Alberto Giacometti : Stilvoll verzweifelt

Alberto Giacometti wird oft als Jahrhundertkünstler gepriesen, jetzt auch in Hamburg. Ein gewaltiger Irrtum: Er war kein Stürmer und Dränger, kein Regelbrecher und Wahrnehmungszertrümmerer.
Die Skulpturen "Großer Kopf" und "Schreitender Mann II" von Alberto Giacometti in der Hamburger Kunsthalle © Bodo Marks / dpa

Man muss wohl von Burn-out sprechen, finales Stadium. Lauter ausgebrannte Gestalten, ausgedörrt, ausgemergelt, Menschen ohne Kraft, alles Leben entwichen. Trotzdem stehen sie, halten sich aufrecht. Es ist ein Durchstehen. Sie dürfen nicht weichen, dürfen nicht zu Staub zerfallen, sie werden noch gebraucht. Man liebt sie als Fetische, viel bestaunt, für Unsummen gehandelt. Man begehrt sie, diese eigentümlich hageren Skulpturen des Alberto Giacometti, lauter schattenhafte Menschen, tot und doch nicht gestorben. Wo immer sie zu sehen sind, drängeln sich die Besucher.

Gefragt, warum Giacometti (1901 bis 1966) denn nach all den Jahren immer noch aktuell sei, antwortet der Bildhauer Thomas Schütte, Jahrgang 1954: »Er hatte immer Zweifel. Das macht sein Werk aus, bis heute.« Giacometti, der große Grübler und Gründler, stets auf der Suche und mit sich selber ringend. Er sei nicht zufrieden mit seiner Kunst, das hat er oft bekundet. Und oft zerstörte er Figuren, die eben erst entstanden waren. In seinen Augen hatte so gut wie nichts Bestand. Dass seine Kunst heute als ewig gilt, als unantastbar, dass auch seine Person kultisch verehrt wird – Giacometti wäre es gewiss seltsam vorgekommen.

Wie kann es sein, dass er, ein Meister des Zweifels, so wenig bezweifelt wird?

Irgendwo läuft immer eine Retrospektive und rühmt seine Werke, in Hamburg sind es jetzt sogar zwei auf einmal. Je mehr Giacomettis Werke gezeigt werden, desto größer scheint das Interesse zu sein. Man könnte meinen, es stimme tatsächlich, was viele behaupten: Giacometti sei der wichtigste Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Doch wird kaum einer so sehr überschätzt wie er.

Er war nicht das Genie, das viele in ihm sehen. Kein Künstler, der das Sehen und den Raum und die Kunst neu erfand. Keiner, der den Ort des Menschen einzigartig zu bestimmen wusste, weil er mit den Konventionen brach und nur sich selber treu blieb. Das alles ist Mythos, von berühmten Fotografen und existentialistischen Denkern erfunden.

In Wahrheit wird wohl kaum jemand behaupten, dass die Kunstgeschichte ohne Giacometti anders verlaufen wäre. Er war kein Stürmer und Dränger, kein Regelbrecher und Wahrnehmungszertrümmerer. Anfangs, ja, experimentierte er noch, erprobte abstrakte Formen, und seine Kunst lebte von spielerischem Witz – nicht zufällig erkannten ihn die Surrealisten als einen der ihren. Doch nicht lange, da zog er sich zurück, und es begann eine Geschichte der Ausdünnung, in mehrfacher Hinsicht.

Die Vielfalt seiner Kunst kam Giacometti abhanden, sein Humor, seine Leichtfertigkeit. Die Lust an der Farbe, am freien Spiel, alles perdu. Giacometti verlegte sich auf jene Figuren – mal winzig, mal größer, in jedem Falle sterbensmager –, für die er heute in aller Welt bekannt ist. Künstlerisch gesehen ein Rückfall ins Konventionelle.

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Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

In meinen Augen hat Giacometti nach wie vor einen hohen Rang

Die existentielle Konsequenz mit der er sein Werk entwickelte macht ihn heute so populär; und damit hat er mich auch überzeugt. Vielleicht ist heute genau das, im Zeitalter der hochpreisigen Karrierekünstler, überzeugend?

Rautterberg entlarvt das als 'Pose'. Ich würde nicht so weit gehen. Bei all dem in meinen Augen übetriebenen Jubel (auch gerade merkantiler Art) finde ich Herr Rauterbergs Nachfragen aber trotzdem schon mal ganz angebracht. Heilig ist Giacometti nicht und ein ewiges Licht gibt's einfach auch nicht. Denke ich z.B. an Bernard Buffet, der heute ja als total daneben angesehen wird, warum oder was unterscheidet ihn von Giacometti? Was würden Sie, ASFK, dazu sagen?