PlagiatsvorwürfeUnter Verdacht
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Das Wort Plagiat klebt an ihr

Die junge Annette Schavan

"Maßlosigkeiten gab es keine bei ihr" - Annette Schavan in jungen Jahren  |  © KAS / ACDP-Medienarchiv

Sie ist blass an diesem Mittwochmittag. Ein paar Strähnen ihrer grauen Haare fallen ihr ins Gesicht. Sie trägt einen schwarzen Blazer, darunter ein weißes Hemd, schwarze Hose, schwarze Schuhe. Das einzig Farbige ist ein grün-rot-blaues Halstuch. Dabei liebt sie bunte Blazer, sie hat mehrere Kleidungsstücke, bedruckt mit roten Herzen, die sind heute im Schrank geblieben. Um den Hals trägt sie eine blassblaue Kette, ihre Eltern haben sie ihr geschenkt, zum 30. Geburtstag.

Es ist unser letztes Gespräch. Vor einem guten Jahr haben wir uns zum ersten Mal getroffen, von der Plagiatsaffäre war da noch keine Rede gewesen. In einem ruhigen Café in der Nähe des Reichstags plauderte sie über ihr Leben und ihren politischen Alltag, um beides sollte es in unseren Gesprächen gehen, Ausgang offen.

So wie sie nun vor einem sitzt, fast ganz in schwarz gekleidet, fällt einem ein, wie sie im Frühjahr über die Plagiatsvorwürfe gesprochen hat, als sie noch frisch waren, zwei Wochen nachdem sie auf der Website Schavanplag veröffentlicht wurden. Die Arbeit im Ministerium, die Termine, die Verpflichtungen täten ihr gut, »ich muss mich ja täglich mit anderem beschäftigen, das ist wie bei einem Menschen, der trauert, der ist auch froh, sich ablenken zu können«. Vielleicht hat sie damals schon geahnt, dass sie gerade tatsächlich im übertragenen Sinn einen Todesfall erlebte: Die skandalfreie Musterpolitikerin Annette Schavan gibt es seitdem nicht mehr. Das Wort Plagiat klebt an ihr. Sie will diesen Aufkleber wieder abreißen, mit aller Macht. So wie sie immer im Leben ihre Ziele mit großem Nachdruck verfolgt hat.

Annette Schavan wird am 10. Juni 1955 geboren, wächst in Neuss auf, der kleinen Stadt neben dem großen Düsseldorf. Ihre Eltern sind nicht politisch aktiv, aber »aufmerksame Beobachter des Geschehens«, sagt die Tochter. Als Bundeskanzler Konrad Adenauer beerdigt wird, sitzt die Familie vor ihrem ersten Fernsehgerät, »das ist eines der prägenden Bilder meiner Kindheit«.

Ihr Vater, kaufmännischer Geschäftsführer einer Werbeagentur, ist ein ruhiger Mensch, »meine Mutter behauptet, je älter ich werde, desto ähnlicher werde ich ihm«. Samstagnachmittags ist er stundenlang im Garten, Annette hilft ihm oft, »währenddessen konnte man mit ihm über alles reden, das waren wunderbare Momente. Als Vater war er nie dominant, er hat den Raum nicht besetzt, er hat Raum für uns Kinder geschaffen.«

Mit 20 wird Schavan Vorsitzende der Jungen Union

Sie besucht eine Mädchenschule, das Nelly-Sachs-Gymnasium, und engagiert sich früh politisch. Sie wird Schülersprecherin und tritt 1972 in die CDU ein, als Pläne der sozialdemokratischen Landesregierung kursieren, dass ihr Gymnasium geschlossen werden soll. In dieser Zeit entwickelt sich ihr Lebensthema Bildung, mit dem sie später Karriere machen wird.

Willy Brandt gewinnt im selben Jahr die Bundestagswahl, auch unter den Schülerinnen des Nelly-Sachs-Gymnasiums hat der Sozialdemokrat viele Fans. Es werden Flugblätter gegen die Schülersprecherin Schavan gedruckt, erzählt sie, »da war was los, eine schöne Übung für später«.

Mit 20 wird sie Vorsitzende der Jungen Union in Neuss, ebenfalls in den Vorstand gewählt wird der 15-jährige Hermann Gröhe, heute Bundestagsabgeordneter des Rhein-Kreises Neuss und Generalsekretär der CDU. »Neuss ist eine bürgerliche, katholisch geprägte Stadt«, sagt Gröhe. »Wenn wir als Junge Union Forderungen gestellt haben, etwa nach einem Jugendzentrum, dann haben wir uns oft auch mit den eigenen Leuten angelegt.« Annette Schavan ficht das nicht an, im Gegenteil, sie macht sich mit eigenen Positionen schnell einen Namen. Sie lädt bekannte Politikerinnen wie Annemarie Renger von der SPD und Schriftstellerinnen wie Hilde Domin nach Neuss ein, veranstaltet Seminare, rückt in den Stadtrat nach. Sie ist eine junge Frau unter vielen alten Männern, die im Rotary Club besprechen, was sie anschließend im Stadtrat beschließen.

Annette Schavan beeindruckt ihre Umgebung mit ihrem Verstand, auch den jungen Hermann Gröhe, der sie als »intellektuell und doch nie arrogant« beschreibt. Aber manchem bodenständigen CDU-Mitglied ist sie nicht bodenständig genug. Gröhe bedauert heute, dass man in der Partei damals nicht genug getan habe, um sie in Neuss zu halten. Annette Schavan sieht sich also anderswo um. Neben der CDU spielt die katholische Kirche früh eine große Rolle in ihrem Leben. »Ich glaube«, sagt einer aus der heutigen CDU-Spitze, »dass sich in der CDU niemand so gut in der katholischen Kirche auskennt wie Annette Schavan.«

Von 1974 an studiert sie in Düsseldorf und Bonn Katholische Theologie, Philosophie und Erziehungswissenschaften. Sie ist unsicher, was aus ihr werden soll, vielleicht Lehrerin? Durch Förderer an der Universität lockt eine Aufgabe am katholischen Cusanuswerk, das Begabte unterstützt. Doch vorher muss sie ihr Studium beenden, 1980, mit Mitte 20, schließt sie es mit einer Direktpromotion ab, also ohne Magisterarbeit, Titel: Person und Gewissen.

Hanni Hüsch erzählt, dass Annette Schavan damals zu dem Thema in Neuss kleine Veranstaltungen organisierte, Gesprächsrunden, so begeistert war sie von dem Thema. Die Endfassung der Doktorarbeit tippt sie im Elternhaus auf einer roten Schreibmaschine von IBM, die ihr Vater aus dem Büro mitbringt. Ihre Kritiker sagen heute, sie habe bewusst plagiiert, habe Quellen nicht angegeben, um den Eindruck zu erwecken, sie selbst sei auf die Formulierungen gekommen. 60 solcher Stellen sind in einem Gutachten der Universität genannt. Und was sagt sie selbst dazu? Sie bestreitet die bewusste Täuschung, ihre schriftliche Stellungnahme liegt der Universität vor.

Leserkommentare
    • ghoff
    • 31. Januar 2013 12:43 Uhr

    ist, so macht das nur verständlich, warum Frau Schavan (auf verlorenem Posten) so verbissen kämpft. Das ist auch bedauerlich, aber für jeden, der entlarvt wird oder unter Verdacht steht ist das das gleiche Prozedere.

    Jeder, der mit Wissenschaft je zu tun hatte und jeder, der zur gleichen Zeit wie Frau Schavan studiert hat, weiß, was los ist. Und Frau Schavan spricht von Flüchtigkeitsfehlern, von Fehlern, die man nicht mit Plagiaten verwechseln dürfe. Sie bringt gar als Beispiel einen doppelt aufgeführten Titel im Literaturverzeichnis. Nebelkerzen, denn: DARUM geht es nicht, obwohl jeder Wissenschaftler sich fragt, wie in einem - in alphabetischer Reihenfolge zu erstellendem - Verzeichnis direkt hintereinander zweimal der gleiche Titel auftauchen kann, ohne bemerkt zu werden. Man tippt etwas ab und sofort danach tippt man es nochmal ab und merkt es nicht? Sehr eigenartig! Dafür hat sie an anderer Stelle einen (? nein: nachweislich bisher vier) Titel vergessen? Insgesamt mehrmals im Text und dann auch noch im Literaturverzeichnis. Das ist - mit Verlaub - lächerlich und mag als Ausrede für eine nichtakademische Mutter gedacht sein. Kein Korrekturlesen?

    Mich würde interessieren, was die Kanzlerin wirklich denkt. Denn sie ist Wissenschaftlerin und weiß, wie Frau Schavan herumeiert.

    "... nicht die technischen Möglichkeiten" stößt auf wie Sprudel durch die Nase. Und dass man auf die Prüfer vertrauen musste,...

    Eine eidesstattliche Versicherung zeitnah unterschrieben?

    Peinlich!

    27 Leserempfehlungen
  1. Wieso reden eigentlich immer soviele (ihrer Unterstützer) von "Verdacht" oder "Unschuldsvermutung"?

    Man kann nicht oft genug auf die Beweislage auf SchavanPlag hinweisen - die einzige Quelle, die für die Öffentlichkeit nach dem Maulkorberlass durch Schavan gegen die Uni Düsseldorf überhaupt zur Verfügung steht.
    http://plagiatschavan.wor...
    http://schavanplag.wordpr...

    Ich erlaube mir auch den Hinweis, dass Frau Schavan *bis zum heutigen Tage* nicht ein einziges Mal behauptet hat, dass auf SchavanPlag gefälschte Zitate oder gar Lügen stünden.

    Stattdessen wird abgelenkt ("anonym!"), leitend getäuscht ("nicht abgeschrieben"), denunziert durch von ihr finanzierte Wissenschaftsorganisationen ("fachlich ungeeignete Prüfer") und auf Zeit gespielt ("nur Flüchtigkeitsfehler").

    Wie lange wollen Merkel und die CDU noch warten und diese Scharade aushalten?

    35 Leserempfehlungen
  2. Irgendwie wird hier der Eindruck erweckt, dass eine so biedere und tiefgläubige Frau wie Schavan gar nicht getäuscht haben kann. Denn das wäre doch nach katholischer Morallehre eine schwere Sünde. Allein, die erdrückende Beweislage auf SchavanPlag lässt sich nun einmal nicht wegbeten.
    Man kann Frau Schavan nur die Kraft wünschen, den Selbstbetrug endlich einzugestehen und daraus die Konsequenzen zu ziehen. Alles andere ist scheinheilig!

    30 Leserempfehlungen
  3. "nie ein unbedachtes Wort " stimmt ja so auch nicht - dazu gab es viel zu viel Angriffsfläche zu den Bemerkungen, die gemacht wurden -- die überheblichen, als die Vorwürfe aufkamen, das Verlangen nach anderen Gutachten, die Chose mit den Flüchtigkeitsfehlern -- man kann Verdienstvolles als Bildungsministerin nicht ausschließen , auch wenn es nicht so publik wurde, wie jetzt das Gezerre um den Doktor, der zum Ministerinposten ja gar nicht nötig wäre. Aber als Instanz für Bildung waren da einfach viel zu viele unkluge Äußerungen, und damit meine ich nicht nur die strittigen Stellen auf den Plagiatsseiten. Das finde ich selbst einfach als Politikerin nicht überzeugend.

    5 Leserempfehlungen
    • Held S.
    • 01. Februar 2013 8:51 Uhr

    22. Sept. 2013.
    Da kann auch ihre Busenfreundin Merkel nicht mehr helfen, denn die kann gleich mitgehen.

    [...] Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/kvk

    6 Leserempfehlungen
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    • Held S.
    • 01. Februar 2013 8:56 Uhr

    Was macht man mit abgelaufenen Waren, die niemals echt waren?

    Wie man an http://schavan.tumblr.com leicht erkennen kann, hat der Plagiateskandal bereits auch internationale Dimensionen erreicht. BBC und sogar auch australische Medien haben über Schavans Betrug berichtet.
    Eine Schande für Deutschland.

    • Held S.
    • 01. Februar 2013 8:56 Uhr

    Was macht man mit abgelaufenen Waren, die niemals echt waren?

    6 Leserempfehlungen
  4. Wie man an http://schavan.tumblr.com leicht erkennen kann, hat der Plagiateskandal bereits auch internationale Dimensionen erreicht. BBC und sogar auch australische Medien haben über Schavans Betrug berichtet.
    Eine Schande für Deutschland.

    10 Leserempfehlungen
  5. Ihre Arbeit wurde vor kurzem auf Plagiate untersucht. Da wird aus "lange unbescholten" schnell mal ein "hat lange die Leute an der Nase rumgeführt".

    Die Zeit gibt sich schon viel Mühe Frau Schavan gut aussehen zu lassen. Da wird aus meiner Sicht mit unterschiedlichem Maß gemessen. Wenn sie auch nur schludrig gearbeitet hätte, dann müßte ihr Doktortitel doch einkassiert werden. Für alle die die richtig gearbeitet haben.

    Welches Standing als Bildungsminister(in) hat eine Person, die mit zweifelhaften Leistungen sich einen Titel verschafft?

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