Plagiatsvorwürfe : Unter Verdacht
Seite 2/5:

Das Wort Plagiat klebt an ihr

"Maßlosigkeiten gab es keine bei ihr" - Annette Schavan in jungen Jahren © KAS / ACDP-Medienarchiv

Sie ist blass an diesem Mittwochmittag. Ein paar Strähnen ihrer grauen Haare fallen ihr ins Gesicht. Sie trägt einen schwarzen Blazer, darunter ein weißes Hemd, schwarze Hose, schwarze Schuhe. Das einzig Farbige ist ein grün-rot-blaues Halstuch. Dabei liebt sie bunte Blazer, sie hat mehrere Kleidungsstücke, bedruckt mit roten Herzen, die sind heute im Schrank geblieben. Um den Hals trägt sie eine blassblaue Kette, ihre Eltern haben sie ihr geschenkt, zum 30. Geburtstag.

Es ist unser letztes Gespräch. Vor einem guten Jahr haben wir uns zum ersten Mal getroffen, von der Plagiatsaffäre war da noch keine Rede gewesen. In einem ruhigen Café in der Nähe des Reichstags plauderte sie über ihr Leben und ihren politischen Alltag, um beides sollte es in unseren Gesprächen gehen, Ausgang offen.

So wie sie nun vor einem sitzt, fast ganz in schwarz gekleidet, fällt einem ein, wie sie im Frühjahr über die Plagiatsvorwürfe gesprochen hat, als sie noch frisch waren, zwei Wochen nachdem sie auf der Website Schavanplag veröffentlicht wurden. Die Arbeit im Ministerium, die Termine, die Verpflichtungen täten ihr gut, »ich muss mich ja täglich mit anderem beschäftigen, das ist wie bei einem Menschen, der trauert, der ist auch froh, sich ablenken zu können«. Vielleicht hat sie damals schon geahnt, dass sie gerade tatsächlich im übertragenen Sinn einen Todesfall erlebte: Die skandalfreie Musterpolitikerin Annette Schavan gibt es seitdem nicht mehr. Das Wort Plagiat klebt an ihr. Sie will diesen Aufkleber wieder abreißen, mit aller Macht. So wie sie immer im Leben ihre Ziele mit großem Nachdruck verfolgt hat.

Annette Schavan wird am 10. Juni 1955 geboren, wächst in Neuss auf, der kleinen Stadt neben dem großen Düsseldorf. Ihre Eltern sind nicht politisch aktiv, aber »aufmerksame Beobachter des Geschehens«, sagt die Tochter. Als Bundeskanzler Konrad Adenauer beerdigt wird, sitzt die Familie vor ihrem ersten Fernsehgerät, »das ist eines der prägenden Bilder meiner Kindheit«.

Ihr Vater, kaufmännischer Geschäftsführer einer Werbeagentur, ist ein ruhiger Mensch, »meine Mutter behauptet, je älter ich werde, desto ähnlicher werde ich ihm«. Samstagnachmittags ist er stundenlang im Garten, Annette hilft ihm oft, »währenddessen konnte man mit ihm über alles reden, das waren wunderbare Momente. Als Vater war er nie dominant, er hat den Raum nicht besetzt, er hat Raum für uns Kinder geschaffen.«

Mit 20 wird Schavan Vorsitzende der Jungen Union

Sie besucht eine Mädchenschule, das Nelly-Sachs-Gymnasium, und engagiert sich früh politisch. Sie wird Schülersprecherin und tritt 1972 in die CDU ein, als Pläne der sozialdemokratischen Landesregierung kursieren, dass ihr Gymnasium geschlossen werden soll. In dieser Zeit entwickelt sich ihr Lebensthema Bildung, mit dem sie später Karriere machen wird.

Willy Brandt gewinnt im selben Jahr die Bundestagswahl, auch unter den Schülerinnen des Nelly-Sachs-Gymnasiums hat der Sozialdemokrat viele Fans. Es werden Flugblätter gegen die Schülersprecherin Schavan gedruckt, erzählt sie, »da war was los, eine schöne Übung für später«.

Mit 20 wird sie Vorsitzende der Jungen Union in Neuss, ebenfalls in den Vorstand gewählt wird der 15-jährige Hermann Gröhe, heute Bundestagsabgeordneter des Rhein-Kreises Neuss und Generalsekretär der CDU. »Neuss ist eine bürgerliche, katholisch geprägte Stadt«, sagt Gröhe. »Wenn wir als Junge Union Forderungen gestellt haben, etwa nach einem Jugendzentrum, dann haben wir uns oft auch mit den eigenen Leuten angelegt.« Annette Schavan ficht das nicht an, im Gegenteil, sie macht sich mit eigenen Positionen schnell einen Namen. Sie lädt bekannte Politikerinnen wie Annemarie Renger von der SPD und Schriftstellerinnen wie Hilde Domin nach Neuss ein, veranstaltet Seminare, rückt in den Stadtrat nach. Sie ist eine junge Frau unter vielen alten Männern, die im Rotary Club besprechen, was sie anschließend im Stadtrat beschließen.

Annette Schavan beeindruckt ihre Umgebung mit ihrem Verstand, auch den jungen Hermann Gröhe, der sie als »intellektuell und doch nie arrogant« beschreibt. Aber manchem bodenständigen CDU-Mitglied ist sie nicht bodenständig genug. Gröhe bedauert heute, dass man in der Partei damals nicht genug getan habe, um sie in Neuss zu halten. Annette Schavan sieht sich also anderswo um. Neben der CDU spielt die katholische Kirche früh eine große Rolle in ihrem Leben. »Ich glaube«, sagt einer aus der heutigen CDU-Spitze, »dass sich in der CDU niemand so gut in der katholischen Kirche auskennt wie Annette Schavan.«

Von 1974 an studiert sie in Düsseldorf und Bonn Katholische Theologie, Philosophie und Erziehungswissenschaften. Sie ist unsicher, was aus ihr werden soll, vielleicht Lehrerin? Durch Förderer an der Universität lockt eine Aufgabe am katholischen Cusanuswerk, das Begabte unterstützt. Doch vorher muss sie ihr Studium beenden, 1980, mit Mitte 20, schließt sie es mit einer Direktpromotion ab, also ohne Magisterarbeit, Titel: Person und Gewissen.

Hanni Hüsch erzählt, dass Annette Schavan damals zu dem Thema in Neuss kleine Veranstaltungen organisierte, Gesprächsrunden, so begeistert war sie von dem Thema. Die Endfassung der Doktorarbeit tippt sie im Elternhaus auf einer roten Schreibmaschine von IBM, die ihr Vater aus dem Büro mitbringt. Ihre Kritiker sagen heute, sie habe bewusst plagiiert, habe Quellen nicht angegeben, um den Eindruck zu erwecken, sie selbst sei auf die Formulierungen gekommen. 60 solcher Stellen sind in einem Gutachten der Universität genannt. Und was sagt sie selbst dazu? Sie bestreitet die bewusste Täuschung, ihre schriftliche Stellungnahme liegt der Universität vor.

Anzeige

Forschende Fachhochschulen

Die deutschen Fachhochschulen entwickeln sich von reinen Lehranstalten zu Schmieden der anwendungsbezogenen Forschung - unterstützt von Politik und Wissenschaftsrat.

Mehr erfahren >>

Kommentare

83 Kommentare Seite 1 von 15 Kommentieren