Komplexe Großprojekte genießen derzeit – siehe Berliner Flughafen – keinen besonders guten Ruf. Auch um Europas Zukunft ist es nicht gerade rosig bestellt. Die Preisfrage lautet: Gilt auch in diesem Fall die Gleichung minus x minus = plus? Kann sich Europas Forschung ausgerechnet durch die Förderung gigantischer Großprojekte an die Spitze katapultieren?

Das ist jedenfalls die Hoffnung, die hinter der "Flaggschiff-Initiative" der Europäischen Kommission steht. Mit je einer Milliarde Euro sollen in den kommenden zehn Jahren zwei gewaltige Forschungsvorhaben gefördert werden – das sei die "größte Geldprämie" für die Wissenschaft in der Geschichte Europas, protzte EU-Vizepräsidentin Neelie Kroes, als sie am 28. Januar die beiden Gewinner vorstellte. Damit ringt sich Brüssel erstmals zu einer Art Apollo-Strategie für den alten Kontinent durch: Statt die Fördermillionen auf viele kleine Projekte zu verteilen, bündelt man sie auf große Ziele hin – ähnlich wie es John F. Kennedy in den sechziger Jahren mit seiner Vision der Mondlandung vorgemacht hat. Europa will zwar nicht auf den Mond, hat sich aber kaum weniger ambitionierte Ziele gesetzt. Nämlich: a) das Wundermaterial der Zukunft entwickeln und b) das Gehirn entschlüsseln und unser Denkorgan in einem Computer nachbauen.

Klingt ein bisschen hoch gegriffen? Genau das ist beabsichtigt. Europas Position als "Supermacht des Wissens" hänge davon ab, "das Undenkbare denkbar zu machen", sagte Neelie Kroes. Dabei sollen die jetzt gekürten "Flaggschiffe" nicht nur in der Spitzenforschung voraussegeln, sondern zugleich nach marktnahen Anwendungen Ausschau halten und Europas Wettbewerbsfähigkeit sichern. Dass die zukunftsträchtigen Projekte ausgerechnet jetzt vorgestellt wurden, wenige Tage nach der europakritischen Rede des britischen Premiers David Cameron, erscheint wie der Versuch einer Antwort auf dessen Zweifel an der Zukunft der Gemeinschaft. Die Frage ist allerdings, ob die Forscher die hochgesteckten Erwartungen auch erfüllen können – und ob ihnen Brüssels Politik dabei eher hilft oder schadet.

Dass die beiden Flaggschiffe inhaltlich das Zeug dazu haben, aufsehenerregende Ergebnisse zu liefern, ist unbestritten. Und die Wahl gerade dieser beiden erscheint durchaus logisch: Mit dem Projekt "Graphen" wird solide Materialforschung gefördert, die in Europa gut etabliert ist und der von vielen Experten enormes Anwendungspotenzial bescheinigt wird. Dagegen will das "Human Brain Project" allen Ernstes das komplette Gehirn in einem Computer simulieren. Im Gegensatz zum bodenständigen Graphen-Projekt mutet dieses Unterfangen an wie die Idee eines durchgeknallten Science-Fiction-Autors. Aber alleine die Vorstellung setzt Fantasien frei. Alles in allem kann man der EU-Kommission also eine gute Mischung aus technischem Verstand und visionärer Begeisterung attestieren.

Dass Graphen (mit Betonung auf dem e) der Stoff der Zukunft ist, bezweifelt schließlich kaum jemand. Das dünnste bekannte Material im Universum, erst 2004 entdeckt, ist biegsam wie eine Klarsichtfolie und zugleich hart wie Diamant. Es besteht aus simplem Kohlenstoff, leitet elektrischen Strom rund hundertmal so gut wie herkömmliche Kupferkabel und könnte schon bald das Silizium in Computerchips ersetzen.

Widerstandsfähige Touchscreens aus Graphen sind ebenso denkbar wie hauchdünne Smartphones, die sich zusammenrollen lassen. Das Wundermaterial könnte zur Basis effektiverer Solarzellen werden, ultraharte Werkstoffe ermöglichen oder superleichte Autokarosserien. Kurzum: Graphen birgt das Potenzial, unseren Alltag zu verändern – und Firmen reichlich Gewinn zu bescheren. Deshalb sind am Graphen-Projekt neben vielen Forschergruppen auch Firmen wie Nokia, Philips, Airbus oder das deutsche Nanotechnologieunternehmen AMO beteiligt. Da scheint der Erfolg schon fast programmiert.