Die Bundesbank ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Im zwölften Stock, dort, wo der Präsident sein Büro hat, sorgt dunkles Edelholz für eine Atmosphäre der Gediegenheit. Doch die ehrwürdige Anmutung täuscht. Die alten, massiven Holzdecken wurden entsorgt, weil sie nicht mehr den heutigen Brandschutzvorschriften entsprechen. Übrig geblieben ist eine dünne Holzschicht für die Optik – dahinter verbergen sich moderne Aluminiumwaben.

Es ist die große Sorge von Bundesbankchef Jens Weidmann, dass von den stolzen Zentralbanken bald auch im übertragenen Sinn nur eine Fassade bleibt. Die unabhängige Notenbank könne »aus der Mode« kommen, warnte Weidmann vergangene Woche auf dem Neujahrsempfang der Deutschen Börse und sprach damit aus, was viele seiner Kollegen denken. Als wolle sie seinen Bedenken Nachdruck verleihen, verkündete die Bank von Japan am Tag danach, sie werde dem Wunsch der Regierung des Landes entsprechen und künftig eine höhere Inflation akzeptieren.

Es geht ums Geld, und das auf eine sehr grundsätzliche Weise. Geld ist heute schlicht bedrucktes Papier – oder sogar nur noch eine digitale Zahlenkolonne. Für die Politik bedeutet das die permanente Versuchung, das Geld zu vermehren, um Wohltaten zu verteilen. Das würde seine Stabilität gefährden.

Aus diesem Grund sind die großen Notenbanken heute der direkten politischen Kontrolle entzogen. Die Demokratien haben sich selbst die Hände gebunden – und die Inflation besiegt. In fast allen Industrieländern ist die Teuerung heutzutage unter Kontrolle. Die Gegenleistung für die Machtfülle der Zentralbanken ist die enge Begrenzung ihres Mandats: Sie sollen vor allem für stabile Preise sorgen.

Die Notenbanker als Technokraten des Geldes – so sah sich die Zunft, und so wurde sie gesehen. Mit Ausbruch der Krise sind die Währungshüter jedoch zum politischen Akteur geworden.

Als die amerikanische Investmentbank Bear Stearns im Jahr 2008 durch einen Notverkauf gerettet werden musste, übernahm die Notenbank Federal Reserve (Fed) die Schrottpapiere des Instituts. In Deutschland sprang die Bundesbank bei der Rettung der Hypo Real Estate ein, und in Großbritannien half die Bank of England bei der Verstaatlichung der Bausparkasse Northern Rock aus.

Die Fed hat in großem Stil amerikanische Staatsanleihen gekauft, um die Konjunktur anzukurbeln. Ihre Bestände belaufen sich auf 1,7 Billionen Dollar, damit ist sie der wichtigste Finanzier der US-Regierung – noch vor den Chinesen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat nur in geringem Umfang Anleihen erworben. Dafür hat sie die Banken mit Liquidität geflutet, die ihrerseits mehr Staatspapiere kaufen konnten.

Die EZB ist an der Überwachung der Reformauflagen für die Krisenstaaten Südeuropas beteiligt. Künftig soll sie auch die Bankenaufsicht übernehmen.

Durch ihr entschlossenes Eingreifen haben die Notenbanken zwar verhindert, dass sich die Geschichte wiederholt. In den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts unternahmen sie nichts, als die Börsen bebten – und prompt stürzte die Weltwirtschaft in eine jahrelange Depression. Heute besteht selbst in Europa Aussicht auf Besserung, seit die EZB mit dem umstrittenen Versprechen für Ruhe gesorgt hat, zur Not ungebremst Staatsanleihen zu kaufen. Inzwischen fließt sogar wieder privates Anlagekapital in die Südländer.

Doch Skeptiker befürchten, dass die Notenbanken durch solche Aktionen ihren Gestaltungsspielraum aufs Spiel setzen. »Je mehr sich die Notenbanken auf das Terrain der Politik begeben, desto lauter werden Forderungen nach einer stärkeren parlamentarischen Kontrolle werden«, sagt Weidmann.

Bankenaufsicht als Einfallstor für die Politik

Diese Gefahr besteht besonders in der Bankenaufsicht. Was passieren kann, wenn Währungshüter über Banken wachen, zeigt der Fall Monte dei Paschi. Das italienische Institut hat sich verzockt und muss nun vom Staat gestützt werden. Weil aber die Notenbank des Landes für die Aufsicht zuständig war, steht sie nun in der Kritik. Das könnte sogar für Mario Draghi unangenehm werden, den Chef der EZB und früheren Gouverneur der Banca d’Italia.

Die Bankenaufsicht droht so zum Einfallstor für die Politik zu werden. Es wäre das Ende der unabhängigen Notenbanken und schlimmstenfalls der Anfang einer neuen Inflationsspirale. Denn in den kommenden Jahren werden die Währungshüter mehr denn je auf Distanz zu den Regierungen angewiesen sein. Wenn das Wachstum wieder anzieht, müssen die Notenbanken die Zinsen anheben. Das wird auf Widerstände stoßen.

Dazu kommt: Je öfter die Zentralbanken einspringen, desto mehr Begehrlichkeiten wecken sie. So wird in Notenbankkreisen mit Sorge registriert, dass die Politik bei der Verabschiedung eines Rettungspakets für Zypern auf Zeit spielt, weil die EZB das hoch verschuldete Land mit Notkrediten über Wasser hält. Die Verunsicherung ist so groß, dass führende Notenbankvertreter aus aller Welt bei einem Geheimtreffen in Basel die Problemlage ausführlich erörtert haben. Seither ist in den Reden der Währungshüter auffällig oft davon die Rede, dass die Politik sich nicht aus der Verantwortung stehlen dürfe.