Am 3. März stimmen die Schweizerinnen und Schweizer über den Familienartikel ab. Er will in der Verfassung festschreiben, dass die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit gefördert wird – und dass der Staat »Maßnahmen zum Schutz der Familie« unterstützen muss. Was harmlos klingt, könnte sich auf Gesetzesebene zum Subventionsmonster auswachsen. Das befürchten jedenfalls die Gegner der Vorlage.

Wir brauchten diesen Artikel aber gar nicht – wir müssten nur, statt die Verfassung zu bemühen, ein paar alltägliche Gewohnheiten und Regeln erneuern. Und schon wären wir dem Ziel – mehr Kinder und zugleich mehr erwerbstätige Frauen – ein großes Stück näher. Ganz unbürokratisch.

1 Es beginnt bei jedem Einzelnen, nämlich bei der Frage: Will ich wirklich ein Kind oder gar zwei, drei, vier Kinder? Diese Frage sollte ein Paar so ehrlich wie möglich beantworten können – bevor es sich auf dieses Abenteuer einlässt. Zu oft trifft man Eltern, die gar nicht wirklich Eltern sein wollen oder können. Und darunter leiden alle. Mutterliebe zum Beispiel ist ein gesellschaftliches Konstrukt und nicht gottgegeben. Wer Kinder hat, muss verzichten und sich nicht als Mittelpunkt der Welt begreifen können.

2 Es können nie beide Eltern gleichzeitig Karriere machen. Einer oder eine muss während einer gewissen Zeit zurückstecken. Man kann noch so viele Betreuungsaufgaben in die Hände anderer geben: Die Erziehung der Kinder ist nicht beliebig delegierbar. Das braucht Präsenz und Zeit, zumindestens eines Elternteils.

3 Bevor wir einen neuen Familienartikel einführen, könnten wir mal den Verfassungsartikel 4, Absatz 2 vollständig durchsetzen – also den Gleichstellungsartikel aus dem Jahr 1981. Das heißt konkret: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Alles andere verkompliziert die Hierarchie zwischen den Geschlechtern, auch in der Familie. Aber immer noch verdient eine Frau in der Schweiz im Schnitt 8 Prozent weniger – auch wenn sie das genau Gleiche tut wie der Mann.

4 Bereits mit kleinen Umstellungen in der Strukturierung des Arbeitsalltags ließen sich Familien fördern, gratis und franko. Erster Vorschlag: Keine Sitzungen, die länger als bis 17 Uhr dauern – auch keine Kadersitzungen. Andere Länder machen es vor: In Norwegen herrscht in den meisten Betrieben eine Präsenzkultur, die sich nach den Schulzeiten richtet. Sie ist Teil der Quotenpolitik.

5 Auch die Gleitzeitarbeit sollte zur Norm werden. Das reicht, um die meisten betrieblichen Anforderungen abzudecken. Und nebenbei hilft es, den immer noch herrschenden Anwesenheitskult in Frage zu stellen.

6 Schulen, Vereine, überhaupt das Milizsystem sollten gleichzeitig weniger verlangen von den Eltern. Lehrerfortbildungen oder Elterngespräche dürfen nicht zu den üblichen Arbeitszeiten stattfinden. Und es kann nicht sein, dass ständig ein Elternabend, eine Sitzung oder ein Fest durchgeführt wird. Ebenso wenig, dass es ausgerechnet diese Erziehungsinstitutionen für selbstverständlich erachten, dass Eltern auch noch einen Kuchen oder ein Homemade-Räbelichtli mitbringen.

7 Was wäre aus staatlicher Sicht günstiger als Krippen und Horte? Mehr Teilzeitarbeit – damit sich Eltern leichter mit der Kinderbetreuung abwechseln können. Bundesverwaltung, Kantone und Gemeinden hätten also alles Interesse, Teilzeitarbeit auszubauen. Beim Bund arbeitet aber bloß ein Fünftel des Personals weniger als 90 Prozent – Familienvater Staat liegt damit unter dem Durchschnitt. Und bei den Teilzeit-Kaderstellen benimmt sich der Bund wie jeder Privatkonzern – Teilzeitjobs sind selten und in höheren Kaderpositionen nicht vorgesehen.