Als sie 2004 als mögliche Ministerpräsidentin von Baden-Württemberg und als Bundespräsidentin gehandelt wurde, haben ihre Gegner in der Partei das Gerücht gestreut, sie sei lesbisch, um ihr im konservativen Ländle zu schaden. Sie hat sich nicht über ihr Privatleben geäußert. Sie ist allein geblieben. Liegt das auch an ihrer zurückhaltenden Art? »Man kann sagen, dass ich noch zu der Generation von Frauen gehöre, in der manche wie ich nicht den Mut hatten, Familie und Beruf zu verbinden. Wenn ich heute meine Nichten sehe, ermutige ich sie jedenfalls zu beidem.«

Sie hat auf manches verzichtet, umso mehr kämpft sie jetzt für das, was sie erreicht hat. Annette Schavan gibt nicht schnell auf, das war immer schon so, und so hält sie es auch jetzt in der Affäre, die schon so lange dauert. Und dennoch: Wie geht das? Überall, wo sie hinkommt, weiß sie: Ich werde verdächtigt. Jeder Satz, den sie sagt, wird geprüft, ob er als Zitat zu ihrer Affäre passt. »Zu meinem Selbstverständnis gehört, dass ich nicht nur von Kräften zehre, die ich selbst habe«, sagt sie und meint ihren Glauben.

In den vergangenen Wochen hat sie einen Aufsatz geschrieben, der bald in der theologischen Zeitschrift Diakonia erscheinen wird. Die Überschrift: Eine andere Lebensmöglichkeit. Ausgehend von der Bibelstelle, die von der Begegnung zwischen Jesus und einem reichen Mann erzählt, denkt die Autorin Annette Schavan darüber nach, »woran wir uns im Leben gebunden fühlen, als Christen und als Kirche«. Es sei ihr wichtig, sagt sie, dass das Gespräch zwischen Jesus und dem reichen Mann nicht beim Geld stehen bleibe, sondern sich vor allem um die Fragen drehe: Was bewegt dein Herz, wovon lässt du dich provozieren? »Es geht darum, sich nicht an Vordergründiges zu binden, sich unabhängig zu machen von der Akzeptanz und Ablehnung anderer.« Sie hat den Text an diesem Mittwoch noch einmal Korrektur gelesen, das hat ihr geholfen. Die Theologin Schavan steht der Politikerin Schavan bei. Der Text endet mit einem Satz des Theologen Karl Rahner, der einmal gesagt hat,... Sie will den Satz frei zitieren, ist aber unsicher, ob sie ihn korrekt wiedergeben kann. Sie steht vom Besuchertisch auf, geht zu ihrem Schreibtisch, holt das Manuskript, setzt sich wieder. Annette Schavan möchte nie mehr etwas falsch zitieren. Sie liest also vom Blatt ab: »Wir spielen immer die unvollendete Symphonie der Ehre Gottes, und immer ist nur Generalprobe.«

Man müsse sich das stets klarmachen, in den schönen und in den erfolgreichen Momenten eines langen politischen Lebens ebenso wie den anderen. »Man muss sich mit den Problemen, in meinem Fall den Vorwürfen, ernsthaft beschäftigen, sie nicht wegwischen. Und gleichzeitig die eigene Existenz nicht darauf beschränken.«

Es geht nicht um den Titel, sondern um Integrität

Deshalb will Annette Schavan kämpfen, nicht allein wegen eines wissenschaftlichen Titels, sondern weil hier der Kern ihrer Person angegriffen ist. »Es geht nicht um einen Titel«, sagt sie, »es geht um Integrität.« Sie erzählt, dass sie vor Kurzem einen Artikel über sich gelesen habe mit der Überschrift Eine Frau kämpft um ihr Leben, das fand sie nicht angemessen angesichts der Menschen, die wirklich um ihr Leben fürchten müssten. Aber gemerkt hat sie sich den Satz, denn es geht in der Affäre um ihre Identität, als Wissenschaftlerin, als Politikerin, als Person.

»Es ist keine Zeit für Selbstmitleid«, diesen Satz sagt sie gleich zweimal in unserem letzten Gespräch, als müsse sie sich selbst davon überzeugen. »Ich habe mich selbst geprüft, mit vielen Fachwissenschaftlern gesprochen und festgestellt: Ich habe Flüchtigkeitsfehler gemacht, aber ich habe nicht plagiiert.«

350 Seiten hat die Doktorarbeit, und bis heute zitiert Schavan in Reden und Beiträgen Erkenntnisse, die sie während des Schreibens gewonnen hat, auch das will sie sich nicht nehmen lassen.

Was würde sie dem anonymen Gründer der Website Schavanplag sagen, wenn er jetzt zur Tür hereinkäme? »Gut, dass wir uns mal kennenlernen«, sagt sie und schickt ein Lachen hinterher, das freundlich wirken könnte, wenn sie nicht gleichzeitig ihre Augenbrauen hochziehen würde. Dann sagt sie: »Ich glaube aber nicht, dass wir uns viel zu sagen hätten.«

Der Fall Schavan, der im vergangenen Mai öffentlich wurde, ist ohne einen anderen Fall nicht denkbar: den Fall von Karl-Theodor zu Guttenberg, ihrem Kabinettskollegen, der als Verteidigungsminister zurücktreten musste, als herauskam, dass er bei seiner Doktorarbeit heftig plagiiert hatte.

Mit ihm begann die Jagd auf Plagiate, Guttenberg wurde der Titel schnell aberkannt. Annette Schavans berühmt gewordener Kommentar dazu, »ich schäme mich nicht nur heimlich«, auf dem Höhepunkt der Affäre, besiegelte das Ende von Guttenbergs politischer Karriere. Es war jedem klar: Hier spricht nicht nur die Wissenschaftsministerin, hier spricht die Vertraute der Kanzlerin, also lässt Merkel Guttenberg fallen.

Und so kam es zu einem zufällig aufgenommenen Foto mit der Kanzlerin, das Annette Schavan bis heute verfolgt: Merkel steht neben ihr, zeigt ihr eine SMS auf ihrem Handy. Dass diese SMS die Rücktrittserklärung von Karl-Theodor zu Guttenberg war, wurde nie dementiert. Die beiden Frauen wirken auf dem Bild gut gelaunt.