Promotion"Ghostwriter waren früher akzeptiert"

Wie hat sich der Wert der Promotion verändert? Der Bildungshistoriker Rüdiger vom Bruch über alte Schummeleien und das Hungern bis zum Doktorschmaus. von Benedikt Peters

DIE ZEIT: Herr vom Bruch, war ein Doktortitel früher mehr wert als heute?

Rüdiger vom Bruch: Paradoxerweise ja, weil Bildung als Gut des Bürgertums noch eine sehr viel stärkere Bedeutung hatte. Die Qualität der Doktorarbeiten war aber zum Beispiel vor 200 Jahren sehr viel geringer als heute.

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ZEIT: Woran machen Sie das fest?

Vom Bruch: Aus den Biografien von Juristen und Medizinern etwa geht hervor, dass sie die Promotion als Vorbereitung auf das Staatsexamen ablegten, nebenbei gewissermaßen. Das wäre heute undenkbar! In früheren Jahrhunderten war die Promotion in vielen Fächern ohnehin der übliche Abschluss und nicht besonders hochwertig. Die Doktorarbeiten waren oft nur wenige Seiten lang. Außerdem wurde von den Doktoranden keine größere Forschungsleistung erwartet, so wie das inzwischen der Fall ist.

ZEIT: Wurde trotzdem schon geschummelt?

Vom Bruch: Aus heutiger Sicht: ja. Eine Zeit lang gab es an den Universitäten eine Art »Ghostwritertum«, das allgemein akzeptiert war.

ZEIT: Das klingt angesichts unserer aktuellen Plagiatsdebatten absurd.

Vom Bruch: Vor allem, weil es damals oft Professoren waren, die die Arbeiten ihrer Studenten geschrieben haben. Vom 16. bis 18. Jahrhundert waren die Gehälter der Professoren so niedrig, dass sie sich damit ihren Verdienst aufgebessert haben, das war allgemeine Praxis. Auch später gab es im Promotionswesen Vorgänge, die für uns inakzeptabel sind. Zum Beispiel eine Promotion »in absentia«, die Promotion in Abwesenheit. Doktoranden konnten ihre Dissertation einreichen, mussten danach aber nicht vor einem Fachgremium erscheinen, um sie zu verteidigen. Sie konnten einfach einen Stellvertreter in die Prüfung schicken. Der offizielle Verfasser einer Doktorarbeit musste also nicht zeigen, was er auf dem Kasten hatte. Es konnte nicht geprüft werden, ob er die Doktorarbeit selbst geschrieben hatte oder einfach nur sein Name darauf stand.

ZEIT: Warum wurde das geduldet?

Vom Bruch: Auch hier: des Geldes wegen. Mehr Doktoranden bedeuteten mehr Gebühren. Und die gingen im Unterschied zu heute direkt an die Universitäten.

ZEIT: Hat sich darüber niemand empört?

Vom Bruch: Doch. Der berühmte Historiker Theodor Mommsen wetterte 1876 in einem berühmten Aufsatz gegen den Sittenverfall im Promotionswesen. Sein Zorn richtete sich vor allem gegen die Promotion in absentia. Anfang des 20. Jahrhunderts kam es dann zu einer Reform, die die schlimmsten Missstände im Hochschulwesen beseitigte und die Promotion in absentia verbot. Das Staatsexamen blieb aber weiterhin der anerkanntere Abschluss.

ZEIT: Wann hat der Doktortitel an Renommee gewonnen?

Vom Bruch: Erst in den 1960er Jahren. Bis dahin hatte immer nur ein sehr kleiner Teil eines Jahrgangs studiert, von dem verhältnismäßig viele promovierten. Dann kam es zu einer Explosion der Studentenzahlen, neben dem Staatsexamen wurden Diplom und Magister zu Regelabschlüssen. Von den deutlich größeren Jahrgängen promovierten nur noch die Besten. Das führte dazu, dass die Qualität der Dissertationen in den letzten 50 Jahren erheblich gestiegen ist. Das gilt bis heute.

ZEIT: Wann gab es denn überhaupt die erste Doktoranden?

Vom Bruch: Vor 900 Jahren. Im Mittelalter war für die Promotion allerdings keine schriftliche Arbeit notwendig. Das kam erst nach der Einführung des Buchdrucks, als man die Arbeiten vervielfältigen konnte. Zuvor wurde die Promotion meist mündlich verhandelt: In einer öffentlichen Diskussion präsentierte der Doktorand seine Thesen und verteidigte sie gegen einen Gesprächspartner. In der Regel war das ein abgekartetes Spiel: Wer genügend Geld hatte, engagierte einen Freund aus akademischen Kreisen, der ihm in der Diskussion die Bälle zuspielte. Anschließend fand der Doktorschmaus statt, ein teures Festessen, zu dem die ganze Fakultät eingeladen war. Es promovierte nur, wer sich die Feier leisten konnte. Und die Professoren waren auch im Mittelalter schon bettelarm: Der Überlieferung nach hungerten sich manche von Doktorschmaus zu Doktorschmaus.

ZEIT: Wer kein Geld hatte, dem blieb der Doktortitel also verwehrt?

Vom Bruch: Oftmals ja. Aber es gab auch Ausnahmen. Schon in der frühen Universitätsgeschichte kennen wir Stipendien. Die kamen allerdings nicht vom Staat, von Unternehmen oder von Stiftungen, sondern von Adeligen und Bürgern, die der Universität einen Teil ihres Vermögens vermachten – mit der Auflage, damit bedürftige, besonders begabte Studenten zu unterstützen. Bis zum 19. Jahrhundert hat sich so ein verästeltes System aus Tausenden Stipendien herausgebildet. Dazu beigetragen haben auch die Kirchen, die ein Interesse an qualifiziertem Nachwuchs hatten.

ZEIT: Und wie sieht es mit den Frauen aus, ab wann durften die promovieren?

Vom Bruch: Im 18. Jahrhundert gab es zwei Pionierinnen. Die Medizinerin Dorothea Erxleben wurde 1727 in Halle promoviert. 60 Jahre später folgte Dorothea Schlözer als Doktorin der Philosophie. Aber diese Frauen waren ungern gesehene Ausnahmen. Dorothea Schlözer konnte nicht einmal an ihrer eigenen Promotionsfeier teilnehmen, weil Frauen die Räume ihrer Universität in Göttingen nicht betreten durften. Schlözer war gewissermaßen zum Fernstudium gezwungen.

ZEIT: Wann änderte sich das?

Vom Bruch: Das reguläre Frauenstudium begann zunächst zögerlich Anfang des 20. Jahrhunderts und unter erheblichem Widerstand der männlichen Wissenschaftler. Manche verfassten Gutachten, die das Gehirn der Frau für zu leicht befanden. Andere hielten Frauen für ungeeignet, weil ihre Hüte die Sicht in den Hörsälen versperrten. Die »Frau Doktor« war lange eher die Frau eines Mannes mit Doktortitel als selbst promoviert.

ZEIT: Was hat sich seit Ihrer eigenen Promotion in den siebziger Jahren geändert?

Vom Bruch: Ich habe noch mit Schreibmaschine und Zettelkasten promoviert. Als ich die Dissertation 1978 abgegeben habe, kamen allmählich Computer an die Unis. Die Habilitation habe ich Mitte der 1980er Jahre handschriftlich vorbereitet und sie danach auf dem Computer abtippen lassen. Meinen Zettelkasten habe ich aber noch bis zur Emeritierung letztes Jahr benutzt.

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Leserkommentare
  1. lahm aus, dass was gerade passiert nachzuschönen.

    Wirklich lahm.

    5 Leserempfehlungen
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    • TDU
    • 08. Februar 2013 20:04 Uhr

    Tja wenn die Fakten Ihnen nicht passen, schreiben Sie sie doch einfach um und veröffentlichen Sie sie dann erst. Gabs auch in Deutschland. In beiden Teilen.

    Das Nichterwähnen oder Unterdrücken von Fakten weils gerade politisch nicht passte. Strengen Sie sich an. Vielleicht dürfen Sie dann mal bestimmen, was zu schreiben erlaubt ist.

    • Gerry10
    • 08. Februar 2013 19:41 Uhr

    ...und damit sind solche "Irrtümer" wie heute, wohl auch in Ordnung? :-)

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  2. leisten konnte. Und die Professoren waren auch im Mittelalter schon bettelarm."

    Ausgehend davon, dass die Professoren wohl selbst auch promoviert waren, frage ich mich, ob sie dann erst in ihrem Berufsleben verarmten. Oder war ihre Promotion samt Feier überhaupt erst von Stifter eines Stipendiums finanziert worden?

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    • TDU
    • 08. Februar 2013 19:57 Uhr

    Da kann Vroniplag ja mal recherchieren. Vielleicht findet man ja einen geschummelt habenden Vorfahren mit heutigen Nachfolger in der Politik.

    Gemäß der Lehre des Apfels, der nicht weit vom Stamme fällt, lässt sich vielleicht mancher traditionelle gute Ruf erschüttern. Und dann macht man eine Umfrage und das Volk stimmt für die Zwangserschaft dieser Missetaten.

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    • TDU
    • 08. Februar 2013 20:04 Uhr

    Tja wenn die Fakten Ihnen nicht passen, schreiben Sie sie doch einfach um und veröffentlichen Sie sie dann erst. Gabs auch in Deutschland. In beiden Teilen.

    Das Nichterwähnen oder Unterdrücken von Fakten weils gerade politisch nicht passte. Strengen Sie sich an. Vielleicht dürfen Sie dann mal bestimmen, was zu schreiben erlaubt ist.

    2 Leserempfehlungen
  3. was wird noch an unpassenden Vergleichen herangezogen? Im Mittelalter hat man u.a. auch Wissenschaftler(innen) & Heiler(innen) auf dem Scheiterhaufen verbrannt...

    4 Leserempfehlungen
  4. Soweit ich weiß, schreiben auch heute noch die meisten Mediziner ihre Arbeit vor den Staatsexamen, manche in den Monaten zwischen dem ersten und dem zweiten.

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    die Dissertation vor dem Physikum anzufertigen, aber sofort danach, also frühestens ab dem 5. Semester. Das Rigorosum kann aber erst nach dem Staatsexamen abgelegt werden. Danach haben die meisten wegen ihrer Facharztausbildung keine Zeit mehr für eine Doktorarbeit.

  5. "Im Mittelalter" soll's sogar Mord und Todschlag gegeben haben, und die Pest & Cholera, und kein Auto, und kein TV ...

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