Regisseur Christian Petzold»Was es da an Irren gab!«

Ausgerechnet Christian Petzold, der tief im Westen aufwuchs, hat einige der besten Filme über den Osten gemacht. Ein Gespräch über die Hollywood-Qualitäten von Halle (Saale) – und die Kinotauglichkeit von Angela Merkels Jugend. Im Interview sagt er, warum man erst heute wirklich gut Filme über die Wendezeit machen kann. von  und

Regisseur Christian Petzold auf der Berlinale

Regisseur Christian Petzold auf der Berlinale  |  © Angelika Warmuth dpa

DIE ZEIT: Herr Petzold, Sie sind im Westen aufgewachsen, aber Sie drehen Filme über den Alltag der DDR. Müssen Sie sich vor jenen, die die DDR kannten, oft rechtfertigen?

Christian Petzold: Manchmal schon. Als ich zuletzt meinen Film Barbara in Städten wie Chemnitz vorstellte, wusste ich: Die Leute achten sehr genau darauf, was dieser Westdeutsche aus ihrer Geschichte gemacht hat. Denn man kann es vielen nicht recht machen: Es war nicht alles schlecht an der DDR, trotzdem war alles grauenhaft! Es war ein reiches Leben, aber es war doch fürchterlich! Besonders graut es mir immer vor der Auberginen-Debatte.

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ZEIT: Vor der Auberginen-Debatte?

Petzold: In Barbara gibt es eine Szene, in der wird Ratatouille gekocht. Das hat man mir immer wieder zur Last gelegt: »Es gab doch überhaupt keine Auberginen!« Dabei hab ich das genau recherchiert. Sogar meine Eltern, die aus der DDR stammen, hatten ein Ost-Kochbuch von 1974 mit einem Ratatouille-Rezept drin. Und Auberginen gab es auch, für Ostberlin weiß ich das sicher.

ZEIT: Was ist das Problem: dass jeder glaubt, seine Erlebnisse seien die Erlebnisse aller DDR-Bürger?

Petzold: Doch, ja. Man muss sich klarmachen, dass in diesem Staat eben nicht alle das Gleiche aßen oder die gleichen Erfahrungen machten. Ein Leben ist keine lineare Erzählung, auch nicht im SED-Land – und daran scheitern die meisten Kinogeschichten. Ein Leben besteht aus Dingen, die nicht zusammenpassen, aus Banalitäten, aus Langeweile. Es gab Leute zwischen Fürstenwalde und Ostberlin, die mochten und aßen Ratatouille.

ZEIT: Filme ohne Widersprüche sind plakativer.

Petzold: Das ist das Problem. Vor allem all dieser Historien-Zweiteiler, der Tunnel-Mauer-Rommel-Filme. Manchmal denke ich, die Produzenten solcher Filme wollen, dass es irgendwann mal einen Leitz-Ordner gibt, akkurat beschriftet: Das hier war die DDR. Und dies hier war die Bundesrepublik. Der Baader Meinhof Komplex war eigentlich ein Reenactment von Fotos, die jeder kannte – man hat Fotos fürs Kino nachgestellt! Daher lebte die Geschichte nicht mehr. Ich will lieber bizarre, in sich widersprüchliche Biografien zeigen. 

Christian Petzold

»Niemals Mallorca, immer DDR« , so hat Christian Petzold die Urlaube seiner Jugend beschrieben. 1960 geboren, wuchs er nahe Düsseldorf auf – und besuchte mit seinen Eltern, die aus dem SED-Staat geflohen waren, regelmäßig die Verwandtschaft im Osten. Seine Affinität zu dieser Region hat Petzold, der zu den prägenden Kino-Regisseuren des Landes zählt , immer wieder gezeigt: ob in Yella, Jerichow oder zuletzt im Film Barbara, für den er 2012 bei der Berlinale den Silbernen Bären erhielt. Petzold, der in Berlin-Kreuzberg lebt, arbeitet meist mit einem festen Team, zu dem etwa die Schauspielerin Nina Hoss gehört. Sein nächster Film spielt im Berlin des Jahres 1945.

ZEIT: Biografien wie die Ihrer eigenen Eltern?

Petzold: Ja, meine Eltern hatten weder eine DDR- noch eine BRD-Biografie. Sie waren Flüchtlinge. Sie sind 1959 in den Westen gegangen. Meine Mutter ist Sudetendeutsche, mein Vater war Sachse. Die beiden sind im Westen nie richtig angekommen.

ZEIT: Die Zeit der Brüche, der großen Umstürze, das war 1989/90. Gibt es darüber gute Filme?

Petzold: Da fällt mir Material ein, von Thomas Heise. Ein Meisterwerk. Heise zog im Herbst 1989 einfach mit der Kamera los, in sein eigenes Land. Die Mauer fällt, und er blickt hinter Gefängnismauern. Die Wärter rätseln, ob sie jetzt ihre Uniformen wegwerfen und einfach gehen sollen. Da kommt so ein Gefangener, der, ich weiß nicht, wegen Erpressung und Raubes einsitzt – und sagt: »Bitte vergesst uns nicht.« Der hat Angst, im Gefängnis vergessen zu werden! Das ist Wahnsinn. Diese Verzweiflung! Die »Wende«, das war eben nicht nur Rotkäppchensekt am Brandenburger Tor.

ZEIT: Sind auch Sie damals losgezogen?

Petzold: Ich war an der Filmhochschule in Westberlin. Im Seminar sagte uns der Dokumentarfilmer Peter Nestler: Leute, nehmt die Kameras, geht rüber! Also habe ich die Bundesstraße 2 gefilmt, die quer durch Deutschland läuft. Die so lange von der Mauer getrennt war. Ich habe einfach über den Abschnitt, der aus Ostberlin führt, eine Doku gemacht. Man sah, wie in der Krisenzeit Identitäten zerbrachen. Was es da an Irren gab! Ich traf eine Frau, die betrieb eine Bude am Straßenrand, in der sie allen Ernstes »Gesichtsbemalung« anbot. Sie hatte eine DDR-Schwimmerin als Kundin, die im Jahr zuvor noch den dritten Platz bei der WM belegt hatte. Und nun ließ die sich das Gesicht wie eine Katze bemalen.

ZEIT: Und Ihre Kommilitonen, was machten die?

Petzold: Einer, Thomas Arslan, ging den Mauerstreifen entlang, als dort schon die Abrissarbeiten liefen. Er filmte, wie türkische Arbeiter diese Laternenpfähle, diese Asbestpfähle abhauten. Willkommen in der Lohnarbeit des Westens! Die verdienten da 6,30 Mark die Stunde und hauen dafür im Grunde ein Welterbe weg.

ZEIT: Wenige Jahre später gab es schon erste Filme über die friedliche Revolution, wie Nikolaikirche. Haben die Sie überzeugt?

Petzold: Na ja, die Botschaft schien mir da oft wichtiger als das Drehbuch, nach dem Motto: »Also, wir zeigen hier die Menschen in Leipzig mit ihren Ängsten.« Und dann werden holzschnittartig lauter kleine Geschichten erfunden: Der Halbstarke. Die Frau des Pfarrers. Die Prostituierte.

ZEIT: Kamen diese Wende-Filme einfach zu früh?

Petzold: Genau. Man war zu nah dran am historischen Ereignis. Es hatte sich noch nicht versenkt, aber man wollte schon Teil der Geschichte werden – mit dem Film. Das finde ich falsch. Ich erträume mir lieber Sachen, die schon vergangen sind, neu. Aber, bitte, natürlich hatte auch ein Film wie Nikolaikirche seine Berechtigung.

ZEIT: Regie führte der 2006 gestorbene Frank Beyer, einst einer der wichtigsten Defa-Filmemacher.

Petzold: Ja, und den fand ich wunderbar! Aber ich habe das Gefühl: Erst seit den letzten zwei, drei Jahren kann man so richtig gut Filme über Wendezeit und DDR machen. Der Abstand ist jetzt da. Heise hat Material vor drei Jahren herausgebracht. Er konnte seine Bänder erst jetzt ordnen und sichten.

Leserkommentare
  1. noch einer der die DDR vergöttert.Es ist schon faszinierend,diese Ost Romantik. das System war der Versuch anders zu leben.Quatsch.Dieser Staat war eine Diktatur und das von der Schlimmsten Sorte. Würde die Zeit so ein Interview auch drucken wenn hier jemanden den Nazistaat als versuch einer anderen Lebenserfüllung darstellen würde? Wohl eher nicht,der Grund liegt in der allgemeinen Ächtung der Nazies, und mit der DDR ? Alle Linksinterlektuelen trauern diesem Staat nach,nur weil es nach Außen eine Idee verkaufte die es gar nicht gab. In den 50igern gab es auch die Meinung,daß ja nicht alles bei Hitlert schlimm war 2das hätte es unter Hitler nicht gegeben" hörte man wohl öfters. Dann kam die Jugendrevolte gegen das Vergessen,gegen den Schah,gegen die gelebte Spießigkeit der zeit. SOWAS brauchen wir heute auch wieder. Es müßten Leute aufstehen und ihre Eltern fragen was Sie damals gemacht haben,wo Sie wegschauten usw. leider wird es diese Aufarbeitung nie geben und das erklärt Artikel wie diesen und leider auch warum sich darüber keiner aufregt (doch ich). Lesen Sie doch bitte diesen Artikel noch mal und setzen Sie immer da wo DDR steht Nazi ein. Sie werden den Artikel ganz anders Werten obwohl sich die beiden Diktaturen gar nicht so unähnlich waren.

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    • DerOley
    • 31. Januar 2013 15:08 Uhr

    Ja, die DDR war übersät von KZs und Vernichtungslagern. Die DDR führte einen barbarischen Krieg gegen den Osten und den Rest der Welt. Wer Feindsender hörte wurde ohne wenn und aber erschosssen. Tägliche Aufmärsche der DDR-SA und SS bestimmten den Tagesryhtmus. Usw....

    Gehts noch? Fehlt nur noch, dass Sie die USA oder Israel als Nazistaat bezeichnen

    Ihre Ansichten tragen Sie zu Markte, so wie Sie Ihre scheinbaren Meinungen aus Ihrem Namen ziehen. Offenbar wurden Ihre Ansichten da generiert. Von Glorifizierung von Seiten des Autors kann hier keine Rede sein. Eine der wenigen differenzierteren Kommentare zum Thema und weniger reflexhaftig. Das würd ich mir von so manchem Kommentator wünschen....egal, ob er damit Geld verdient oder nicht.

    • gw1200
    • 31. Januar 2013 17:14 Uhr

    Zu dem Kommentar gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder Du hast das Interview nicht gelesen oder nicht ein Wort verstanden. Ich tendiere zur zweiten Variante.

  2. "Und kurz zuvor ist der Todessatz des Films gefallen. Barbaras Liebhaber hat zu ihr, die ja immerhin Ärztin ist, gesagt: Komm mit in den Westen, da kannst du ausschlafen, musst nie wieder arbeiten. Alle ostdeutschen Zuschauer, alle, merken sofort: Was für ein blöder Satz! Vielen im Westen fällt der gar nicht auf. Die sind damit aufgewachsen, dass die Frauen zu Hause blieben; die Männer gingen arbeiten."

    Lieber Herr Petzold, Sie sollten uns Westler nicht so unterschätzen. Der Satz fiel mir sofort auf, eben weil er so blöde ist und ein westdeutscher Mann diesen Satz einer praktizierenden Ärztin im Jahre 1980 NICHT gesagt hätte! Spätestens bei dieser Szene wurde mir klar, dass hier auch nur wieder mit dem Bild des blasierten, ignoranten Westdeutschen gespielt wird. Es ist dies für mich die schwächste Szene eines ansonsten guten Films.

    • DerOley
    • 31. Januar 2013 15:08 Uhr

    Ja, die DDR war übersät von KZs und Vernichtungslagern. Die DDR führte einen barbarischen Krieg gegen den Osten und den Rest der Welt. Wer Feindsender hörte wurde ohne wenn und aber erschosssen. Tägliche Aufmärsche der DDR-SA und SS bestimmten den Tagesryhtmus. Usw....

    Gehts noch? Fehlt nur noch, dass Sie die USA oder Israel als Nazistaat bezeichnen

    9 Leserempfehlungen
    Antwort auf "oh mein Gott"
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    schließe mich dem Kommentar #5 zu ihre Darstellung vorbehaltlos an...

    ach ja in Weimar gab es im Kaffee auch öfters Bananen Torte !

  3. Bei uns gabs jedenfalls keine und bloß weil irgendwelche Zutaten in Kochbüchern vorkamen, heißt das ja nicht, daß es das zu kaufen gab. Aber ist auch egal, nach über 20 Jahren weiß das doch eh keiner mehr genau und jeder kann nur für sich und seine nähere Umgebung sprechen. Es wird kein Bild der DDR geben, zu dem ausnahmslos alle sagen werden: Ja, genau so ist es gewesen!

    Eine Leserempfehlung
  4. Fakt ist, das es in der DDR Verfolgung, Folter, Erschießung von Regiemegegnern gab.

    Wollen wir jetzt ausrechnen, das es "lediglich" fünfstellige Todes-Opferzahlen gabe
    (Gebrochene Herzen, zerbrochene Familen, Schicksale etc lassen sich schwer "kalkulieren")

    Ja, die DDR war faktisch eine Diktatur, und damit reiht sie sich in die Riga neben dem Nazi-Regime und Stalin ein
    sie hatte nur nicht so viel Macht und Einzugsbereich.. zum Glück.

    Übrigens war Ostberlin schlicht bevorzugt gegenüber dem "Rest-DDR".
    Gut möglich, das dort Auberginen bekannt waren. Anderswo kaum.

    Eine Leserempfehlung
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    • gooder
    • 31. Januar 2013 16:45 Uhr

    Erschießungen von Regimegegnern in der DDR, wo ist das, wann passiert?

    Verfolgung ist keine Eigenart der DDR, Folter ebenfalls nicht, sowas kommt in den allergrössten Demokratien vor und trifft, das muss ich ihnen leider sagen, oft systemkritische Menschen.

    In den Gefängnissen der Bundesrepublik können sogar,das hätte ich nie für möglich gehalten, Menschen verbrennen.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Oury_Jalloh

    Gefoltert wurde in der DDR und nicht zu knapp (wer es nicht glaubt folge den Nachweisen in http://de.wikipedia.org/wiki/Folter#DDR). Oder man besucht die Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen. Aber Erschießungen wären mir dann doch neu. Da wäre schon eine Quelle nötig.

  5. Danke für die Vorlage " bloß weil irgendwelche Zutaten in Kochbüchern vorkamen, heißt das ja nicht, daß es das zu kaufen gab"

    Es gab auch Bücher über ferne Länder, gar Reiseberichte (Erich Wustmann zB)
    heisst das, das das "gemeine" Volk reisen durfte?
    Nein Nein und nochmals Nein.
    Es sei denn man war in der Partei, dann konnte das schon sein. (Ebenso wie Sportler, Musiker uä). Das gibt nur kaum jemand zu.

  6. Ihre Ansichten tragen Sie zu Markte, so wie Sie Ihre scheinbaren Meinungen aus Ihrem Namen ziehen. Offenbar wurden Ihre Ansichten da generiert. Von Glorifizierung von Seiten des Autors kann hier keine Rede sein. Eine der wenigen differenzierteren Kommentare zum Thema und weniger reflexhaftig. Das würd ich mir von so manchem Kommentator wünschen....egal, ob er damit Geld verdient oder nicht.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "oh mein Gott"
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    ähm... Lenin saß meines Wissens, in seiner Zeit in Berlin ,am liebsten im Cafe. Ach und Wünsche haben wir alle...

    • gooder
    • 31. Januar 2013 16:45 Uhr

    Erschießungen von Regimegegnern in der DDR, wo ist das, wann passiert?

    Verfolgung ist keine Eigenart der DDR, Folter ebenfalls nicht, sowas kommt in den allergrössten Demokratien vor und trifft, das muss ich ihnen leider sagen, oft systemkritische Menschen.

    In den Gefängnissen der Bundesrepublik können sogar,das hätte ich nie für möglich gehalten, Menschen verbrennen.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Oury_Jalloh

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Re: DDR vs. 3.Reich"
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    wo Sie Quellen finden?,dass ist nicht Ihr Ernst...
    Nur weil es woanders auch Unrecht gab,macht es das eigene Unrecht doch nicht legitimer,..,das können Sie besser...

    Hier finden Sie die Belege:
    http://www.tagesspiegel.de/politik/geschichte/justiz-todesstrafe-in-der-...

    Ob Sie die Hingerichteten allerdings als Regimegegner bezeichnen würden, das hängt vermutlich von Ihrer politischen Überzeugung ab.

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