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Das Portal Wikivoyage will Reiseinformationen so objektiv wie möglich halten – und verzichtet auf Werbung und Rankings. von Karin Ceballos Betancur

Reisetipps für Birma? Auf Wikivoyage finden Reisende Rat.

Reisetipps für Birma? Auf Wikivoyage finden Reisende Rat.   |  © Paula Bronstein/Getty Images

Die besten Reisesouvenirs machen sich nicht gut im Wohnzimmer. Man bringt sie auf fleckigen Schmierzetteln mit nach Hause: die Adresse der Bar in Buenos Aires, in der Musiker nach Mitternacht kostenlos Tango spielen, des Lokals mit der aromatischsten melitzanosaláta von Amorgos. Und oft möchte man diese Tipps nach der Rückkehr teilen.

Nun ist die digitale Welt nicht arm an Plattformen für den touristischen Erfahrungsaustausch. Allerdings dienen die meisten von ihnen kommerziellen Interessen. Ihre Betreiber sammeln Benutzerdaten, säumen die Seitenränder mit Werbeanzeigen. Wikivoyage, das am 15. Januar als erstes Reiseprojekt unter dem Dach der US-Stiftung Wikimedia Foundation (WMF) gestartet ist, will einen anderen Weg gehen. Unter Stichwörtern wie Einkaufen, Nachtleben, Küche und Klarkommen soll jeder beitragen können, was er möchte – ohne kommerzielle Störungen.

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Hervorgegangen ist Wikivoyage aus dem Portal Wikitravel, das zunächst ebenfalls anzeigenfrei auf der kostenlosen Wiki-Software basierte. Als der Inhaber 2006 jedoch die Werbefirma Internet-Brands mit ins Boot holte, zog Wikitravel-Autor Stefan Fussan es vor, selbst ins kalte Wasser zu springen. Mit sechs Gleichgesinnten gründete der 42 Jahre alte Vermesser den Verein Wikivoyage und das dazugehörige Portal. Ein Jahr später schlossen sich frustrierte Autoren der italienischen Wikitravel-Seite an. 2011 kam es auch in der englischsprachigen Community zu einer Spaltung. Aktuell zählt Wikivoyage Fussan zufolge weltweit etwa 500 Stammautoren.

In Zukunft wird sich nun die Stiftung um Öffentlichkeitsarbeit, Spenden und Infrastruktur des Portals kümmern. Von der Zusammenarbeit verspricht sich der frühere Verein, der weiterhin das Projektmanagement verantwortet, Entlastung; die Stiftung hofft ihrerseits auf neue Autoren, deren Zahl bei ihrem Flaggschiff Wikipedia seit einiger Zeit stagniert – nicht zuletzt aufgrund des komplizierten Regelwerks. »Wir glauben, dass da gute Synergien entstehen können«, sagt Catrin Schoneville, Sprecherin von Wikimedia Deutschland.

Aber verträgt sich das Wiki-Konzept überhaupt mit dem Reisen? Während beim schwarmorientierten Wikipedia durch das Mitwirken vieler ein Höchstmaß an Objektivität gewährleistet werden soll, sind Reisetipps schon ihrem Wesen nach subjektiv. Auf die Frage nach dem Inhalt der Relativitätstheorie gibt es eine einzige richtige Antwort. Auf die nach der besten Kneipe von Barcelona im Zweifelsfall dreihundert.

Auf den Wikivoyage-Seiten, die äußerlich Wikipedia-Einträgen ähneln, soll es im Gegensatz zu den meisten anderen Reiseplattformen keine Rankings geben. Ein Stilhandbuch fordert Autoren auf, Tipps möglichst objektiv zu begründen, statt mit Emphase ans Werk zu gehen – damit jeder für sich entscheiden kann, ob das Hotel, der Club, das Restaurant für ihn taugt. »Trotzdem wird es in der Community sicher immer wieder Diskussionen geben, auch recht herzhafte«, sagt Stefan Fussan, »aber wir denken, dass es trotzdem funktioniert.«

Bislang, so Fussan, sei der Autorenstamm noch so überschaubar, dass er die meisten persönlich kenne. Entsprechend nackt wirken viele Einträge. Wenn das Konzept aufgeht, könnte es sein, dass man eines Tages viel Geduld für Wikivoyage braucht – und einen kräftigen Zeigefinger zum Scrollen.

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Leserkommentare
  1. Es ist wie immer im Netz. Die Informationen sind da, sie sind nur nicht leicht zu finden unter all dem Scherbenhaufen. Das selbe könnte hier passieren, auch wenn auf Qualitätsmanagement gesetzt wird.

    Ich bin gespannt, wie es wird. Der Ansatz klingt schon mal sehr gut! Danke für den guten Artikel!

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