Müssen wir wirklich noch darüber reden: über den Fall Brüderle und die Frage, wo ein Witz aufhört und eine Belästigung beginnt? Darüber, ob Deutschland ein Sexismus-Problem hat? Ja, das müssen wir.

Ist dir so etwas auch schon passiert?, lautete vermutlich eine der meistgestellten Fragen an Frauen in der vergangenen Woche. Jeden Tag, jede Woche, seit ich denken kann, lautete häufig, allzu häufig die Antwort: Ja. Ein Blick auf den Busen, ein Spruch, eine Hand zwischen den Beinen, ein ein- bis mehrdeutiges Angebot – für einen Teil des Landes gehört Belästigung in den unterschiedlichsten Ausprägungen zum Alltag. Für einen anderen Teil ist das offenbar neu.

Seit einer Woche schwappt eine Erregungswelle über das Land. Die einen empören sich über den FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle, der einer Reporterin des sterns mit schmierigen Komplimenten über ihr Dekolleté auf die Pelle gerückt sein soll, die anderen über das Magazin und seine Reporterin, die den Vorgang erst jetzt, ein Jahr später, in einem Porträt über Brüderle publik gemacht haben. Eines kann man mit Sicherheit sagen: Ein Graben hat sich aufgetan, eine unterschiedliche Meinungs- und Erfahrungswelt, wie sie seit Jahren bei keinem anderen Thema so deutlich geworden ist.

In der Debatte darüber wird manches vermengt, was nicht zusammengehört. Auch deshalb lohnt es sich, die Dinge einmal zu sortieren. Politiker sind keine besseren Menschen, aber auch keine schlechteren als andere, Sexismus ist in der Politik nicht weiter verbreitet als anderswo, und Journalisten sollten nicht immer nur über sich reden. Reden wir also nicht über Rainer Brüderle, reden wir über den abstrakten Fall, darüber, wie er diskutiert wurde und was diese Debatte über die Machtverhältnisse in der Gesellschaft verrät. Sie haben sich verändert, die ungeschriebenen Regeln in dem alten Spiel zwischen Männern und Frauen werden neu verhandelt. Und niemand hat das besser erkannt als diejenigen, die die Debatte instinktiv zu marginalisieren versuchen, indem sie vor Szenarien warnen, in denen über das Verhältnis der Geschlechter eine Tugendpolizei wacht. Lassen wir uns nicht ins Bockshorn jagen: Diejenigen, die sich in dieser Debatte für den Anti-Mainstream halten, verkörpern in Wirklichkeit den Mainstream. Nur ist es der Mainstream von gestern.

Es sei eine Verletzung des »Comments« in Deutschland, dass über Privates nicht berichtet werde, war zu hören, der Tabubruch liege aufseiten des sterns. Wer so argumentiert, verwechselt etwas: Dass über Seitensprünge und uneheliche Kinder von Politikern nicht berichtet wird, dient dem Schutz der Privatsphäre dieser Politiker. Eine sexistische Belästigung ist dagegen eine Verletzung der Privat- und Intimsphäre.

Es gab und gibt auch kein Einverständnis darüber, sich belästigen zu lassen. Was es gab und gibt, sind Männer, meist in vorgesetzten Positionen, die glauben, sich dies erlauben zu können. Lange konnten sie es auch. Hier nun wird es interessant. Denn selbstbewusste Frauen gab es auch früher schon. Warum haben sie sich nicht so »gewehrt«, wie es die stern- Reporterin nun getan hat oder zuvor bereits eine Autorin des Spiegels, die über üble Nachrede im Netz gegen sie berichtet hatte? Sicher leben wir in empörteren Zeiten. Aber, auch das gehört zur Wahrheit: Es fehlte lange der Adressat der Empörung. Frauen, die belästigt werden, das war eine Hund-beißt-Mann-Geschichte.

Ich kann mich wehren, sagen viele Frauen. Viele können es. Viele können es aber auch nicht. Weil sie in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen oder Angst vor Mobbing haben. Vor allem aber haben es immer mehr Frauen satt, sich wehren können zu müssen.