Am Mittwoch vergangener Woche in ihrem Büro sagt sie, langsam redend und jedes Wort abwägend: »Die einen sagen: Wenn das einer Wissenschaftsministerin passiert, ist das für sie besonders peinlich. Und die anderen sagen: Wenn das einer Wissenschaftsministerin passiert, muss sie durchhalten, gerade weil sie Wissenschaftsministerin ist.« Wieso das? »Weil doch augenscheinlich längst über meinen Fall hinaus sich sehr grundsätzliche Fragen über den Umgang mit Plagiatsvorwürfen stellen. Die Wissenschaft muss souverän handeln können.« Aber sind die Wissenschaftsorganisationen, die sich jetzt in einer gemeinsamen Erklärung auf ihre Seite geschlagen haben und der Universität in Düsseldorf Verfahrensfehler vorgehalten haben, nicht abhängig von ihr als Wissenschaftsministerin?

Da schnellen sie wieder nach oben, die Augenbrauen. »Das ist...«, fängt sie an, stoppt, setzt noch einmal an: »Wenn Wissenschaftler darauf drängen, dass es in solchen Fällen Regeln gibt, die eingehalten werden müssen, kann man sie dafür doch nicht beschimpfen. Die Souveränität der Wissenschaft ist ein hohes Gut.«

Folgt man ihrer Logik und glaubt ihr, dass sie nicht bewusst getäuscht hat – sind ihr denn diese vielen Fehler nicht peinlich? »Flüchtigkeitsfehler sind mir nicht peinlich.« Sind es nicht handwerkliche Fehler? Und wieder: ihre Augenbrauen. »Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Ich habe jetzt erst entdeckt, dass im Literaturverzeichnis eine Quelle zweimal genannt ist, eine andere dafür gar nicht. Vor 33 Jahren gab es noch keine technischen Möglichkeiten, einen Text noch einmal zu überprüfen. Man konnte nur selbst genau lesen und auf die Prüfer vertrauen.« Sie weiß, dass sie den Ruf der Musterministerin hatte, etwas bieder, aber seriös. Das Image von einst steht ihr jetzt im Weg. Sie fährt fort: »Ich kann für mich nicht in Anspruch nehmen, keine Flüchtigkeitsfehler gemacht zu haben. Aber ich kann in Anspruch nehmen, nicht plagiiert oder gar getäuscht zu haben. Zu der grundsätzlichen Diskussion gehört, nicht andauernd den Eindruck zu erwecken, dass Plagiate und Fehler auf der gleichen Ebene liegen.«

Am Dienstagabend, nach der Verkündung der Universität, hat Schavan auch mit der Bundeskanzlerin telefoniert und ihren Zuspruch erfahren. Am nächsten Tag spricht Angela Merkel ihrer Ministerin öffentlich das Vertrauen aus. Schavan ist eine Vertraute der Kanzlerin. Was macht die Freundschaft der beiden Frauen aus? »Eine gemeinsame Wegstrecke in der Politik, für die CDU, in guten Zeiten und eben auch in schwierigen Zeiten«, sagt Schavan. »Wer lange gut zusammenarbeitet, lernt sich kennen. Und merkt: Man kann sich aufeinander verlassen.«

Auf den ersten Blick sind die Unterschiede zwischen beiden groß: die rheinisch-katholische Geisteswissenschaftlerin und die ostdeutsch-protestantische Naturwissenschaftlerin. Als Schavan ihren 50. Geburtstag in kleinem Kreis am Bodensee feiert, wo sie seit einigen Jahren eine Wohnung hat, hält Angela Merkel eine freie, sehr persönliche Rede. Einer, der damals dabei war, sagt, dass Merkel über die Freundschaft einer Geisteswissenschaftlerin und einer Naturwissenschaftlerin gesprochen habe, die beide voneinander profitieren. »Wir sind neugierig auf unsere unterschiedlichen Perspektiven«, sagt auch Schavan.

Aber vielleicht sind es gar nicht nur die Unterschiede, die beide zueinandergeführt haben, vielleicht ist es die gemeinsame Erfahrung in der Politik – von zwei Außenseiterinnen, die sich in der einst von Männern dominierten Partei durchgesetzt haben.

Den Blick für Ausgegrenzte

Die Politikerin Rita Süßmuth, in den achtziger Jahren Bundesministerin, hat Annette Schavan 1987 als Geschäftsführerin zur Frauen-Union geholt. Süßmuth war dort ihre Chefin. Sie sieht viele Ähnlichkeiten zwischen Merkel und Schavan: »Beide beobachten intensiv und handeln erst anschließend, beide machen nicht von morgens bis abends Öffentlichkeitsarbeit.« Und dann fügt sie etwas hinzu, einen Schlüsselsatz, um zu verstehen, was Annette Schavan antreibt. »Annette Schavan«, sagt Rita Süßmuth, »hat einen besonderen Blick für Ausgegrenzte. Und Frauen waren ausgegrenzt, auch in der CDU, wir haben das beide erlebt.« Süßmuths politische Karriere wurde von Helmut Kohl ausgebremst. Und als Schavan nach zehn Jahren als Kultusministerin in Baden-Württemberg Ministerpräsidentin werden wollte, hatte sie mächtige männliche Gegenspieler, die dies am Ende verhindert haben.

Der Blick für Ausgegrenzte. Schavan nickt, wenn man sie dazu befragt. Woher kommt er bei ihr? »Zu diesem Blick für das Ausgegrenztsein gehört die Skepsis gegenüber dem Mainstream«, sagt Schavan. »Wenn ich höre, dass dieses oder jenes nicht geht, dann hinterfrage ich die Gründe und überlege, ob es nicht doch gehen kann.« Es ist das Muster ihrer politischen Karriere. Dass ausgerechnet sie, unverheiratet und kinderlos, zu einer prägenden Figur der CDU werden kann, war lange Zeit unvorstellbar. »Man hat das der CDU nicht zugetraut«, sagt Annette Schavan, »aber die CDU hat sich verändert.« Jetzt strahlt sie kurz: Sie weiß, dass sie dazu viel beigetragen hat.

»Annette Schavan«, sagt Rita Süßmuth, »ist nicht geprägt von dem Gedanken: Denen zahle ich es heim. Sie ist geprägt von dem Gedanken: Ich werde es ihnen zeigen.« Von der Zurückweisung, auch in ihrer eigenen Partei, ob in Neuss oder später in Stuttgart, hat sie sich nie bremsen lassen, auch wenn sie sie mit voller Wucht getroffen hat.