TiermedizinDer Brieftaubendoktor

Eine Essener Spezialklinik macht Vögel wieder für den Wettkampf fit. von Jürgen Bröker

Ludger Kamphausen operiert Sport treibende Vögel. Er nennt sie auch "Rassepferde der Lüfte".

Ludger Kamphausen operiert Sport treibende Vögel. Er nennt sie auch "Rassepferde der Lüfte".  |  © Jürgen Bröker

Es ist kurz nach acht, Morgenvisite. 14 Patienten warten in der Klinik des Verbands Deutscher Brieftaubenzüchter auf Ludger Kamphausen. Einzig der Vogel in Käfig Nummer 18 hat sich in eine Ecke zurückgezogen und macht keinen fitten Eindruck. Der Arzt wirft einen Blick auf die Untersuchungsergebnisse. Alle Tiere, bis auf die 18, infektionsfrei und im Prinzip gesund. Sie könnten zurück zum Züchter – doch der Winter hat das Ruhrgebiet im Griff. Es ist zu kalt, die Patienten bleiben in der Taubenklinik in Essen.

Das ist im Moment auch kein Problem. Denn die gefiederten Spitzensportler haben Trainingspause. Im Winter bleiben sie aus Sicherheitsgründen in den Volieren. Für die vor dem Schlag lauernden Greifvögel wären sie eine zu leichte Beute.

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Die Essener Klinik ist spezialisiert auf die Behandlung der Luftsportler. Deshalb schicken Züchter aus ganz Deutschland ihre Tiere hierher, um vom Know-how der Taubenärzte zu profitieren. »Wir kennen die Tiere, haben OP-Erfahrung und wissen, was die Tauben in ihrem Sport leisten«, sagt Kamphausen. Vor 40 Jahren wurde das Zentrum eigens zur Behandlung von Brieftauben eröffnet. Heute kümmert sich die Klinik auch um andere Vögel und Reptilien. Der Fokus aber bleibt auf der Behandlung sporttreibender Brieftauben.

»Wir tragen unseren Teil dazu bei, dass sie ihre optimale Leistung abrufen können«, sagt Kamphausen. Sein Haus bietet Rundumversorgung. Im OP-Saal steht das eigens für Vögel modifizierte Narkosegerät, es gibt einen speziellen Röntgenapparat, Ultraschall und Endoskopie. Angegliedert ist ein Labor für Blut-, Kot- und Abstrichuntersuchungen. Auch die Impfvorsorge gehört zum Angebot. Die Versorgung muss stimmen, damit die Athleten in der Wettkampfsaison bis zu 1.000 Kilometer am Tag zurücklegen können. Dann jagen sie mit 120 Sachen durch die Lüfte – angetrieben nur mit Muskelkraft.

Am kommenden Wochenende ist das Können der Weltelite in Südafrika zu beobachten. Am 2. Februar startet das Million Dollar Pigeon Race. 200.000 Dollar Preisgeld bringt die Siegertaube ihrem Züchter ein, der zugleich Trainer und Manager ist. Noch mehr können dem Besitzer eines Champions dessen Nachkommen einbringen. Bei Auktionen treiben sich die Bieter regelmäßig in den fünfstelligen Euro-Bereich – für einen Sprössling. Im vergangenen Jahr wechselte eine einzige Brieftaube sogar für mehr als 250.000 Euro den Besitzer. Vor allem Chinas und Japans Oberschichten haben Tauben als Sammelobjekte entdeckt – quasi die Rassepferde der Lüfte.

Kein Wunder, dass auch im Taubensport manipuliert wird. »Wir wissen, dass Doping ein Thema ist«, sagt Kamphausen. Eingesetzt wird fast alles, was auch des Menschen Leistung steigert: anabole Steroide, Entzündungshemmer wie Kortison oder Substanzen, die Doping verschleiern. »Nur Epo funktioniert bei der Taube nicht, weil die Synthese der roten Blutkörperchen bei den Vögeln anders verläuft als beim Menschen«, sagt Kamphausen. Seit einigen Jahren werden bei Preisflügen – so heißen die Taubenrennen – Dopingkontrollen durchgeführt. Sie seien für erfolgreiche Züchter wichtig, sagt Kamphausen: als Nachweis dafür, dass die Erfolge sauber erreicht wurden.

Im Alltag des Taubendoktors spielt das Thema Doping keine Rolle. Die tierischen Patienten kommen wegen Atemwegs- oder Infektionskrankheiten zu ihm, hervorgerufen durch Salmonellen, Chlamydien oder Trichomonaden. Oder sie leiden an Flügelbrüchen und Verletzungen, die von schmerzhaften Begegnungen mit Greifvögeln und Hochspannungsleitungen stammen. Unerfahrene Jungvögel verletzen sich oft auf ihren ersten weiten Ausflügen.

Sind die Tiere im Schwarm unterwegs, sehen die vordersten die Stromleitung und ziehen rechtzeitig hoch. Die Nachfolgenden im Pulk entdecken die Kabel manchmal zu spät und fliegen mit der Brust dagegen. Das führt zu Verletzungen der Haut, sogar zu Hautablösungen vom Hals bis zu den Beinen und zu Beinbrüchen. »Alles schon vorgekommen«, sagt Kamphausen. Auch im Tierreich ist Leistungssport alles andere als ungefährlich.

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