AusbildungAzubis auf der Walz

England, Italien, Ungarn – drei Lehrlinge erzählen von ihrer Zeit im Ausland. von Franziska Bauer

Als Ergotherapeutin nach England

»In England arbeitete ich zum ersten Mal mit schwer kranken Menschen. Ich wollte unbedingt ins Ausland, deshalb hatte ich mich für die Ergotherapie-Berufsfachschule in Mainz beworben, da sie während der Ausbildung ein Auslandspraktikum anbietet. Ich kam dann auf die Krebsstation einer Klinik in Cheltenham, einer Stadt in der Grafschaft Gloucestershire. Ergotherapie bei Krebspatienten einzusetzen ist in Deutschland nicht weit verbreitet. Mein Ziel als Ergotherapeutin ist es, Menschen zu helfen, während oder nach einer Krankheit in ihr Umfeld zurückzufinden. Bei einem Training mit einer Patientin haben wir gemeinsam gekocht und festgestellt, dass sie einen kleinen Stuhl in der Küche braucht, um nicht so lange stehen zu müssen. Ich habe mich total gefreut, als ich sah, wie ihr dieses einfache Hilfsmittel Sicherheit gibt. In der fremden Sprache mit den Patienten zu arbeiten, mit ihnen über ihre Krankheit zu reden hat mich an meine Grenzen gebracht. Jede Woche habe ich mit meiner Anleiterin Ziele aufgeschrieben. Erst war das zum Beispiel ein selbstsicherer Umgang mit Patienten, oder ich nahm mir vor, bei einem Krankengespräch Protokoll zu führen. In der nächsten Woche habe ich das Gespräch schon selbst geführt und bald beides alleine gemacht. Ich habe mir angewöhnt, auf Englisch Tagebuch zu schreiben, und irgendwann habe ich sogar auf Englisch geträumt.«

Susanne Martin, 24, betreute krebskranke Menschen

Als Steinmetz nach Italien

»Seit der Antike ist die Gegend um Carrara für ihren Marmor berühmt. Als Steinmetz muss man da mal gewesen sein. Ich hatte mich bei einem Auslandsprojekt der Handwerkskammer für einen Aufenthalt in Italien beworben. Im Aufnahmetest wurden italienische Fachvokabeln getestet, und ich sollte aus einem Stein in zwei Stunden ein Werkstück anfertigen. Es klappte, und mein Meister stellte mich frei. Ich arbeitete in einer Werkstatt, in der sich Bildhauer aus aller Welt einmieten. Ohne den normalen Betriebsalltag konnte ich mich auf mein erstes eigenes bildhauerisches Projekt konzentrieren: eine klassische Büste des Philosophen Hegel aus Marmor. Mein Vater ist Professor für Philosophie, und Hegel geisterte seit meiner Kindheit in meinem Kopf herum. In einem Steinbruch suchte ich zwischen meterhohen Marmorwänden nach einem passenden Stein. Von den anderen Bildhauern habe ich gelernt, wie ich mit dem Punktiergerät, mit einem alten Kopierverfahren, Hegels Gesichtszüge vom Gipsabguss in den Marmor übertrage. Bei Marmor muss man vorsichtig sein, weil er Risse ziehen kann. Darum war ich erst zu zaghaft, wurde aber nach und nach sicherer beim Hauen. Hegels Gesicht mit den Tränensäcken und Koteletten werde ich nicht mehr vergessen.«

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Gerrit Arndt, 27, schuf eine Hegel-Büste aus Marmor

Als Verfahrensmechanikerin nach Ungarn

»Als mich mein Meister gefragt hat, ob ich sechs Wochen in dem neuen Mercedes-Werk in Kecskemét in Ungarn arbeiten möchte, habe ich sofort zugesagt. Ich bin dann jeden Tag in einem völlig überfüllten Bus zur Arbeit gefahren. Eine Dreiviertelstunde lang. Einmal stieg eine Frau mit einem Korb ein, aus dem es gackerte. Sie hatte ein Huhn auf dem Markt gekauft. Hühner in Bussen sind bei uns ja doch extrem selten. In Ungarn habe ich mich stark mit Lackierrobotern auseinandergesetzt, um zu verstehen, wie die Maschinen arbeiten und wo Fehler entstehen können. Als Verfahrensmechanikerin bin ich dafür zuständig, Lackieranlagen, die die Karosserie beschichten, zu betreuen und die Arbeitsschritte der Maschinen auf Fehler zu prüfen. Bei einer Roboterschulung hat ein deutscher Meister nur einen Kollegen und mich betreut, und wir konnten ihn mit Fragen löchern, wie man die Roboter programmiert und wie die Steuerung funktioniert. In den ersten Wochen in Ungarn habe ich mit einem anderen Azubi eine Präsentation über ein neues Mercedes-Modell erstellt und sie mit einem ungarischen Praktikanten übersetzt. Viele der neuen Azubis fragen mich, ob sich ein Auslandsaufenthalt lohnt. Ich empfehle ihnen dann, diese Chance auf jeden Fall zu nutzen. Ich würde sofort wieder weggehen, wenn sich nach der Ausbildung die Möglichkeit dazu ergeben würde.«

Chantal Frieling, 23, lernte in Ungarn viel über Roboter

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Leserkommentare
  1. In Projekten der deutschen Entwicklungshilfe in der Land – Forstwirtschaft, etc… z. B. hier in Latein Amerika, finden meist nur eher kopflastige Jung Akademiker einen Platz für ein Praktikum. Es währe sinnvoll und wünschenswert hier mehr solche jungen Praktiker anzufinden, die dieser Artikel beschreibt.

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