Plagiatsvorwürfe : Unter Verdacht

Unbescholten, angesehen, Vertraute der Kanzlerin – so wirkte die Bildungsministerin in der Öffentlichkeit. Jetzt prüft die Universität Düsseldorf, ob Annette Schavan der Doktortitel aberkannt wird. Ein Jahr mit einer Frau, die um alles kämpft, was sie erreicht hat.
Ein Jahr mit Annette Schavan © Werner Amann

Die Fernsehjournalistin Hanni Hüsch kennt Annette Schavan aus frühen Jugendtagen in Neuss. Eine Schwester war mit Schavan in der Jungen Union, und weil Hanni Hüschs Vater Heinz-Günther nicht nur zu den Gründern der CDU in Neuss gehört, sondern lange Vorsitzender der Jungen Union in der Stadt war, fanden deren Treffen oft bei Hüschs im Wohnzimmer statt. Hanni Hüsch erinnert sich nicht an wilde Nächte, bei denen der Teenager Annette Schavan dabei gewesen ist. »Maßlosigkeiten gab es keine bei ihr, höchstens mal ein Bier«, sagt Hüsch, die später als Washington-Korrespondentin der ARD bekannt wurde. »Annette ist ihrem Typ treu geblieben, sie war schon mit 16, 17 so zurückhaltend, beobachtend und beherrscht, wie sie es heute ist. Aber wenn ihr etwas nicht passte, konnte sie auf unnachahmliche Weise ihre Augenbrauen hochziehen, dass jeder mitbekam, was sie dachte. Achten Sie auf mal auf ihre Augenbrauen!«

Die Politikerin Annette Schavan, 57, Bundesministerin für Bildung und Forschung, hat ihren Körper und ihren Geist immer im Griff, keine unnötige Bewegung, kein unbedachtes Wort, nie redet sie zu schnell, nie reagiert sie impulsiv, gerade jetzt nicht, in diesen schwierigen Zeiten, der größten Krise ihres Lebens, die seit neun Monaten anhält. Seit dem Mai vergangenen Jahres wird ihr vorgeworfen, bei ihrer Doktorarbeit plagiiert zu haben. Aus der angesehenen Ministerin im Kabinett von Angela Merkel ist eine Politikerin unter Verdacht geworden.

Am Mittwochmittag vergangener Woche sitzt Annette Schavan am Besuchertisch ihres Ministerbüros in Berlin-Mitte. Die Hände liegen gefaltet auf der Glasplatte, vor ihr ein Espresso. Am Abend zuvor hat die Universität Düsseldorf bekannt gegeben, ein Verfahren zu eröffnen, an dessen Ende Annette Schavan ihren Doktortitel verlieren kann. So ruhig, wie sie jetzt über ihre Situation redet, könnte man fast glauben, auch in ihr gehe es ruhig zu. Wenn sie nicht ihre Augenbrauen wieder und wieder hochziehen würde. Weiß sie, dass ihre Augenbrauen so viel erzählen? »Wirklich?«, sagt sie überrascht, lacht kurz und wird einen Moment lang rot. »Meine Augenbrauen machen offenbar meine Contenance nicht immer mit.«

»Aus der Unterstützung schöpfe ich meine Kraft«

Es geht in diesen Tagen und Wochen für Annette Schavan oft darum, die Contenance zu bewahren. Sie erzählt, wie sie den gestrigen Abend erlebt hat. Um 20.31 Uhr, als die Nachricht aus Düsseldorf kommt, dass die Universität das Verfahren gegen sie einleiten wird, ist sie allein. Sie ist gerade in ihrer Berliner Wohnung angekommen, nicht weit vom Ministerium entfernt. Eben noch hat sie in der Philharmonie das Konzert zur 50-jährigen Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland besucht, jetzt liest sie die Eilmeldung über sich auf ihrem iPad. Erst auf einer Nachrichtenseite im Netz, dann überall, jeder greift das Thema auf. Sie hat damit gerechnet, und dennoch denkt sie als Erstes: »Ich fasse es nicht.«

Sie nimmt ihr Telefon und ruft zuhause in Neuss an, ihre Mutter Thea, 84, auch ihre beiden Brüder Rainer und Robert. Mutter, das Verfahren wird eröffnet, sagt sie. Thea Schavan reagiert gefasst, auch sie weiß seit einiger Zeit, was auf ihre Tochter zukommt. Und wie so oft im Leben ermutigt sie ihre Tochter, du wirst es schaffen .

Thea Schavan – ihr Mann Ferdinand ist 1997 gestorben – ist in Neuss stadtbekannt, noch immer besucht sie sonntags die katholische Kirche, die Nachbarn grüßen sie. In den vergangenen Jahrzehnten ist sie oft auf die Karriere ihrer erfolgreichen Tochter angesprochen worden: nach dem Studium Referentin im bischöflichen Cusanuswerk in Bonn, dann Abteilungsleiterin im Generalvikariat in Aachen, 1987 Bundesgeschäftsführerin der Frauen-Union, später die Rückkehr zum Cusanuswerk, diesmal als Leiterin. Von 1995 bis 2005 Kultusministerin in Baden-Württemberg, seitdem Bundesministerin in Berlin.

Die Mutter hat Grund, stolz auf die Tochter zu sein. Umso tiefer geht jetzt der Schmerz. Wenn sich im Lokalblatt, der Neuss-Grevenbroicher Zeitung (die zur Rheinischen Post gehört), der Düsseldorfer Universitätsdekan am Samstag auf einer ganzen Seite kritisch über ihre Tochter äußert, dann weiß die Mutter, wenn sie am Sonntag in der Kirche sitzt: Jeder in der Gemeinde hat das gelesen, die Nachbarn, alle. Und sie reden darüber. »Meine Mutter ist nach meinen vielen Jahren in der Politik daran gewöhnt, dass über mich gesprochen wird, mal positiv, mal negativ«, sagt Annette Schavan. »Aber diese Wucht ist neu für sie. Sie hört von den Vorwürfen, die ihr zusetzen, andererseits bekommt sie auch Zuspruch, der ihr guttut.«

Genauso geht es Annette Schavan selbst auch. »Aus der Unterstützung schöpfe ich meine Kraft«, sagt sie, macht eine Pause, atmet aus. »Seit fast neun Monaten.« Eine lange Zeit. Sie nickt.

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