Dass das Wort »Abzocker« in der Schweiz, die traditionell nie eine Wutgesellschaft war, überhaupt salonfähig wurde, haben diejenigen zu verantworten, die den legendären Satz Greed is good von Gordon Gekko, alias Michael Douglas, im Film Wallstreet in die Realität umgesetzt haben.

Gerade deshalb kann ich verstehen, dass die Exzesse von verantwortungslosen Tradern selbst in einem liberalen, zutiefst wirtschaftsfreundlichen Land wie der Schweiz ein großes Unbehagen erzeugen.

Ich glaube aber, die Debatte blendet einen entscheidenden Aspekt aus: Es geht nämlich darum, tatsächlich an die Wurzeln einer Entwicklung zu gehen, an deren Ende eine Kultur von nicht nachvollziehbaren Salären und Boni steht. Thomas Minders Initiative setzt am falschen Hebel an: Er glaubt, mit der stärkeren Kontrolle der Vergütungen durch die Aktionäre, durch eine jährliche Wiederwahl aller Mitglieder des Verwaltungsrats, dem Verbot von »goldenen Fallschirmen« und insbesondere mit Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren bei Verletzung dieser Vorschriften würde sich diese Kultur ändern.

Sanktionen sind aber das falsche Mittel, wenn es darum geht, Menschen zu einer Veränderung ihres Verhaltens zu erziehen. Die nachhaltigere Maßnahme ist die Stärkung der Eigenverantwortung durch Bildung und das Fokussieren auf Werte, die sich nicht in Geld messen lassen.

Die Vermittlung dieser Werte beginnt schon in der frühsten Kindheit. Studien belegen, dass Kinder, die gut betreut und zum Nachdenken animiert werden, sei es zu Hause oder in der Krippe, zu verantwortungsvollen Bürgern heranwachsen und sich an Werten orientieren, die essenziell sind für eine funktionierende Zivilgesellschaft. Fehlt diese frühkindliche Herzens- und Geistesbildung, sind höhere Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Drogenabhängigkeit die Folge. Staaten wie Dänemark, Deutschland oder Österreich investieren nicht aus rein altruistischen Gründen beträchtlich mehr Mittel in die frühe Bildung als die Schweiz, sondern aufgrund der positiven Auswirkungen auf Gesellschaft und Volkswirtschaft.

Dass dieser Weg anspruchsvoller, langwieriger und weniger populär ist als eine geschickt vermarktete Initiative gegen die Raffgier einiger weniger, ist mir klar. Er zielt auf eine werteorientierte Gesellschaft, in der Gier ersetzt wird durch die gewachsene Überzeugung, dass Freiheit die Voraussetzung ist für moralisches Verhalten, wie es Immanuel Kant formuliert hat.

So schlägt der renommierte Philosoph Peter Sloterdijk vor, dass es sinnvoll wäre, wenn jeder Bürger einen Teil seiner Steuern gezielt an Adressaten eigener Präferenz entrichten dürfte. Dadurch würden die Steuern als persönliche Zuwendung an das Gemeinwohl und nicht mehr als Schuld verstanden werden.

Nicht neue Regeln, sondern die freie Wahl und die Wertvorstellung eines jeden Einzelnen schärfen das persönliche Verantwortungsbewusstsein. In diesem Sinne müssen wir den langen Atem einem atemlosen Populismus gegenüberstellen, der Sanktionen statt Erkenntnis predigt.