Man wagt ja kaum mehr, sich anzumelden: Facebook mache seine Nutzer neidisch und unzufrieden, wird gerade überall aus einem Paper von Forschern der TU Darmstadt und der Humboldt-Universität Berlin zitiert. Das Leben der anderen wirke in Fotos und Sprüchen auf der Pinnwand so viel großartiger als das eigene und frustriere den einsamen Surfer. Vor allem wenn der selbst nichts berichte, sondern nur schaue, was die anderen machen.

Schon überlegt man, ob man seiner psychischen Gesundheit zuliebe den Account stilllegen sollte, da fällt der Blick auf ein anderes Studienergebnis. Denn die Forscher aus Berlin und Darmstadt sind beileibe nicht die einzigen, die sich derzeit Sozialen Netzwerken widmen. Das Themengebiet ist so schön aktuell – und die Resultate klingen griffig.

Gegen die Facebook-Depression könnte es vielleicht schon helfen, selbst den ein oder anderen Spruch zu posten. Davon scheinen zumindest Psychologen der Freien Universität Berlin überzeugt, die herausgefunden haben wollen, dass man sich umso weniger einsam fühlt, je mehr man sich in einem Netzwerk mitteilt (SPPS online). Selbst wenn man sein »bin gerade sooooo traurig« nur in den sozialen Äther schicke und keinen einzigen »Like« dafür kriege, komme es einem zumindest so vor, als sei man mit den anderen verbunden.

Harvard-Forscher im amerikanischen Cambridge wollen an Probanden gemessen haben, dass ein Posting sogar noch stärker wirke: Seinen Freunden die Heldentaten des Alltags zu offenbaren, löse in derselben Hirnregion Befriedigung aus wie Sex und gutes Essen (PNAS).

Allerdings haben in den Netzwerken die Mitglieder mit den meisten »Likes« eine Tendenz zum Übergewicht und zu höherer Verschuldung. So lautet die schnelle Zusammenfassung einer Nutzeranalyse von Wissenschaftlern der Columbia Business School. Deren Kollegen von der Ohio State University wiederum wollen herausgefunden haben, dass Facebook-User schlechtere Zensuren haben als Nichtmitglieder (Computers in Human Behaviour).

Facebook macht also dick und blöd und erzeugt schlechte Laune? Gleichzeitig aber wirkt es wie Sex? Vorsicht vor solchen schnellen Schlüssen, die vor allem eins sind: auffällige Schlagzeilen.

Dass sie während der Nutzung Neid und schlechte Laune verspüren, sagte lediglich etwas mehr als ein Drittel von 350 befragten Facebook-Mitgliedern. Der Rest war eigentlich ganz zufrieden, empfand sogar positive Gefühle. An der Studie, die zeigen wollte, dass das Netzwerk die Einsamkeit verringere, nahmen nur 100 Studenten teil. Sehr aussagekräftig sind Stichproben von dieser Größe nicht.

Die Untersuchung zum Stichwort »Sex« trägt im Original den weniger schwungvollen Titel »Informationen über sich selbst preiszugeben führt zu intrinsischer Belohnung«. Mit dem reizwortträchtigen Beischlaf hat die Nutzung vonFacebook nur die Ausschüttung von Dopamin gemein, die auch bei anderen Anlässen auftritt.

Das mit dem Übergewicht ist ebenfalls komplizierter. Hier wurden rund 500 Nutzer zu ihren Facebook-Aktivitäten befragt. Diejenigen, die sich dort vor allem mit ihren engen Freunden austauschten, sammelten fleißiger »Likes«, hatten einen höheren Body-Mass-Index und neigten eher zu Essanfällen, zudem hatten sie mehr Schulden. Die Forscher folgerten daraus, durch besonders viele »Likes« werde das Selbstbewusstsein gesteigert, was wiederum zu mangelnder Selbstkontrolle führe, die sich negativ auf das Offline-Leben auswirke.

Umgekehrt könnte es aber auch die mangelnde Selbstkontrolle der Nutzer gewesen sein, die sie zu Facebook-Konsumenten machte. Ähnliches gilt für die von Wissenschaftlern der Ohio State University befragten Studenten, die anstatt zu lernen auf Facebook ihre Zeit vertrödelten. Kein Wunder, dass sie in der folgenden Prüfung schlechter abschnitten als ihre Kommilitonen, die sich keiner Ablenkung ausgesetzt hatten.

Wirklich etwas über das Nutzerverhalten herausfinden ließe sich aber anhand der Daten der derzeit 1,5 Milliarden Mitglieder, die das Netzwerk selbst verwaltet. Sie bildeten keine kleine Stichprobe (sondern die vollständige Grundgesamtheit), und die Daten wären nicht in einer Laborsituation erhoben worden, sondern in der Realität. Ob es um bestimmte Nutzergruppen oder die Art der Selbstdarstellung geht – hier würden Forscher sicher fündig.

Allerdings gewährt das Unternehmen nur ausgewählten Wissenschaftlern Zugang zu seinem Datenschatz (ZEIT Nr. 23/11). Die Firma kontrolliert, wer was über sie erforschen darf. Ein wenig öffnet sie sich nun mit der Einführung von Facebook Graph. Diese Funktion macht die Durchsuchung des Netzwerks nach gezielten Fragestellungen möglich. Sie steckt noch im Betastadium – und ruft schon die Datenschützer auf den Plan, die um die Privatsphäre der Nutzer fürchten. Denn als Ergebnis werden nicht nur Zahlen und Tendenzen angezeigt, sondern Personen, die zur jeweiligen Anfrage passen. Das findet nicht jeder Nutzer angenehm.

Eine gute Nachricht zum Schluss: Während Facebook dick macht, macht Twitter schlank. Alle zehn Tweets verliere man 0,5 Prozent seines Gewichts, fanden Forscher der University of South Carolina heraus (JMIR). Allerdings ist auch diese Aussage – man ahnt es schon – ein wenig verkürzt.

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