EU-ReferendumDer Käpt’n mag’s neblig

Wollen die wirklich weg? Auf einer Überfahrt mit der Fähre »MS Spirit of France« von Dover nach Calais spürt man die Verunsicherung der einfachen Briten über ihre Rolle in der EU. von Marian Blasberg und

Seit die MS Spirit of France im Januar 2011 zu ihrer Jungfernfahrt von Dover nach Calais aufbrach, ist sie die größte Fähre, die je den Ärmelkanal überquerte. In ihrem Bauch wummern Motoren, die Rolls-Royce in England hergestellt hat, ihre mächtigen Schrauben kommen von MAN in Deutschland, gebaut wurde sie auf einer Werft in Finnland. Die Spirit of France transportiert Lkw aus Polen, Reisebusse aus Bulgarien und Touristen aus Holland oder Belgien. Man könnte sagen: Dieses Schiff ist ein europäisches Projekt.

»Für mich ist sie wie England«, brummt der Kapitän Steve Johnson an diesem Januartag, an dem es so scheint, als läge weit mehr zwischen der Insel und dem Festland als 34 Kilometer Nordsee. Johnson steht oben auf der Brücke, ein kerzengerader Mittfünfziger mit grauem Haar, der sich an die Zeit, in der er nicht zur See fuhr, gar nicht mehr erinnern kann. Er sagt: »Wir haben englische Zeitungen an Bord, englisches Fernsehen und ein gutes Roastbeef. Das ist alles, was ich brauche.«

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Ruhig gleitet die Fähre aus dem Hafen des britischen Dover hinüber zum französischen Calais. Johnson sieht durch sein Fernglas die Umrisse der französischen Küste im Morgendunst.

Fünfmal am Tag durchpflügt er mit seinem Schiff den Kanal, 25-mal in der Woche, immer im selben Takt. Johnson ist ein ruhiger Mann, der seinen Dienst mit großem Ernst verrichtet. Im Urlaub fährt er nach Spanien, dort fällt ihm auf, wie lange die Spanier Siesta machen. Und was die sich trotzdem alles leisten können! Dann denkt Kapitän Johnson, dass das im Grunde sein Geld ist, das sie auf der Iberischen Halbinsel verbauen, es sind seine Steuern, die über den Umweg Brüssel ins sonnige Spanien geflossen sind. »Das alles«, sagt Johnson auf seiner Brücke, »passt doch nicht mehr unter einen Schirm.«

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Johnson war deshalb ganz froh, als er in der vergangenen Woche die Rede seines Premierministers hörte, auf die Europa lange gewartet hatte. Es war der wichtigste Auftritt in David Camerons politischer Karriere, er sprach ein Machtwort, das die Architektur des Kontinents nachhaltig erschüttern könnte. In Johnsons Kajüte lief der Fernseher, während Cameron im Londoner Bankenviertel ans Mikrofon trat und mit staatsmännischer Geste vortrug, Großbritannien müsse die Bedingungen seiner Mitgliedschaft in der Europäischen Union neu definieren, um im internationalen Handel weiter wettbewerbsfähig zu sein. Der Premier will wesentliche Kompetenzen, die Großbritannien an Europa abgetreten hat, wieder zurückholen. Er sprach von Richtlinien zur Arbeitszeit, die nicht flexibel genug seien, von Sonderregeln, die es brauche, um den Londoner Finanzstandort vor den Auflagen der künftigen Fiskalunion zu schützen. »Wir haben den Charakter einer Inselnation«, rief Cameron, »unabhängig und leidenschaftlich in der Verteidigung unserer Souveränität.« Dann fügte er leise hinzu, dass er nach seiner Wiederwahl und den Verhandlungen – vermutlich 2017 – das Volk in einem Referendum selbst entscheiden lassen werde, ob es überhaupt weiter Mitglied der EU sein wolle.

Das gefiel vielen in Camerons Conservative Party. Für andere ist es ein Affront. Entweder – oder, rein oder raus. Ein »Spiel mit dem Feuer« nannte Guy Verhoefstadt, der Chef der Liberalen im Europaparlament, Camerons Absichten, und der deutsche Außenminister Guido Westerwelle erklärte, »Rosinenpickerei« komme nicht infrage. Auch das Wort »Erpressung« machte die Runde. Seither richten sich die Blicke der übrigen Europäer auf die Umfragen aus London, aus denen hervorgeht, dass mehr als die Hälfte der Briten für den Austritt aus der EU stimmen würde, wenn man sie nächsten Sonntag fragte.

Die Fähre ist wie England, ein Mikrokosmos dieser Nation

Nicht nur in Deutschland wundert man sich, woher dieses tiefe Unbehagen der Briten an der EU kommt, ihre dauernde Angst vor dem Verlust von Souveränität, ihr Beharren auf dem Inseldasein. Da hilft es, mit der Spirit of France zwischen Dover und Calais hin- und herzufahren, an der Stelle, wo sich die widerspenstige Insel und der europäische Kontinent nahekommen. Und wer über das Deck schlendert und sich mit den Passagieren unterhält, der muss dem Kapitän recht geben: Seine Fähre ist England, ein Mikrokosmos dieser Nation.

Leserkommentare
  1. in der EU.

    Sondern die EU selbst ist ausgesprochen verunsichert ob des Bewusstseinserwachens ihrer Bürger.

    J.C. Juncker:
    "Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter - Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt."

    Das durchschaut der gebildete britische EU-Bürger inzwischen und nicht nur er.

    Daher hat die von Van Rompuy postulierte EU-Technokratie der "Elite" keine Chance auf Vollendung .......

    23 Leserempfehlungen
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    Auch wenn ich selbst kein Freund der EU bin, sehe ich einfach keine Alternative dazu.

    Ohne die EU haben wir auf Dauer keine Chance gegen die großen Wirtschaftsmächte und gegen die Multinationalen Unternehmen sowieso nicht, die uns ja jetzt schon nach Strich und Faden ausspielen.

    Die Briten sind doch das beste Beispiel für diese These. Was können die denn noch alleine??
    Nichts, die haben ihre komplette Wirtschaft ruiniert und ohne EU, die ihnen noch ein wenig Halt gibt, sind sie dem Untergang geweiht.

    Das Ganze schmeckt mir nicht, weil eben zu viele Ganoven sich darin die Hände waschen und so idiotische Entscheidungen getroffen werden und nichts wirklich zusammen passt aber wo ist der bessere Weg.

    Und bitte keine Beispiele wie die Schweiz oder Norwegen oder zurück in die Zeit der EWG. Das alles funktioniert nicht mehr, denn die Zeiten und die Kräfteverhältnisse haben sich geändert.

    Einen weiteren Machtzuwachs an der Pyramidenspitze in Brüssel wird die europäische Bevölkerung nicht tolerieren und das weiss auch Cameron ganz genau. Und damit vertritt er die Meinung des "einfachen britischen Bürgers".

    Die Bürger Europas wünschen sich keine "babylonische Knechtschaft" unter der Ägide von "Technokraten".

    Die Bürger wünschen sich Freiheit, Demokratie und keine ESM-Schuldenunion (ESM="Europäischer Schulden Mechanismus", den die arbeitende Bevölkerung finanziert ...).

  2. die ganzen Probleme gäbe es heute nicht hätte man noch die EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft).

    In vielen kleineren Unionen (Justiz, Sicherheit, "Sozial", "Zuwanderung") mit wenigen Ländern wäre es nicht Blasen und krasser Fehlwirtschaft gekommen.

    Auch hätte man zuerst einen Süd- Nord vielleicht auch noch einen Ost- und Notfall-Euro einführen müssen. Dadurch hätte man mehrere Möglichkeiten Ab- und Aufzuwerten und De- oder Inflation herbeizuführen. Man hätte auch weniger Währungen gehabt.

    Rumänien, Bulgarien, Ungarn & Co. würden nicht so viele Probleme haben und wir mit ihnen.

    Eventuell wäre dann es auch nicht so schwer die Zusammenarbeit mit der Türkei zu benennen. Eine "Vollmitgliedschaft" wird nicht an Deutschland scheitern. Eher an Rumänien, Bulgarien, Frankreich, Polen, Finnland, Niederlande etc. wer gerade sein Veto einlegt.

    Die Engländer brauchen nicht verunsichert sein. Geben wir es doch zu "sind wir nicht alle ein bisschen verunsichert?"

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    Welche Probleme? Blase? Krasse Fehlwirtschaft? Ihr Beitrag ist mir zu unkonkret. Und was eine EWG statt der weiterentwickelten EU an meinem Leben verbessern könnte, kann ich nicht erkennen.

    • Otto2
    • 10. Februar 2013 12:00 Uhr

    Für Otto Normalmensch ist mehr EU weniger parlamentarische Kontrolle als in seinem Heimatland (vielleicht von Ungarn abgesehen) und weniger und geringere soziale Standards.
    Werden diese beiden Aspekte gelöst, wird die EU an Stabilität gewinnen.
    Leider mögen die Regierer gerade dieses nicht.

    • Marula
    • 09. Februar 2013 15:57 Uhr

    Interessant, dass Draghi noch im Dezember das Ansinnen der irischen Regierung ablehnte mit dem Hinweis, es sei nicht mit EU-Recht vereinbar:
    "The ECB cannot undertake any agreement – cannot enter into any agreement – that is being viewed as monetary financing, that would be forbidden by article 123 of the treaty" (Irish Times, 7.12.2012). Damals sagte er noch, er werde "kein Geld drucken", um die Schuldenlast Irlands erträglicher zu machen.

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    • Marula
    • 09. Februar 2013 15:58 Uhr

    Sorry, falsche Adresse, das gehörte zu dem Schulden-Deal Irlands....

    • Marula
    • 09. Februar 2013 15:58 Uhr

    Sorry, falsche Adresse, das gehörte zu dem Schulden-Deal Irlands....

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Legal, illegal...."
  3. Welche Probleme? Blase? Krasse Fehlwirtschaft? Ihr Beitrag ist mir zu unkonkret. Und was eine EWG statt der weiterentwickelten EU an meinem Leben verbessern könnte, kann ich nicht erkennen.

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  4. Auch wenn ich selbst kein Freund der EU bin, sehe ich einfach keine Alternative dazu.

    Ohne die EU haben wir auf Dauer keine Chance gegen die großen Wirtschaftsmächte und gegen die Multinationalen Unternehmen sowieso nicht, die uns ja jetzt schon nach Strich und Faden ausspielen.

    Die Briten sind doch das beste Beispiel für diese These. Was können die denn noch alleine??
    Nichts, die haben ihre komplette Wirtschaft ruiniert und ohne EU, die ihnen noch ein wenig Halt gibt, sind sie dem Untergang geweiht.

    Das Ganze schmeckt mir nicht, weil eben zu viele Ganoven sich darin die Hände waschen und so idiotische Entscheidungen getroffen werden und nichts wirklich zusammen passt aber wo ist der bessere Weg.

    Und bitte keine Beispiele wie die Schweiz oder Norwegen oder zurück in die Zeit der EWG. Das alles funktioniert nicht mehr, denn die Zeiten und die Kräfteverhältnisse haben sich geändert.

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    • scoty
    • 09. Februar 2013 17:57 Uhr

    werden.

    6 Mitgliedstaaten und 5 Staaten mit Beobachterstatus: Gesamtbevölkerung der genannten 11 Staaten sind über 3 Milliarden Menschen.

  5. baut keine Schiffsdiesel, sondern Gasturbinen. Die Maschinen der Spirit of France sind von MAN.

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    Na, klar, die wissen, wo man Qualität kauft!

    • Chali
    • 09. Februar 2013 16:09 Uhr

    "die Verunsicherung der einfachen Briten"
    hat der Bericht seine Qzalitäten, aber er sheitert, wenn er grundsätzlich wird.

    Ich greife da nur folgenden Satz "Viele sehen es nicht ein, dass Europa sie für die Probleme all der anderen Länder zur Rechenschaft ziehen will"
    Welche "viele"? Welches "Europa? Ein Zusammenschluss von Bürgern in Europa oder ein europäischer Staatenbund?

    Aber vielleicht folgt ja in Artikel über eine spanischen Urlaubsort, auch mit Fährhafen, wo man etwas hört über Spanier, die zwar lange Siesta machen, sonst aber für Briten arbeiten, die den ganzen Tag nichts tun ausser Urlaub machen - besonders nachts ... Die LKWs beladen, mit Pferden etwa, zur Weiterverarbeitung nach England ...

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