ArchitekturNichts ist für immer, alles ist möglich!

Eine neue Architekturbewegung erobert die Städte. Sie baut nicht für die Ewigkeit, sondern recycelt Häuser aus modernen Ruinen. von Tobias Timm

Das Gebäude aus Beton und Glas von Arno Brandlhuber iin Berlin

Das Gebäude aus Beton und Glas von Arno Brandlhuber iin Berlin  |  © Philipp Langenheim für Freunde von Freunden

Wie wollen Architekten heute bauen? In Frankfurt wurde soeben eine Ausstellung der besten deutschen Bauten des Jahres 2012 eröffnet. Zweiundzwanzig Projekte, darunter auch der Entwurf des Siegers: Max Dudlers Umbau des Hambacher Schlosses und sein Restaurant-Anbau. Dicke Mauern, viel Buntsandstein, ein Bau für die Ewigkeit. Die übrigen Projekte sind ein schönes Sammelsurium verschiedener Tendenzen, von den gigantischen pilzförmigen Schattenspendern, die Jürgen Mayer H. mitten in Sevilla aufstellen durfte, bis zum Neubau des Adidas-Entwicklungszentrums in Herzogenaurach des Büros Kadawittfeldarchitektur. Im Architekturjahrbuch zur Ausstellung gibt es dazu einen Artikel über »konservative Tendenzen in der Gegenwartsarchitektur« – gemeint ist ein Baustil.

Doch einen internationalen Trend, der auch hierzulande seit mehreren Jahren viele Anhänger findet, verpasst die Ausstellung. Das Restaurant des Hambacher Schlosses mag ein perfekt gearbeitetes Gebäude sein, aber viele, gerade jüngere Baumeister arbeiten derzeit an einer gänzlich anderen Architektur. Freier soll sie sein und vor allem einfacher. Sie ist bewusst unverkünstelt, erhebt keinen Anspruch auf Ewigkeit und versteht sich besonders gut auf die Wieder- und Umnutzung vorhandener Bauten. Und sie ist – eine frohe Botschaft angesichts der gegenwärtigen Diskussionen um ständig steigende Baukosten in Hamburg, Stuttgart und Berlin – vergleichsweise günstig.

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Typisch für die Bauten dieser Bewegung, die bisher weder einen Namen noch ein Manifest hat, ist der Gebrauch von Sichtbeton. Dazu kommen Materialien, die man normalerweise nicht in Wohn- und Bürohäusern findet, sondern höchstens auf deren Baustellen: gelbe Betonschalungsbretter werden zu Wohnungsdecken und Gerüststangen zu tragenden Säulen – wie in den Gebäuden der im belgischen Gent beheimateten Jan de Vylder, Inge Vinck und Jo Taillieu. Das Architektentrio baut gerne heruntergekommene Häuser um und konzentriert sich dabei laut eigener Aussage darauf, einen guten Ort zum Kochen, den passenden Platz fürs Sofa und den richtigen Weg zur Toilette zu finden. Stets arbeiten sie eng mit den Bauherren zusammen, das Bauen ist für sie ein offener Prozess, bei dem improvisiert werden darf. So hält es auch die Berliner Gruppe Raumlabor, die temporäre Pavillons aus alten Flaschen, Öltonnen und Holzpaletten konstruiert.

Mit dem Sichtbeton erfährt auch der Brutalismus eine Renaissance

In Berlin-Mitte verwandelte der Architekt Arno Brandlhuber eine Bauruine in der Brunnenstraße aus den Zeiten des letzten Immobilienbooms mittels einfacher Materialien in ein recht elegantes Galerien- und Bürohaus. Derzeit baut Brandlhuber in Kreuzberg die in den sechziger Jahren von Werner Düttmann im Geiste des Brutalismus entworfene St.-Agnes-Kirche mit wenigen Eingriffen als Galerie für Johann König um (ZEIT Nr. 8/12). Dieser Bau ist vor allem deshalb interessant, weil zusammen mit dem béton brut als Rohmaterial auch das historische Projekt des Brutalismus unter progressiven Architekten derzeit so etwas wie eine Renaissance erfährt. Auch den Brutalisten ging es schließlich um Authentizität und alltagstaugliche Gestaltung – was allerdings zuweilen recht grobschlächtig geriet.

Um mehr Bilder des Gebäudes von Arno Brandlhuber in Berlin zu sehen, klicken Sie bitte auf dieses Bild.

Um mehr Bilder des Gebäudes von Arno Brandlhuber in Berlin zu sehen, klicken Sie bitte auf dieses Bild.   |  © Philipp Langenheim für Freunde von Freunden

Und so könnte man diese Bewegung als Neobrutalismus bezeichnen oder auch als pragmatischen Idealismus. Der gemeinsame ästhetische Nenner ist die Vorläufigkeit, es geht um eine Ästhetik des Rohbaus. Wobei die Architekten, die sich für die neue Direktheit begeistern, ihre Bestrebungen keinesfalls als einen Stil bezeichnet wissen wollen. Denn der Begriff scheint nicht recht zu passen, wenn man sich wenig für das Ornament und feinsten Fassadenputz interessiert, sondern in erster Linie für gesellschaftliche, urbane und planerische Prozesse, für die Verbesserung von Lebens- und Stadtqualität. Die neuen Pragmatiker verbindet eher eine Haltung, es ist ein solidarischer Anarchismus. Sie grenzen sich ab von den Allüren der Stararchitekten, besonders derjenigen, die mit großer Geste immer neue Fußballstadien, Museen und Opernhäuser für Diktaturen entwerfen.

Warum nicht den Recycling-Realisten die Elbphilharmonie überlassen?

So wie die Architekturexporte aus dem Westen nach China, in die Emirate und andere ähnlich undemokratisch verfasste Länder ein Zeichen ihrer Zeit sind – und von der Entstehung eines globalisierten Geschmacks der Machteliten zeugen –, so muss man auch die neue Architektur der Vorläufigkeit als Spiegel der Gesellschaft verstehen. Wo die Arbeitsbedingungen und Lebensumstände nicht nur für die breite Masse der hiesigen Architekten selbst immer prekärer und zwangsflexibilisierter sind, da scheinen auch die Gebäude anpassungsfähiger, ihre Nutzungsoptionen vielfältiger zu werden. Nichts ist für immer, alles ist möglich! Und wo der Wunsch nach Nachhaltigkeit und Partizipation wächst, da wächst auch der Wille, am Alten weiterzubauen und gemeinschaftlich zu entwerfen.

Leserkommentare
    • oooo
    • 14. Februar 2013 3:56 Uhr

    "Typisch für die Bauten dieser Bewegung[...] ist der Gebrauch von Sichtbeton."

    Sichtbeton wird wohl kaum als Alleinstellungsmerkmal reichen. Den verwendet ja seit Jahrzehnten schon so ziemlich jeder Architekt, wenn er sich über Materialien keine weiteren Gedanken machen möchte.

    Auch der Brutalismus (der immer da scheitert, wo Menschen den Gebäuden sich auf mehr als 10 Meter nähern müssen) zeichnete sich nicht primär durch die Verwendung von Rohbeton, sondern durch die Formsprache aus.

    Sorry, aber die Bilder zeigen hässliches Innenräume, man friert ja schon beim Anblick der immerkalten Wände. Daran werden nur wenige Puristen Gefallen finden. Eine Massenbewegung wird das nicht.

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