettbewerbsfähigkeit und die Umtriebigkeit der deutschen Unternehmer, Verbände und Wirtschaftsförderer. Bloß läuft dieses Geschäft nicht mehr so gut wie früher. Seit Mitte 2011 berichtet das IfW davon, dass alles »auf eine abnehmende Nachfrage nach deutschen Investitionsgütern« hindeute, »auch für das Gesamtjahr 2013«.

Und leider weist auch viel darauf hin, dass die Exportflaute keine vorübergehende Erscheinung bleibt in einer Welt, in der sich auch andere Länder neue Geschäftsmodelle suchen. Vielleicht brauchen sie künftig einfach weniger deutsche Werkzeugmaschinen. Die USA wollen sich gerade neu erfinden, ihren alten Traum von der Unabhängigkeit vom Öl und von Energieimporten umsetzen und einen großen Teil der abgewanderten Industrie in ihr eigenes Land zurückholen. In China hat man begriffen: Die Sache mit der Werkbank für die Welt, bestückt mit ausländischen Werkzeugen, war eine sensationelle Abkürzung auf dem Weg zum Wohlstand, aber viel weiter kann man ihn nicht mehr gehen. In Zukunft geht es den Chinesen eher darum, ihren Binnenmarkt auszubauen, eigene Innovationen und höherwertige Produkte statt Billigware zu produzieren, und all das im Einklang mit sozialen Herausforderungen und deutlich mehr Wasser-, Luft- und Umweltschutz. Auch in höhere Bildung soll massiv investiert werden.

Es kann also sein, dass am Ende der Aufräumarbeiten nach der Weltwirtschaftskrise eine große Überraschung steht: Das Land, das allen andern die Sparpolitik vorgelebt und dank seiner Wettbewerbsfähigkeit überragende Exporterfolge eingefahren hat – das muss sich besonders dringend etwas Neues einfallen lassen. Das ist wohl die Wahrheit, die sich hinter der lustlosen Arithmetik der aktuellen Konjunkturberichte verbirgt.