SachbuchAlles Wahnsinn?

Die Umweltwissenschaftlerin Claudia Kemfert zerstreut in ihrer Streitschrift die Zweifel an der Energiewende. von 

Fast wäre sie Ministerin geworden. Wären Norbert Röttgen und die CDU bei der nordrhein-westfälischen Landtagswahl vor einem Dreivierteljahr nicht so elend abgeschmiert, dann wäre sie jetzt womöglich Energieministerin in Düsseldorf. Wahrscheinlich müsste sie sich um die Zukunft der rheinischen Braunkohle kümmern. Wahrscheinlich hätte sie weder die Zeit noch den Drang, ein Buch über die Energiewende zu schreiben. Zumal eines, das sich den Skeptikern in dieser Sache widmet, jenen, die im Energieland NRW häufiger anzutreffen sind als irgendwo sonst in Deutschland.

Weil es mal wieder anders als gedacht gekommen ist, weil Claudia Kemfert es nur zu Röttgens Schattenministerin brachte, liegt jetzt ein bemerkenswerter Band vor. Das Gute daran ist, dass es keine weitere Blaupause für den Marsch ins Reich der Hundert-Prozent-Erneuerbare-Gesellschaft geworden ist, kein Vorschlag für ein neues Marktdesign oder für die Anpassung einschlägiger Fördergesetze – sondern dass es nur einer einzigen Fragestellung nachgeht: Was ist dran an den Argumenten jener, die offiziell – na klar, man ist doch nicht von gestern – Freunde der Energiewende sind, unter der Hand aber nichts lieber tun, als Zweifel zu säen, weil das Vorhaben angeblich zu teuer ist, zu unsicher, zu unsozial.

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Es gibt wenige gesellschaftliche Prozesse, die in so kurzer Zeit zu so großen sozialen Strukturbrüchen geführt haben und führen, wie es die Energiewende schon getan hat. Das Geschäftsmodell der bis vor Kurzem tonangebenden Stromkonzerne erodiert in geradezu atemberaubender Geschwindigkeit; waren sie gerade noch Staaten im Staate, machen ihnen heute Privatleute mit Solarzellen auf dem Dach Kilowattstunden abspenstig. Die Dinger entmachten RWE und Co. regelrecht, unglaublich.

Kein Wunder, dass sich in Politik und Wirtschaft Widerstand gegen den vermeintlichen Wahnsinn formiert.

Welcher Wahnsinn? Die grünen Energien wachsen zu stürmisch, heißt es. Falsch, sagt Claudia Kemfert, der Ausbau der Netze ist verschleppt worden, auch um die Umstellung auf grüne Energien zu boykottieren. Es drohen Blackouts, die Wende ist schuld. Lüge, so Kemfert, schuld ist die Netzinfrastruktur, die seit Jahren vernachlässigt wird. Der Strompreis explodiert. Von wegen, die Kilowattstunden werden nicht zu teuer, sie waren jahrelang zu billig.

Die Energiewendepolitiker betreiben die Deindustrialisierung des Landes, treiben Deutschland in die Planwirtschaft, und ihre Politik führe zu sozialer Verelendung – alles, was das Zeug für Schlagzeilen hat und den Stammtisch erregt, knöpft Kemfert sich vor. Gut so, wer im Wahljahr mitreden will, ist mit ihrem Buch gut bedient. »Wer hätte gedacht, dass die soziale Frage plötzlich von der FDP in die Energiedebatte eingebracht wird«, heißt es im hinteren Teil. In der Tat, wer hätte den Liberalen so viel Perfidie zugetraut: das Geschäft der Großen zu betreiben und sich gleichzeitig als Retter der sozial Schwachen aufzuspielen.

Claudia Kemfert, das gehört zur ganzen Geschichte dazu, ist »die Frau, die alles weiß«. So wurde sie tatsächlich schon in der Brigitte tituliert – und zwar nicht umsonst. Gern und häufig meldet sie sich zu Wort, was in der Gemeinde der wissenschaftlichen Politikberater, gelinde gesagt, mitunter Verwunderung hervorgerufen hat. Kemfert gehört der Gemeinde selbst an, als Abteilungsleiterin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Ihrem jüngsten Buch merkt man die Wissenschaftlerin indes kaum an. Nicht schlimm, es ist eben eine Streitschrift für die Energiewende. Bedauerlich ist, dass es nicht wenigstens einen kleinen Statistikanhang hat. Dann wäre es noch hilfreicher im Kampf um den Strom.

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Leserkommentare
  1. mit diesem Buch auf und spricht sich eindeutig pro Erneuerbare aus.
    Wer sich mit EE schon bisher auskannte, die Standardlektüren von H.Scheer kennt u. sich über Neuigkeiten informiert findet in diesem Buch nichts Neues. Kemferts Ansichten zu Offshore Windkraft sind für mich nicht plausibel denn diese braucht es eindeutig nicht.

    Wer auch ohne dieses Buch etwas dazulernen will könnte ich folgende Veröffentlichung von Fraunhofer empfehlen die immer wieder aktualisiert wird:
    http://www.ise.fraunhofer...

    F. Vorholz würde das auch nichts schaden. Es wundert mich daß er so positiv über Kemferts Buch berichtet wenn man seine alten Artikel zum Thema liest. Aber vlt hat auch er endlich dazugelernt.

    6 Leserempfehlungen
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    konnte man auch schon z.B. im Monitoringbericht der Bundesnetzargentur nachlesen.

    Es gibt eigentlich genügend offizielle Berichte mit denen man sich sein eigenes Bild machen kann. Leider wird dies viel zu oft ignoriert, dabei ist es heute einfacher denn je.

    Einen Schuldigen zu haben ist eben einfacher als selbst etwas zu tun.

    Entfernt. Doppelpost. Danke, die Redaktion/jk

    • Benjowi
    • 08. Februar 2013 16:27 Uhr

    Es ist ja bemerkenswert, wenn die Dame meint, der Strom sei in Deutschland zu billig gewesen und der jetzige Preis sei eher der richtige Wert. Das Dumme ist nur, dass bei unseren maßgeblichen Konkurrenten der Strom bis zu zwei Drittel weniger kostet-also nur ein Drittel unseres Wertes. Das dürfte nach diesen Vorgaben garnicht möglich sein und speziell in den Vereinigten Staaten wird der Strom garantiert nicht subventioniert. Irgendetwas kann also an diesen tollen Rechnungen nicht stimmen - das Einzige was sicher stimmt, ist die Tatsache, dass der Lebensstandard der Mittelschicht in Deutschland seit Jahrzehnten sinkt-unter anderem wegen der überteuerten Energie. Aber am deutschen Wesen wird garantiert trotzdem nicht die Welt genesen-sie denkt nicht einmal daran. Zumal die angeblichen Vorteile der erneuerbaren Energien sich bei genauerer Betrachtung stark relativieren. Bisher werden jedenfalls deutlich mehr CO2 und andere viel schlimmere Treibhausgase freigesetzt.Außerdem kommt es wegen des Agrosprits und der Palmölunsitte zu Menschenrechtsverletzungen, Nahrungsmittelrevolten und Hunger auf der Welt. Die "Bio"gasproduktion führt zu Mißwirtschaft und Raubbau beim Maisanbau und vieles Andere mehr....

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    • Karl63
    • 08. Februar 2013 19:39 Uhr

    Wenn Sie die USA erwähnen, sollte nicht verschwiegen werden, deren Stromnetz ist nicht mit dem Unsrigen zu vergleichen. Martin Klingst, der Korrespondent der ZEIT in Washington hat einmal in einem eigenen Artikel beschrieben was passiert ist, nachdem ein Sturm die Masten mit den Leitungen zerstört hatte: es hat Wochen gedauert, bis sein Haus wieder über Strom verfügte.
    Unsere Französischen Nachbarn setzten bislang sehr konsequent auf die Kernenergie. Nur sind deren Reaktoren inzwischen auch in die Jahre gekommen. Wie im vergangenen Jahr in der ZEIT Online zu lesen war http://www.zeit.de/wirtsc... , mehren sich auch dort die Zweifel an einer Zukunft der Kernenergie. Den Bestand an Reaktoren durch neue zu ersetzen, wäre schlicht sehr kostspielig.
    Unsere Polnischen Nachbarn wollen ihren - vorwiegend aus Kohlekraftwerken bestehenden - Kraftwerkspark modernisieren. Man hat dann verkündet, wieder auf Kernenergie zu setzen, denn man man wolle ja nicht von Russischem Erdgas abhängig sein. Für den kritischen Beobachter wirft dies die Frage auf, ob Polen nicht im Gegenzug in Abhängigkeit von Russischer Nukleartechnologie geraten wird?
    Jeder Technologiewandel kostet Geld und beinhaltet Risiken, wenn wir die nicht stemmen könnten, würden wir immer noch per Brieftaube kommunizieren und per Postkutsche reisen.

    • Infamia
    • 09. Februar 2013 10:15 Uhr

    "das Einzige was sicher stimmt, ist die Tatsache, dass der Lebensstandard der Mittelschicht in Deutschland seit Jahrzehnten sinkt-unter anderem wegen der überteuerten Energie."

    Dieses Märchen kann ich nicht mehr hören! Ich bin klassische Mittelschicht und mein Lebensstandart ist erstens nicht gesunken und zweitens sind meine Energiekosten über die Jahre ziemlich gleich geblieben. Schön an Energiekosten ist eben, man hat es teilweise selbst in der Hand, wie sie sich entwickeln.

    Wer etwas anderes behauptet, sollte seinen Umgang mit Strom überdenken. Es handelt sich hier um endliche Ressourcen und die gilt es zu schonen. Und mit etwas Geschick kann das jeder.

    Wenn jemand ein Ideologe ist, dann doch eher Sie, denn Sie stellen jede Menge Thesen auf ohne jeden Beleg. Ich weiss nicht was Sie unter Mittelschicht verstehen, ein Durchschnittshaushalt hat etwa EUR 2500 EUR im Monat zur Verfuegung und wenn die Stromrechnung EUR 100 betraegt fuehrt das zum Ruin?
    Aber am laecherlichsten ist der Satz:''Bisher werden jedenfalls deutlich mehr CO2 und andere viel schlimmere Treibhausgase freigesetzt.Außerdem kommt es wegen des Agrosprits und der Palmölunsitte zu Menschenrechtsverletzungen, Nahrungsmittelrevolten und Hunger auf der Welt. Die "Bio"gasproduktion führt zu Mißwirtschaft und Raubbau beim Maisanbau und vieles Andere mehr...." Haben Sie eine wissenschaftliche Studie die zeigt, dass Windkraftraeder oder Solarzellen mehr CO2 erzeugen als konventionelle Energieproduktion? Ach und wegen konventionellem Oel werden keine Menschenrechtsverbrechen begangen? Ich denke es ist schlimmer Oel war schon fuer ganze Kriege verantwortlich. Und was Raubbau am Maisbau ist, ist mir voellig unklar. Ist Mais eine bedrohte Art? Aber Sie haben recht, einfacher waere es Sie wuerden einfach Energie sparen, dann muessen Sie auch nichts bezahlen.

    • tnie
    • 08. Februar 2013 16:34 Uhr

    .. müsste sie sich vermutlich nicht nur "um die Zukunft der rheinischen Braunkohle kümmern" sondern vermutlich auch genau das Gegenteil dessen behaupten, was sie jetzt schreibt.

    Wirklich traurig, dass es geradezu eine illusorische Vorstellung ist, dass sie auch in der Rolle einer Ministerin hätte sagen können, was sie jetzt sagt. Ehrlichkeit und Integrität werden in der Politik aktueller Ausprägung leider viel zu oft dem Fraktionszwang geopfert. Es hätte sicher jahrelang keinen Zeitpunkt gegeben, in dem eine Energieministerin Kemfert hätte ungescholten sagen dürfen, dass ihre Vorgänger die Energiewende bewusst sabotiert haben - ausser natürlich es wäre jemand von der SPD gewesen!

    Eine Leserempfehlung
  2. die noch 2009 mit einem Gutachten nachwies, dass die EEG-Subvention nie über 3,54 CT/kWh steigen könne.

    Wer bezahlt wohl diese "Expertin"?

    8 Leserempfehlungen
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    das die EEG Subventionen mit einem politischen Aufschlag belegt wurden. Die tatsächlichen Kosten könnten weniger als die Hälfte sein.

    • achimvr
    • 08. Februar 2013 20:22 Uhr

    Denn bisher sind die Kosten der Umlage noch deutlich unter 3,5 Ct/kwh:
    Im 1. Kommentar ist ein sehr guter link zu einer Veröffentlichung des Fraunhofer Instituts: 2,29 Ct/kwh beträgt die Förderung der Erneuerbaren. Der Rest? Tja, 2009 hat die libal-konservative Koalition bei 1,1 Ct Umlage übernommen. Und heute?!

    Da ist viel für die Klientel in die Umlage reingepackt worden. Ja, das haben die Schwarzen gut gemacht denn die meisten Leute hinterfragen nicht u. gehen davon aus dass die Umlage vollständig für Erneuerbaren wären. Aber wie man sieht ist es nicht mal die Hälfte davon!

    • FrankyX
    • 08. Februar 2013 23:52 Uhr

    Ich weiß nicht wer diese Expertin bezahlt. Aber Frank Asbeck, der Gründer und Vorstandsvorsitzender war nach Wikipedia "mit Petra Kelly, Gert Bastian, Michael Vesper und anderen zu den Gründungsmitgliedern des ersten grünen Landesverbandes in Hersel bei Bonn. In den Jahren danach war er einige Zeit als jüngstes Fraktionsmitglied im Kreistag des Rhein-Sieg-Kreises aktiv, ehe er sich 1987 aus der aktiven Politik zurückzog. Er ist bis heute Mitglied der Partei Bündnis 90/Die Grünen."

    Und da schimpfen die Linken ständig über Korruption, Selbstbedienung und Vetternwirtschaft.

    http://de.wikipedia.org/w...

  3. konnte man auch schon z.B. im Monitoringbericht der Bundesnetzargentur nachlesen.

    Es gibt eigentlich genügend offizielle Berichte mit denen man sich sein eigenes Bild machen kann. Leider wird dies viel zu oft ignoriert, dabei ist es heute einfacher denn je.

    Einen Schuldigen zu haben ist eben einfacher als selbst etwas zu tun.

  4. Entfernt. Doppelpost. Danke, die Redaktion/jk

  5. das die EEG Subventionen mit einem politischen Aufschlag belegt wurden. Die tatsächlichen Kosten könnten weniger als die Hälfte sein.

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    Antwort auf "Ausgewiesene Expertin"
  6. "..machen ihnen heute Privatleute mit Solarzellen auf dem Dach Kilowattstunden abspenstig."
    Das kann nur jemand schreiben, der kaum Ahnung hat und Stromkreisläufe nicht versteht.
    Jeder kann irgend ein Buch mit irgend welchen Meinungen und Ansichten herausbringen und argumentieren. Ob es dann wirklich hilft, steht auf einem anderen Blatt.
    Bleibt die Frage, wer sich so ein "Schmarren" überhaupt kauft?
    Und eigentlich geht es doch gar nicht darum, dass einige schwärmen und andere skeptisch drein blicken, sondern darum, dass etwas in Gang gebracht wird, dass funktioniert.

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