SchweizWas Familien wirklich helfen würde

Wozu um Himmels willen braucht es einen Verfassungsartikel zur Familienpolitik? 15 ganz konkrete Ideen, wie sich Kinder und Arbeit besser vereinbaren ließen. von Ralph Pöhner und

Am 3. März stimmen die Schweizerinnen und Schweizer über den Familienartikel ab. Er will in der Verfassung festschreiben, dass die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit gefördert wird – und dass der Staat »Maßnahmen zum Schutz der Familie« unterstützen muss. Was harmlos klingt, könnte sich auf Gesetzesebene zum Subventionsmonster auswachsen. Das befürchten jedenfalls die Gegner der Vorlage.

Wir brauchten diesen Artikel aber gar nicht – wir müssten nur, statt die Verfassung zu bemühen, ein paar alltägliche Gewohnheiten und Regeln erneuern. Und schon wären wir dem Ziel – mehr Kinder und zugleich mehr erwerbstätige Frauen – ein großes Stück näher. Ganz unbürokratisch.

Anzeige

1 Es beginnt bei jedem Einzelnen, nämlich bei der Frage: Will ich wirklich ein Kind oder gar zwei, drei, vier Kinder? Diese Frage sollte ein Paar so ehrlich wie möglich beantworten können – bevor es sich auf dieses Abenteuer einlässt. Zu oft trifft man Eltern, die gar nicht wirklich Eltern sein wollen oder können. Und darunter leiden alle. Mutterliebe zum Beispiel ist ein gesellschaftliches Konstrukt und nicht gottgegeben. Wer Kinder hat, muss verzichten und sich nicht als Mittelpunkt der Welt begreifen können.

2 Es können nie beide Eltern gleichzeitig Karriere machen. Einer oder eine muss während einer gewissen Zeit zurückstecken. Man kann noch so viele Betreuungsaufgaben in die Hände anderer geben: Die Erziehung der Kinder ist nicht beliebig delegierbar. Das braucht Präsenz und Zeit, zumindestens eines Elternteils.

3 Bevor wir einen neuen Familienartikel einführen, könnten wir mal den Verfassungsartikel 4, Absatz 2 vollständig durchsetzen – also den Gleichstellungsartikel aus dem Jahr 1981. Das heißt konkret: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Alles andere verkompliziert die Hierarchie zwischen den Geschlechtern, auch in der Familie. Aber immer noch verdient eine Frau in der Schweiz im Schnitt 8 Prozent weniger – auch wenn sie das genau Gleiche tut wie der Mann.

4 Bereits mit kleinen Umstellungen in der Strukturierung des Arbeitsalltags ließen sich Familien fördern, gratis und franko. Erster Vorschlag: Keine Sitzungen, die länger als bis 17 Uhr dauern – auch keine Kadersitzungen. Andere Länder machen es vor: In Norwegen herrscht in den meisten Betrieben eine Präsenzkultur, die sich nach den Schulzeiten richtet. Sie ist Teil der Quotenpolitik.

5 Auch die Gleitzeitarbeit sollte zur Norm werden. Das reicht, um die meisten betrieblichen Anforderungen abzudecken. Und nebenbei hilft es, den immer noch herrschenden Anwesenheitskult in Frage zu stellen.

6 Schulen, Vereine, überhaupt das Milizsystem sollten gleichzeitig weniger verlangen von den Eltern. Lehrerfortbildungen oder Elterngespräche dürfen nicht zu den üblichen Arbeitszeiten stattfinden. Und es kann nicht sein, dass ständig ein Elternabend, eine Sitzung oder ein Fest durchgeführt wird. Ebenso wenig, dass es ausgerechnet diese Erziehungsinstitutionen für selbstverständlich erachten, dass Eltern auch noch einen Kuchen oder ein Homemade-Räbelichtli mitbringen.

7 Was wäre aus staatlicher Sicht günstiger als Krippen und Horte? Mehr Teilzeitarbeit – damit sich Eltern leichter mit der Kinderbetreuung abwechseln können. Bundesverwaltung, Kantone und Gemeinden hätten also alles Interesse, Teilzeitarbeit auszubauen. Beim Bund arbeitet aber bloß ein Fünftel des Personals weniger als 90 Prozent – Familienvater Staat liegt damit unter dem Durchschnitt. Und bei den Teilzeit-Kaderstellen benimmt sich der Bund wie jeder Privatkonzern – Teilzeitjobs sind selten und in höheren Kaderpositionen nicht vorgesehen.

Leserkommentare
  1. Zu 1) Wie viele Kinder man letztlich haben möchte, kann man doch oft erst entscheiden, wenn Erfahrungen mit dem ersten Kind da sind, sich die neue Familien- und Partnersition sowie und neue Einkommenssituation eingespielt hat.
    Zu 3) Gleichstellung durchsetzen - ja, aber wie? Wer verpflichtet und kontrolliert die Arbeitgeber, die es nicht freiwillig tun?
    Zu 4) Ja zur Neustrukturierung des Arbeitsalltags - zuerst müssen an allen Schulen flächendeckend Blockzeiten eingeführt sein. Hier lässt der Föderalismus und die Freiwilligkeit in den Gemeinden einmal mehr grüssen.
    Zu 6) Sind Lehrpersonen anders als sonstige Arbeitnehmer? Auch sie haben nebst ihrer vollen Präsenz tagsüber Anspruch auf Feierabend.
    Zu 8)So weit so gut. Nur ist mit einer Agentur wohl nicht allzu viel Geld zu verdienen, sonst wäre diese Marktlücke schon längst gestopft.

    Zu 15)Arbeits- und Schulbeginn ab 9 Uhr - na, das wäre ganz toll. Dies passt wohl in den angelsächsichen Raum mit deutlich niedriger Wochenarbeitszeit, verbunden mit weniger Verdienst, aber leider ganz und gar nicht zur Kultur der überfleissigen Schweizerinnen und Schweizer.

    • Cesna M
    • 19. Februar 2013 0:30 Uhr

    Das erste grosse Hindernis sitzt im eigenen Kopf: Die Schweizer Kultur ist ähnlich der Kultur der Schwaben: "Büetze büetze Stüüre zahle! Die Häusles sind hier leider für viele zu teuer, sodass man sich in engeren Mietwohnungen behelfen muss: Oben einen, unten einen, daneben je einen, oder auch mehr im Block, dessen Wohnungen für "Kinderreiche" gerade noch so bezahlbar sind und sie dort überhaupt noch erwünscht sind. Man probiere es aus: 4 Kinder, Bewerbung für 4-Zimmer-Inseratewohnung. Man staune, welche Ausreden da plötzlich kommen...
    Mit einem Hund könnte es noch einfacher sein...
    Wenn Kinder eher als Privatsache und gar als allgemeine Bevölkerungsbelästigung empfunden werden, wird eher der Berg eine Maus gebähren als da sich etwas in der Sozialpolitik ändern.

    Das andere kann man als "finanziellen Suizid" der Familie bezeichnen. Die Steuerprogression bewirkt, dass der Zweitlohn in grösserem Masse den Steuerbehörden abgeliefert werden darf. Da lohnt sich der Stress für die Ehefrau schlicht nicht, wenn am Ende des Monats nur der Gegenwert von Nagellack als Plus übrig bleibt neben dem ganzen Stress der Organisation der Familie, damit man ausserhalb einer Teilzeitarbeit nachgehen kann.
    Am Ende nagt dann noch die bange Frage, ob man den Kindern dabei nicht eher gechadet hat.
    Ach, der Ehemann könnte seine Arbeit ja auf 80% zurückfahren? So mancher Chef dürfte ihm dann liebevoll dabei behilflich sein, das Niveau auf 0% hinunter zu fahren. Passender Ersatz steht schon bereit.

    Eine Leserempfehlung
  2. aber vielleicht sollten hier auch ein paar Regeln zum Schutz ihres Berufes ergriffen werden. Wenn ich mir den Beitrag von der DNN anschaue, Tagesmutter, die ewig nach ner Wohnung sucht, weil die Vermieter Angst bekommen, es könnten Kinder zu viel Lärm machen?
    http://www.dnn-online.de/...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Schweiz | Familie | Familienpolitik
Service