US-Serie "Portlandia" : Fernsehen aus der Ökohölle

Die US-Serie "Portlandia" parodiert die Auswüchse alternativer Lebensstile – und bleibt doch erstaunlich realitätsnah.
Schöne heile Portland-Welt: Fred Armisen und Carrie Brownstein (links) und Gaststar Jason Sudekis (rechts) © Scott Green/IFC

Eine Frau und ein Mann sitzen im Restaurant, er hat Korkenzieherlocken und trägt eine Nickelbrille, sie ein schwingendes Ethno-Kleid. Sie möchte mehr über die Herkunft des Hühnerfleischs erfahren, das auf der Speisekarte steht. Ob das ginge? Klar, sagt die Kellnerin, das Huhn sei ganz in der Nähe aufgewachsen und habe nur Soja und Haselnüsse gefressen.

Dem Paar genügt das nicht: Sie will wissen, wie viel Platz das Huhn zum Scharren hatte. Ihn interessiert, ob auch das Haselnussfutter aus der lokalen Landwirtschaft stammte. Die Kellnerin bringt eine Mappe, in der das Leben des Tieres festgehalten ist, Colin hieß es, sogar ein Foto gibt es. Ja, Colin sehe wie ein glücklicher kleiner Kerl aus, sagt der Mann mit den Korkenzieherlocken. Dann will er noch wissen: Hatte Colin auch genug Freunde?

Die Szene führt direkt in die Hölle oder ins Paradies – das ist Ansichtssache. In dieser Hölle jedenfalls, in diesem Paradies, weiß jeder ganz genau, woher das Essen stammt, das er verzehrt. Die beschriebene Szene würde in jedes berüchtigte Zentrum alternativen Lebensstils in Deutschland passen: nach Freiburg oder Tübingen, Kreuzkölln oder Prenzlauer Berg, eben dorthin, wo die Alt-Hippies, Gesundheitsbewussten, Nachhaltigkeitsfreaks und Hipster wohnen.

Wer selbst hartnäckig an der Optimierung seines ökologisch korrekten Lebens arbeitet, lässt andere selten damit in Ruhe. Das ist wichtig, bestimmt auch richtig, aber es kann nervig sein. Und darum ist es ziemlich witzig, wenn jemand mal genauer in diese Milieus hineinschaut.

Einwecken aus Leidenschaft

Ganz genau hingesehen haben Carrie Brownstein und Fred Armisen. Ihre Fernsehserie Portlandia ist die klügste, reichhaltigste und lustigste Auseinandersetzung mit alternativen Lebensentwürfen überhaupt; eine Enzyklopädie emissionsarmer Existenzen. Die Serie spielt in Portland, das neben dem New Yorker Stadtteil Brooklyn ein Zentrum dieser Milieus ist. Portlandia läuft seit 2011 auf dem kleinen Fernsehsender IFC, gerade ist in den USA die dritte Staffel angelaufen. Hierzulande gibt es Portlandia auf DVD zu kaufen.

In der beschriebenen Episode fährt das Paar (gespielt von Fred Armisen und Carrie Brownstein) vom Restaurant zu dem Bauernhof, auf dem Colin, das Huhn, gelebt hat. Sie finden dort einen Kult um einen Mann vor, der viele Ehefrauen hat. Auch das Paar ist sofort in seinen Bann gezogen, beide werden Frauen des Gurus, ziehen sich sackartige Gewänder über und bleiben fünf Jahre. Dann kehren sie wieder zu ihrem Tisch im Restaurant zurück – und erkundigen sich nach der Herkunft des Lachses.

Carrie Brownstein und Fred Armisen zappen sich als verschiedene Paare durch die großen Fragen des ökologisch korrekten Lebens in einer amerikanischen Großstadt, in der anscheinend besonders viele Bürger leben, die sich mit Hingabe der Rockmusik, dem Fahrradfahren, dem Einwecken und dem Recycling widmen. Armisen und Brownstein sind mal Hippies, mal Öko-Schickeria, Armison spielt auch Frauen- und Brownstein auch Männerrollen. Sie zeigen Formen der hipster entrepreneurship, kleine Firmen, denen es nicht darum geht, Geld zu verdienen, sondern Gutes zu tun, die Welt zu verschönern, etwas anderes zu machen. Da sind die bike movers, die für einen Umzug mit dem Fahrrad ein paar Wochen brauchen, wobei die meisten Möbel zerbrechen. Da sind die Kleinunternehmer, die mit dem Slogan »We can pickle that!« alles einwecken, von Gurken bis zu abgebrochenen High Heels. Es treten Selbstständige auf, die Taschen und Kleidung mit Vögeln bekleben, weil es einfach netter aussehe: »Put a bird on it!«

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Warum?

Hatte mir Ausschnitte aus Portlandia angeschaut und war begeistert, dann die Enttäuschung, dass man anscheinend nur die erste Staffel auf DVD kaufen kann. Und nirgends als Download zu erwerben. Ich würde gerne wissen, woran das liegt und wo ich mich darüber beschweren kann. Mehr von "Put a Bird on it" würde mir im Moment sehr gut tun :-)