PlagiatsvorwürfeUnter Verdacht

Unbescholten, angesehen, Vertraute der Kanzlerin – so wirkte die Bildungsministerin in der Öffentlichkeit. Jetzt prüft die Universität Düsseldorf, ob Annette Schavan der Doktortitel aberkannt wird. Ein Jahr mit einer Frau, die um alles kämpft, was sie erreicht hat. von 

Bildungsministerin Annette Schavan

Ein Jahr mit Annette Schavan  |  © Werner Amann

Die Fernsehjournalistin Hanni Hüsch kennt Annette Schavan aus frühen Jugendtagen in Neuss. Eine Schwester war mit Schavan in der Jungen Union, und weil Hanni Hüschs Vater Heinz-Günther nicht nur zu den Gründern der CDU in Neuss gehört, sondern lange Vorsitzender der Jungen Union in der Stadt war, fanden deren Treffen oft bei Hüschs im Wohnzimmer statt. Hanni Hüsch erinnert sich nicht an wilde Nächte, bei denen der Teenager Annette Schavan dabei gewesen ist. »Maßlosigkeiten gab es keine bei ihr, höchstens mal ein Bier«, sagt Hüsch, die später als Washington-Korrespondentin der ARD bekannt wurde. »Annette ist ihrem Typ treu geblieben, sie war schon mit 16, 17 so zurückhaltend, beobachtend und beherrscht, wie sie es heute ist. Aber wenn ihr etwas nicht passte, konnte sie auf unnachahmliche Weise ihre Augenbrauen hochziehen, dass jeder mitbekam, was sie dachte. Achten Sie auf mal auf ihre Augenbrauen!«

Die Politikerin Annette Schavan, 57, Bundesministerin für Bildung und Forschung, hat ihren Körper und ihren Geist immer im Griff, keine unnötige Bewegung, kein unbedachtes Wort, nie redet sie zu schnell, nie reagiert sie impulsiv, gerade jetzt nicht, in diesen schwierigen Zeiten, der größten Krise ihres Lebens, die seit neun Monaten anhält. Seit dem Mai vergangenen Jahres wird ihr vorgeworfen, bei ihrer Doktorarbeit plagiiert zu haben. Aus der angesehenen Ministerin im Kabinett von Angela Merkel ist eine Politikerin unter Verdacht geworden.

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Am Mittwochmittag vergangener Woche sitzt Annette Schavan am Besuchertisch ihres Ministerbüros in Berlin-Mitte. Die Hände liegen gefaltet auf der Glasplatte, vor ihr ein Espresso. Am Abend zuvor hat die Universität Düsseldorf bekannt gegeben, ein Verfahren zu eröffnen, an dessen Ende Annette Schavan ihren Doktortitel verlieren kann. So ruhig, wie sie jetzt über ihre Situation redet, könnte man fast glauben, auch in ihr gehe es ruhig zu. Wenn sie nicht ihre Augenbrauen wieder und wieder hochziehen würde. Weiß sie, dass ihre Augenbrauen so viel erzählen? »Wirklich?«, sagt sie überrascht, lacht kurz und wird einen Moment lang rot. »Meine Augenbrauen machen offenbar meine Contenance nicht immer mit.«

»Aus der Unterstützung schöpfe ich meine Kraft«

Es geht in diesen Tagen und Wochen für Annette Schavan oft darum, die Contenance zu bewahren. Sie erzählt, wie sie den gestrigen Abend erlebt hat. Um 20.31 Uhr, als die Nachricht aus Düsseldorf kommt, dass die Universität das Verfahren gegen sie einleiten wird, ist sie allein. Sie ist gerade in ihrer Berliner Wohnung angekommen, nicht weit vom Ministerium entfernt. Eben noch hat sie in der Philharmonie das Konzert zur 50-jährigen Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland besucht, jetzt liest sie die Eilmeldung über sich auf ihrem iPad. Erst auf einer Nachrichtenseite im Netz, dann überall, jeder greift das Thema auf. Sie hat damit gerechnet, und dennoch denkt sie als Erstes: »Ich fasse es nicht.«

Sie nimmt ihr Telefon und ruft zuhause in Neuss an, ihre Mutter Thea, 84, auch ihre beiden Brüder Rainer und Robert. Mutter, das Verfahren wird eröffnet, sagt sie. Thea Schavan reagiert gefasst, auch sie weiß seit einiger Zeit, was auf ihre Tochter zukommt. Und wie so oft im Leben ermutigt sie ihre Tochter, du wirst es schaffen .

Thea Schavan – ihr Mann Ferdinand ist 1997 gestorben – ist in Neuss stadtbekannt, noch immer besucht sie sonntags die katholische Kirche, die Nachbarn grüßen sie. In den vergangenen Jahrzehnten ist sie oft auf die Karriere ihrer erfolgreichen Tochter angesprochen worden: nach dem Studium Referentin im bischöflichen Cusanuswerk in Bonn, dann Abteilungsleiterin im Generalvikariat in Aachen, 1987 Bundesgeschäftsführerin der Frauen-Union, später die Rückkehr zum Cusanuswerk, diesmal als Leiterin. Von 1995 bis 2005 Kultusministerin in Baden-Württemberg, seitdem Bundesministerin in Berlin.

Die Mutter hat Grund, stolz auf die Tochter zu sein. Umso tiefer geht jetzt der Schmerz. Wenn sich im Lokalblatt, der Neuss-Grevenbroicher Zeitung (die zur Rheinischen Post gehört), der Düsseldorfer Universitätsdekan am Samstag auf einer ganzen Seite kritisch über ihre Tochter äußert, dann weiß die Mutter, wenn sie am Sonntag in der Kirche sitzt: Jeder in der Gemeinde hat das gelesen, die Nachbarn, alle. Und sie reden darüber. »Meine Mutter ist nach meinen vielen Jahren in der Politik daran gewöhnt, dass über mich gesprochen wird, mal positiv, mal negativ«, sagt Annette Schavan. »Aber diese Wucht ist neu für sie. Sie hört von den Vorwürfen, die ihr zusetzen, andererseits bekommt sie auch Zuspruch, der ihr guttut.«

Genauso geht es Annette Schavan selbst auch. »Aus der Unterstützung schöpfe ich meine Kraft«, sagt sie, macht eine Pause, atmet aus. »Seit fast neun Monaten.« Eine lange Zeit. Sie nickt.

Die junge Annette Schavan

"Maßlosigkeiten gab es keine bei ihr" - Annette Schavan in jungen Jahren  |  © KAS / ACDP-Medienarchiv

Sie ist blass an diesem Mittwochmittag. Ein paar Strähnen ihrer grauen Haare fallen ihr ins Gesicht. Sie trägt einen schwarzen Blazer, darunter ein weißes Hemd, schwarze Hose, schwarze Schuhe. Das einzig Farbige ist ein grün-rot-blaues Halstuch. Dabei liebt sie bunte Blazer, sie hat mehrere Kleidungsstücke, bedruckt mit roten Herzen, die sind heute im Schrank geblieben. Um den Hals trägt sie eine blassblaue Kette, ihre Eltern haben sie ihr geschenkt, zum 30. Geburtstag.

Es ist unser letztes Gespräch. Vor einem guten Jahr haben wir uns zum ersten Mal getroffen, von der Plagiatsaffäre war da noch keine Rede gewesen. In einem ruhigen Café in der Nähe des Reichstags plauderte sie über ihr Leben und ihren politischen Alltag, um beides sollte es in unseren Gesprächen gehen, Ausgang offen.

So wie sie nun vor einem sitzt, fast ganz in schwarz gekleidet, fällt einem ein, wie sie im Frühjahr über die Plagiatsvorwürfe gesprochen hat, als sie noch frisch waren, zwei Wochen nachdem sie auf der Website Schavanplag veröffentlicht wurden. Die Arbeit im Ministerium, die Termine, die Verpflichtungen täten ihr gut, »ich muss mich ja täglich mit anderem beschäftigen, das ist wie bei einem Menschen, der trauert, der ist auch froh, sich ablenken zu können«. Vielleicht hat sie damals schon geahnt, dass sie gerade tatsächlich im übertragenen Sinn einen Todesfall erlebte: Die skandalfreie Musterpolitikerin Annette Schavan gibt es seitdem nicht mehr. Das Wort Plagiat klebt an ihr. Sie will diesen Aufkleber wieder abreißen, mit aller Macht. So wie sie immer im Leben ihre Ziele mit großem Nachdruck verfolgt hat.

Annette Schavan wird am 10. Juni 1955 geboren, wächst in Neuss auf, der kleinen Stadt neben dem großen Düsseldorf. Ihre Eltern sind nicht politisch aktiv, aber »aufmerksame Beobachter des Geschehens«, sagt die Tochter. Als Bundeskanzler Konrad Adenauer beerdigt wird, sitzt die Familie vor ihrem ersten Fernsehgerät, »das ist eines der prägenden Bilder meiner Kindheit«.

Ihr Vater, kaufmännischer Geschäftsführer einer Werbeagentur, ist ein ruhiger Mensch, »meine Mutter behauptet, je älter ich werde, desto ähnlicher werde ich ihm«. Samstagnachmittags ist er stundenlang im Garten, Annette hilft ihm oft, »währenddessen konnte man mit ihm über alles reden, das waren wunderbare Momente. Als Vater war er nie dominant, er hat den Raum nicht besetzt, er hat Raum für uns Kinder geschaffen.«

Mit 20 wird Schavan Vorsitzende der Jungen Union

Sie besucht eine Mädchenschule, das Nelly-Sachs-Gymnasium, und engagiert sich früh politisch. Sie wird Schülersprecherin und tritt 1972 in die CDU ein, als Pläne der sozialdemokratischen Landesregierung kursieren, dass ihr Gymnasium geschlossen werden soll. In dieser Zeit entwickelt sich ihr Lebensthema Bildung, mit dem sie später Karriere machen wird.

Willy Brandt gewinnt im selben Jahr die Bundestagswahl, auch unter den Schülerinnen des Nelly-Sachs-Gymnasiums hat der Sozialdemokrat viele Fans. Es werden Flugblätter gegen die Schülersprecherin Schavan gedruckt, erzählt sie, »da war was los, eine schöne Übung für später«.

Mit 20 wird sie Vorsitzende der Jungen Union in Neuss, ebenfalls in den Vorstand gewählt wird der 15-jährige Hermann Gröhe, heute Bundestagsabgeordneter des Rhein-Kreises Neuss und Generalsekretär der CDU. »Neuss ist eine bürgerliche, katholisch geprägte Stadt«, sagt Gröhe. »Wenn wir als Junge Union Forderungen gestellt haben, etwa nach einem Jugendzentrum, dann haben wir uns oft auch mit den eigenen Leuten angelegt.« Annette Schavan ficht das nicht an, im Gegenteil, sie macht sich mit eigenen Positionen schnell einen Namen. Sie lädt bekannte Politikerinnen wie Annemarie Renger von der SPD und Schriftstellerinnen wie Hilde Domin nach Neuss ein, veranstaltet Seminare, rückt in den Stadtrat nach. Sie ist eine junge Frau unter vielen alten Männern, die im Rotary Club besprechen, was sie anschließend im Stadtrat beschließen.

Annette Schavan beeindruckt ihre Umgebung mit ihrem Verstand, auch den jungen Hermann Gröhe, der sie als »intellektuell und doch nie arrogant« beschreibt. Aber manchem bodenständigen CDU-Mitglied ist sie nicht bodenständig genug. Gröhe bedauert heute, dass man in der Partei damals nicht genug getan habe, um sie in Neuss zu halten. Annette Schavan sieht sich also anderswo um. Neben der CDU spielt die katholische Kirche früh eine große Rolle in ihrem Leben. »Ich glaube«, sagt einer aus der heutigen CDU-Spitze, »dass sich in der CDU niemand so gut in der katholischen Kirche auskennt wie Annette Schavan.«

Von 1974 an studiert sie in Düsseldorf und Bonn Katholische Theologie, Philosophie und Erziehungswissenschaften. Sie ist unsicher, was aus ihr werden soll, vielleicht Lehrerin? Durch Förderer an der Universität lockt eine Aufgabe am katholischen Cusanuswerk, das Begabte unterstützt. Doch vorher muss sie ihr Studium beenden, 1980, mit Mitte 20, schließt sie es mit einer Direktpromotion ab, also ohne Magisterarbeit, Titel: Person und Gewissen.

Hanni Hüsch erzählt, dass Annette Schavan damals zu dem Thema in Neuss kleine Veranstaltungen organisierte, Gesprächsrunden, so begeistert war sie von dem Thema. Die Endfassung der Doktorarbeit tippt sie im Elternhaus auf einer roten Schreibmaschine von IBM, die ihr Vater aus dem Büro mitbringt. Ihre Kritiker sagen heute, sie habe bewusst plagiiert, habe Quellen nicht angegeben, um den Eindruck zu erwecken, sie selbst sei auf die Formulierungen gekommen. 60 solcher Stellen sind in einem Gutachten der Universität genannt. Und was sagt sie selbst dazu? Sie bestreitet die bewusste Täuschung, ihre schriftliche Stellungnahme liegt der Universität vor.

Am Mittwoch vergangener Woche in ihrem Büro sagt sie, langsam redend und jedes Wort abwägend: »Die einen sagen: Wenn das einer Wissenschaftsministerin passiert, ist das für sie besonders peinlich. Und die anderen sagen: Wenn das einer Wissenschaftsministerin passiert, muss sie durchhalten, gerade weil sie Wissenschaftsministerin ist.« Wieso das? »Weil doch augenscheinlich längst über meinen Fall hinaus sich sehr grundsätzliche Fragen über den Umgang mit Plagiatsvorwürfen stellen. Die Wissenschaft muss souverän handeln können.« Aber sind die Wissenschaftsorganisationen, die sich jetzt in einer gemeinsamen Erklärung auf ihre Seite geschlagen haben und der Universität in Düsseldorf Verfahrensfehler vorgehalten haben, nicht abhängig von ihr als Wissenschaftsministerin?

Da schnellen sie wieder nach oben, die Augenbrauen. »Das ist...«, fängt sie an, stoppt, setzt noch einmal an: »Wenn Wissenschaftler darauf drängen, dass es in solchen Fällen Regeln gibt, die eingehalten werden müssen, kann man sie dafür doch nicht beschimpfen. Die Souveränität der Wissenschaft ist ein hohes Gut.«

Folgt man ihrer Logik und glaubt ihr, dass sie nicht bewusst getäuscht hat – sind ihr denn diese vielen Fehler nicht peinlich? »Flüchtigkeitsfehler sind mir nicht peinlich.« Sind es nicht handwerkliche Fehler? Und wieder: ihre Augenbrauen. »Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Ich habe jetzt erst entdeckt, dass im Literaturverzeichnis eine Quelle zweimal genannt ist, eine andere dafür gar nicht. Vor 33 Jahren gab es noch keine technischen Möglichkeiten, einen Text noch einmal zu überprüfen. Man konnte nur selbst genau lesen und auf die Prüfer vertrauen.« Sie weiß, dass sie den Ruf der Musterministerin hatte, etwas bieder, aber seriös. Das Image von einst steht ihr jetzt im Weg. Sie fährt fort: »Ich kann für mich nicht in Anspruch nehmen, keine Flüchtigkeitsfehler gemacht zu haben. Aber ich kann in Anspruch nehmen, nicht plagiiert oder gar getäuscht zu haben. Zu der grundsätzlichen Diskussion gehört, nicht andauernd den Eindruck zu erwecken, dass Plagiate und Fehler auf der gleichen Ebene liegen.«

Am Dienstagabend, nach der Verkündung der Universität, hat Schavan auch mit der Bundeskanzlerin telefoniert und ihren Zuspruch erfahren. Am nächsten Tag spricht Angela Merkel ihrer Ministerin öffentlich das Vertrauen aus. Schavan ist eine Vertraute der Kanzlerin. Was macht die Freundschaft der beiden Frauen aus? »Eine gemeinsame Wegstrecke in der Politik, für die CDU, in guten Zeiten und eben auch in schwierigen Zeiten«, sagt Schavan. »Wer lange gut zusammenarbeitet, lernt sich kennen. Und merkt: Man kann sich aufeinander verlassen.«

Auf den ersten Blick sind die Unterschiede zwischen beiden groß: die rheinisch-katholische Geisteswissenschaftlerin und die ostdeutsch-protestantische Naturwissenschaftlerin. Als Schavan ihren 50. Geburtstag in kleinem Kreis am Bodensee feiert, wo sie seit einigen Jahren eine Wohnung hat, hält Angela Merkel eine freie, sehr persönliche Rede. Einer, der damals dabei war, sagt, dass Merkel über die Freundschaft einer Geisteswissenschaftlerin und einer Naturwissenschaftlerin gesprochen habe, die beide voneinander profitieren. »Wir sind neugierig auf unsere unterschiedlichen Perspektiven«, sagt auch Schavan.

Aber vielleicht sind es gar nicht nur die Unterschiede, die beide zueinandergeführt haben, vielleicht ist es die gemeinsame Erfahrung in der Politik – von zwei Außenseiterinnen, die sich in der einst von Männern dominierten Partei durchgesetzt haben.

Den Blick für Ausgegrenzte

Die Politikerin Rita Süßmuth, in den achtziger Jahren Bundesministerin, hat Annette Schavan 1987 als Geschäftsführerin zur Frauen-Union geholt. Süßmuth war dort ihre Chefin. Sie sieht viele Ähnlichkeiten zwischen Merkel und Schavan: »Beide beobachten intensiv und handeln erst anschließend, beide machen nicht von morgens bis abends Öffentlichkeitsarbeit.« Und dann fügt sie etwas hinzu, einen Schlüsselsatz, um zu verstehen, was Annette Schavan antreibt. »Annette Schavan«, sagt Rita Süßmuth, »hat einen besonderen Blick für Ausgegrenzte. Und Frauen waren ausgegrenzt, auch in der CDU, wir haben das beide erlebt.« Süßmuths politische Karriere wurde von Helmut Kohl ausgebremst. Und als Schavan nach zehn Jahren als Kultusministerin in Baden-Württemberg Ministerpräsidentin werden wollte, hatte sie mächtige männliche Gegenspieler, die dies am Ende verhindert haben.

Der Blick für Ausgegrenzte. Schavan nickt, wenn man sie dazu befragt. Woher kommt er bei ihr? »Zu diesem Blick für das Ausgegrenztsein gehört die Skepsis gegenüber dem Mainstream«, sagt Schavan. »Wenn ich höre, dass dieses oder jenes nicht geht, dann hinterfrage ich die Gründe und überlege, ob es nicht doch gehen kann.« Es ist das Muster ihrer politischen Karriere. Dass ausgerechnet sie, unverheiratet und kinderlos, zu einer prägenden Figur der CDU werden kann, war lange Zeit unvorstellbar. »Man hat das der CDU nicht zugetraut«, sagt Annette Schavan, »aber die CDU hat sich verändert.« Jetzt strahlt sie kurz: Sie weiß, dass sie dazu viel beigetragen hat.

»Annette Schavan«, sagt Rita Süßmuth, »ist nicht geprägt von dem Gedanken: Denen zahle ich es heim. Sie ist geprägt von dem Gedanken: Ich werde es ihnen zeigen.« Von der Zurückweisung, auch in ihrer eigenen Partei, ob in Neuss oder später in Stuttgart, hat sie sich nie bremsen lassen, auch wenn sie sie mit voller Wucht getroffen hat.

Als sie 2004 als mögliche Ministerpräsidentin von Baden-Württemberg und als Bundespräsidentin gehandelt wurde, haben ihre Gegner in der Partei das Gerücht gestreut, sie sei lesbisch, um ihr im konservativen Ländle zu schaden. Sie hat sich nicht über ihr Privatleben geäußert. Sie ist allein geblieben. Liegt das auch an ihrer zurückhaltenden Art? »Man kann sagen, dass ich noch zu der Generation von Frauen gehöre, in der manche wie ich nicht den Mut hatten, Familie und Beruf zu verbinden. Wenn ich heute meine Nichten sehe, ermutige ich sie jedenfalls zu beidem.«

Sie hat auf manches verzichtet, umso mehr kämpft sie jetzt für das, was sie erreicht hat. Annette Schavan gibt nicht schnell auf, das war immer schon so, und so hält sie es auch jetzt in der Affäre, die schon so lange dauert. Und dennoch: Wie geht das? Überall, wo sie hinkommt, weiß sie: Ich werde verdächtigt. Jeder Satz, den sie sagt, wird geprüft, ob er als Zitat zu ihrer Affäre passt. »Zu meinem Selbstverständnis gehört, dass ich nicht nur von Kräften zehre, die ich selbst habe«, sagt sie und meint ihren Glauben.

In den vergangenen Wochen hat sie einen Aufsatz geschrieben, der bald in der theologischen Zeitschrift Diakonia erscheinen wird. Die Überschrift: Eine andere Lebensmöglichkeit. Ausgehend von der Bibelstelle, die von der Begegnung zwischen Jesus und einem reichen Mann erzählt, denkt die Autorin Annette Schavan darüber nach, »woran wir uns im Leben gebunden fühlen, als Christen und als Kirche«. Es sei ihr wichtig, sagt sie, dass das Gespräch zwischen Jesus und dem reichen Mann nicht beim Geld stehen bleibe, sondern sich vor allem um die Fragen drehe: Was bewegt dein Herz, wovon lässt du dich provozieren? »Es geht darum, sich nicht an Vordergründiges zu binden, sich unabhängig zu machen von der Akzeptanz und Ablehnung anderer.« Sie hat den Text an diesem Mittwoch noch einmal Korrektur gelesen, das hat ihr geholfen. Die Theologin Schavan steht der Politikerin Schavan bei. Der Text endet mit einem Satz des Theologen Karl Rahner, der einmal gesagt hat,... Sie will den Satz frei zitieren, ist aber unsicher, ob sie ihn korrekt wiedergeben kann. Sie steht vom Besuchertisch auf, geht zu ihrem Schreibtisch, holt das Manuskript, setzt sich wieder. Annette Schavan möchte nie mehr etwas falsch zitieren. Sie liest also vom Blatt ab: »Wir spielen immer die unvollendete Symphonie der Ehre Gottes, und immer ist nur Generalprobe.«

Man müsse sich das stets klarmachen, in den schönen und in den erfolgreichen Momenten eines langen politischen Lebens ebenso wie den anderen. »Man muss sich mit den Problemen, in meinem Fall den Vorwürfen, ernsthaft beschäftigen, sie nicht wegwischen. Und gleichzeitig die eigene Existenz nicht darauf beschränken.«

Es geht nicht um den Titel, sondern um Integrität

Deshalb will Annette Schavan kämpfen, nicht allein wegen eines wissenschaftlichen Titels, sondern weil hier der Kern ihrer Person angegriffen ist. »Es geht nicht um einen Titel«, sagt sie, »es geht um Integrität.« Sie erzählt, dass sie vor Kurzem einen Artikel über sich gelesen habe mit der Überschrift Eine Frau kämpft um ihr Leben, das fand sie nicht angemessen angesichts der Menschen, die wirklich um ihr Leben fürchten müssten. Aber gemerkt hat sie sich den Satz, denn es geht in der Affäre um ihre Identität, als Wissenschaftlerin, als Politikerin, als Person.

»Es ist keine Zeit für Selbstmitleid«, diesen Satz sagt sie gleich zweimal in unserem letzten Gespräch, als müsse sie sich selbst davon überzeugen. »Ich habe mich selbst geprüft, mit vielen Fachwissenschaftlern gesprochen und festgestellt: Ich habe Flüchtigkeitsfehler gemacht, aber ich habe nicht plagiiert.«

350 Seiten hat die Doktorarbeit, und bis heute zitiert Schavan in Reden und Beiträgen Erkenntnisse, die sie während des Schreibens gewonnen hat, auch das will sie sich nicht nehmen lassen.

Was würde sie dem anonymen Gründer der Website Schavanplag sagen, wenn er jetzt zur Tür hereinkäme? »Gut, dass wir uns mal kennenlernen«, sagt sie und schickt ein Lachen hinterher, das freundlich wirken könnte, wenn sie nicht gleichzeitig ihre Augenbrauen hochziehen würde. Dann sagt sie: »Ich glaube aber nicht, dass wir uns viel zu sagen hätten.«

Der Fall Schavan, der im vergangenen Mai öffentlich wurde, ist ohne einen anderen Fall nicht denkbar: den Fall von Karl-Theodor zu Guttenberg, ihrem Kabinettskollegen, der als Verteidigungsminister zurücktreten musste, als herauskam, dass er bei seiner Doktorarbeit heftig plagiiert hatte.

Mit ihm begann die Jagd auf Plagiate, Guttenberg wurde der Titel schnell aberkannt. Annette Schavans berühmt gewordener Kommentar dazu, »ich schäme mich nicht nur heimlich«, auf dem Höhepunkt der Affäre, besiegelte das Ende von Guttenbergs politischer Karriere. Es war jedem klar: Hier spricht nicht nur die Wissenschaftsministerin, hier spricht die Vertraute der Kanzlerin, also lässt Merkel Guttenberg fallen.

Und so kam es zu einem zufällig aufgenommenen Foto mit der Kanzlerin, das Annette Schavan bis heute verfolgt: Merkel steht neben ihr, zeigt ihr eine SMS auf ihrem Handy. Dass diese SMS die Rücktrittserklärung von Karl-Theodor zu Guttenberg war, wurde nie dementiert. Die beiden Frauen wirken auf dem Bild gut gelaunt.

Denkt sie in diesen Tagen manchmal an den Fall Guttenberg, der die Plagiatsdiskussion ausgelöst hat? Ihre Antwort fällt knapp aus. »Das geht mir schon manchmal durch den Kopf.«

»Ich schäme mich nicht nur heimlich« – diesen Satz über Guttenberg hat man ihr in Bayern nie verziehen. Am Tag unseres Gesprächs vergangene Woche wird der bayerische CSU-Abgeordnete Ernst Weidenbusch mit dem Satz zitiert: »Es wäre an der Zeit, dass die Dame sich unheimlich schämt.« Was denkt Karl-Theodor zu Guttenberg über sie? Auf Anfrage antwortet er per Mail, er hoffe, man habe Verständnis dafür, dass er sich zu Frau Schavan nicht äußern wolle.

Wie soll man die Politikerin Annette Schavan in Erinnerung behalten, was wünscht sie sich? »Als eine Politikerin, die ihre Verantwortung wahrgenommen hat und der man vertrauen kann.« Sie weiß, dass durch ihre Affäre das Vertrauen in sie bei vielen erschüttert wurde, auch deshalb kämpft sie. Es geht auch um das Bild, das man von ihr in Erinnerung behalten wird.

Manchmal denkt Annette Schavan in diesen Wochen darüber nach, wie ihr Leben nach der Politik aussehen wird. Wenn es vorbei ist, will sie sich in ihr Auto setzen und nach Hause fahren, zuerst ins Rheinland, zu ihrer Mutter und ihren Brüdern nach Neuss. Und dann? Als sie kürzlich in Rom war, ging ihr durch den Kopf, dass drei Monate in Rom großartig sein könnten. Und danach drei Monate Paris! Dann ruft sie sich selbst zur Räson: »Wenn ich mir mein Leben ansehe, wie es bisher gelaufen ist, kommt alles sowieso ganz anders, als ich es mir vorstelle.«

Merkels Unterstützung ist nicht unbegrenzt, das weiß Schavan

Am 5. Februar tagt der Fakultätsrat der Universität Düsseldorf das nächste Mal und berät weiter über das Verfahren der Aberkennung. Annette Schavan hat jetzt gefordert, dass ein externer Gutachter beauftragt wird. Das könnte sie bis in den Herbst retten, sodass eine Entscheidung erst nach der Bundestagswahl getroffen werden kann. Sollte der Rat ihr aber vorher den Titel aberkennen, steht sie ohne Studienabschluss da. Sie kann gegen diese Entscheidung innerhalb von vier Wochen klagen. Es ist politisch kaum vorstellbar, dass die Wissenschaftsministerin juristisch gegen eine Universität vorgeht. Annette Schavan will sich davon nicht beeindrucken lassen. Sie hat erklären lassen, dass sie auch nach der Bundestagswahl Ministerin bleiben will. Aber sie weiß, dass die Unterstützung ihrer Freundin Angela Merkel nicht unbegrenzt ist, wenn der Fall Schavan im Wahlkampf zur Belastung wird.

Annette Schavan hat zurzeit einen guten Schlaf, sagt sie, aber nur, weil sie abends so müde ist, dass sie schnell einschläft. Bei unserem letzten Gespräch vergangene Woche sah sie, während sie redete, oft in Richtung Himmel. Sie hat in ihrem Büro ein Kreuz so dezent angebracht, dass Besucher es nicht bemerken, sie es aber jederzeit sehen kann, wenn sie will. Und manchmal ist ihr in den vergangenen Monaten ein Psalm durch den Kopf gegangen: »Als es mir eng war, hast du es weit gemacht.« Annette Schavan hofft, dass es nicht noch enger wird.

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Leserkommentare
    • ghoff
    • 31. Januar 2013 12:43 Uhr

    ist, so macht das nur verständlich, warum Frau Schavan (auf verlorenem Posten) so verbissen kämpft. Das ist auch bedauerlich, aber für jeden, der entlarvt wird oder unter Verdacht steht ist das das gleiche Prozedere.

    Jeder, der mit Wissenschaft je zu tun hatte und jeder, der zur gleichen Zeit wie Frau Schavan studiert hat, weiß, was los ist. Und Frau Schavan spricht von Flüchtigkeitsfehlern, von Fehlern, die man nicht mit Plagiaten verwechseln dürfe. Sie bringt gar als Beispiel einen doppelt aufgeführten Titel im Literaturverzeichnis. Nebelkerzen, denn: DARUM geht es nicht, obwohl jeder Wissenschaftler sich fragt, wie in einem - in alphabetischer Reihenfolge zu erstellendem - Verzeichnis direkt hintereinander zweimal der gleiche Titel auftauchen kann, ohne bemerkt zu werden. Man tippt etwas ab und sofort danach tippt man es nochmal ab und merkt es nicht? Sehr eigenartig! Dafür hat sie an anderer Stelle einen (? nein: nachweislich bisher vier) Titel vergessen? Insgesamt mehrmals im Text und dann auch noch im Literaturverzeichnis. Das ist - mit Verlaub - lächerlich und mag als Ausrede für eine nichtakademische Mutter gedacht sein. Kein Korrekturlesen?

    Mich würde interessieren, was die Kanzlerin wirklich denkt. Denn sie ist Wissenschaftlerin und weiß, wie Frau Schavan herumeiert.

    "... nicht die technischen Möglichkeiten" stößt auf wie Sprudel durch die Nase. Und dass man auf die Prüfer vertrauen musste,...

    Eine eidesstattliche Versicherung zeitnah unterschrieben?

    Peinlich!

    27 Leserempfehlungen
  1. Wieso reden eigentlich immer soviele (ihrer Unterstützer) von "Verdacht" oder "Unschuldsvermutung"?

    Man kann nicht oft genug auf die Beweislage auf SchavanPlag hinweisen - die einzige Quelle, die für die Öffentlichkeit nach dem Maulkorberlass durch Schavan gegen die Uni Düsseldorf überhaupt zur Verfügung steht.
    http://plagiatschavan.wor...
    http://schavanplag.wordpr...

    Ich erlaube mir auch den Hinweis, dass Frau Schavan *bis zum heutigen Tage* nicht ein einziges Mal behauptet hat, dass auf SchavanPlag gefälschte Zitate oder gar Lügen stünden.

    Stattdessen wird abgelenkt ("anonym!"), leitend getäuscht ("nicht abgeschrieben"), denunziert durch von ihr finanzierte Wissenschaftsorganisationen ("fachlich ungeeignete Prüfer") und auf Zeit gespielt ("nur Flüchtigkeitsfehler").

    Wie lange wollen Merkel und die CDU noch warten und diese Scharade aushalten?

    35 Leserempfehlungen
  2. Irgendwie wird hier der Eindruck erweckt, dass eine so biedere und tiefgläubige Frau wie Schavan gar nicht getäuscht haben kann. Denn das wäre doch nach katholischer Morallehre eine schwere Sünde. Allein, die erdrückende Beweislage auf SchavanPlag lässt sich nun einmal nicht wegbeten.
    Man kann Frau Schavan nur die Kraft wünschen, den Selbstbetrug endlich einzugestehen und daraus die Konsequenzen zu ziehen. Alles andere ist scheinheilig!

    30 Leserempfehlungen
  3. "nie ein unbedachtes Wort " stimmt ja so auch nicht - dazu gab es viel zu viel Angriffsfläche zu den Bemerkungen, die gemacht wurden -- die überheblichen, als die Vorwürfe aufkamen, das Verlangen nach anderen Gutachten, die Chose mit den Flüchtigkeitsfehlern -- man kann Verdienstvolles als Bildungsministerin nicht ausschließen , auch wenn es nicht so publik wurde, wie jetzt das Gezerre um den Doktor, der zum Ministerinposten ja gar nicht nötig wäre. Aber als Instanz für Bildung waren da einfach viel zu viele unkluge Äußerungen, und damit meine ich nicht nur die strittigen Stellen auf den Plagiatsseiten. Das finde ich selbst einfach als Politikerin nicht überzeugend.

    5 Leserempfehlungen
    • Held S.
    • 01. Februar 2013 8:51 Uhr

    22. Sept. 2013.
    Da kann auch ihre Busenfreundin Merkel nicht mehr helfen, denn die kann gleich mitgehen.

    [...] Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/kvk

    6 Leserempfehlungen
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    • Held S.
    • 01. Februar 2013 8:56 Uhr

    Was macht man mit abgelaufenen Waren, die niemals echt waren?

    Wie man an http://schavan.tumblr.com leicht erkennen kann, hat der Plagiateskandal bereits auch internationale Dimensionen erreicht. BBC und sogar auch australische Medien haben über Schavans Betrug berichtet.
    Eine Schande für Deutschland.

    • Held S.
    • 01. Februar 2013 8:56 Uhr

    Was macht man mit abgelaufenen Waren, die niemals echt waren?

    6 Leserempfehlungen
  4. Wie man an http://schavan.tumblr.com leicht erkennen kann, hat der Plagiateskandal bereits auch internationale Dimensionen erreicht. BBC und sogar auch australische Medien haben über Schavans Betrug berichtet.
    Eine Schande für Deutschland.

    10 Leserempfehlungen
  5. Ihre Arbeit wurde vor kurzem auf Plagiate untersucht. Da wird aus "lange unbescholten" schnell mal ein "hat lange die Leute an der Nase rumgeführt".

    Die Zeit gibt sich schon viel Mühe Frau Schavan gut aussehen zu lassen. Da wird aus meiner Sicht mit unterschiedlichem Maß gemessen. Wenn sie auch nur schludrig gearbeitet hätte, dann müßte ihr Doktortitel doch einkassiert werden. Für alle die die richtig gearbeitet haben.

    Welches Standing als Bildungsminister(in) hat eine Person, die mit zweifelhaften Leistungen sich einen Titel verschafft?

    19 Leserempfehlungen

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