David Garrett, bürgerlich: David Bongartz © Universal Music

Im Neonlicht erscheint die Maschinerie, die aus einem Geiger einen Popstar macht: Stahlgerüst, LED-Leinwand, Scheinwerfer, Lautsprecher, Nebelmaschinen. Ein Bühnenarbeiter hängt an zwei Seilen, fünf Meter über den Stuhlreihen, dort, wo am Abend David Garrett, meistgeliebter, meistgehasster Geiger unserer Zeit, über dem Publikum schweben soll.

6.400 Menschen werden um 20 Uhr auf den Stühlen der Messehalle Erfurt sitzen. Noch drei Stunden, Zeit für den Soundcheck. Helfer haben die 40 Orchestermusiker verkabelt, die zwei Gitarristen, den Schlagzeuger. Die Hauptperson fehlt. Sie wird den ganzen Nachmittag nicht auftauchen. Am vorletzten Tag seiner Tournee sieht es so aus, als habe David Garrett keine Lust mehr, David Garrett zu sein.

Garrett, der Star mit Geige: Das ist er für die einen. Ein Rebell, der die klassische Musik aus dem Elfenbeinturm des Bürgertums befreit. Der Kinder der Playstation-Generation den Satz sagen lässt: "Ich will Geige lernen!" Der Hunderttausende in Konzerthallen zieht: Menschen, die sonst nur Shakira hören oder Michael Bublé. Popmusik.

Die anderen sehen in David Garrett einen Überläufer, der sein Talent an den Massengeschmack verschwendet. Einst trauten sie ihm eine Zukunft als Jahrhundertmusiker zu. Ein neuer Yehudi Menuhin hätte er werden können, ein Geigengott im Himmel der Hochkultur.

Die Menschen, die das Schöngeistige verteidigen, haben keine schönen Worte mehr für ihn. Musikkritiker schreiben, Garrett produziere "Softpornopopklassikjunkfood".

Wenn sie überhaupt noch über ihn schreiben.David Garrett gehört inzwischen zum Personal von Bunte, Bild und Gala. Dort ist er: "der schönste Geiger der Welt". Dort geht es um die Frage, ob die Geige Romanzen mit ebenso schönen Frauen verhindere, wie viele Tattoos er sich hat stechen lassen, auf welchem Körperteil die Fledermaus prangt.

Man kann David Garretts Geschichte als Abstieg lesen oder als Aufstieg, je nach Blickwinkel. Es ist die Partitur eines Verkaufserfolgs, die es hier zu verstehen gilt, die sorgfältig komponierte Verwandlung eines Menschen in ein Produkt.

Am Tag zuvor war Konzertpause in Erfurt. Die Musiker hatten einen Abend frei. Es gab eine kleine Party. Auch Garrett schaute vorbei. Seitdem hat ihn keiner gesehen.

"David kommt immer zu spät", sagt einer seiner Gitarristen.

"Er ist total durch", sagt einer seiner Fahrer.

"Manchmal braucht er Zeit für sich", sagt eine seiner Pressefrauen.

Sie tippt minutenlang in ihren Blackberry, dann kommt eine SMS vom Tourmanager: David müsse alle Termine am Nachmittag absagen, auch den Soundcheck. Warum, schreibt der Tourmanager nicht.

Routinierter Ärger bei der Entourage. Kommt öfter vor. Garrett nimmt sich immer mal wieder eine Auszeit von den Erwartungen, die andere an ihn stellen. Manager, Betreuer, Stylisten, Lichtdesigner, Tontechniker, Promoter, Veranstalter, Musikproduzenten: Sie alle verdienen an diesem Abend mit, sie alle arbeiten an der Marke David Garrett. Und in spätestens drei Stunden muss dieser 32-jährige Mann mit der Geige, dem Symbol für Disziplin und Ehrgeiz, wieder funktionieren. Dann müssen Mensch und Marke wieder zusammenfinden.

Vor Erfurt war Garrett in Köln, Berlin, Frankfurt, München, in Innsbruck, Mannheim und Stuttgart. Rock Anthems heißt das aktuelle Programm. Die besten Hits aus dreieinhalb Jahrhunderten, dazu: Feuerfontänen, Tanzeinlagen, Lightshow. Guns N’ Roses. Muzio Clementi. Michael Jackson. Ludwig van Beethoven. Coldplay. Justin Timberlake. Geige mit Schlagzeug, Klassik mit Pop. Zwei Stunden lang.

Der Eintritt kostet zwischen 45 und 120 Euro. Vor allem Frauen kaufen die Karten. Mütter strömen mit Großmüttern zu Garretts Auftritten, Grüppchen von Freundinnen in Parfümwolken. Fans wie die 27-jährige Andrea aus Neuruppin, die beim Konzert in Berlin in der zweiten Reihe sitzt. Sie hat sich ein Herz auf den Fuß tätowieren lassen, in der Mitte David Garretts Initialen. In Reihe sechs die zierliche Miriam, der Mund so grellrot wie die Lackstiefel, neben ihr der Sohn, ein blonder Fünfjähriger. Das lange Haar trägt er am Hinterkopf zusammengeknotet, wie David Garrett. Die Jeans hat er in kleine Stiefel mit offenem Schaft gesteckt, wie David Garrett.

Mitte Oktober erschien Garretts Album Music, sofort erreichte es Platz vier der deutschen Charts. Drei Wochen und ein paar Fernsehauftritte später liegt Music auf Platz zwei und hat sich mehr als 100.000-mal verkauft: Goldstatus. Nur Robbie Williams läuft besser.

Man könnte also erwarten, dass Garrett sich aufmerksamkeitssatt und zufrieden gibt, als er in einem Salon des Berliner Westin Grand Hotels im Viertelstundentakt die Journalisten zum Gespräch empfängt. Die Füße in den offenen Stiefeln hat er auf ein Tischchen gelegt. Die Sonne malt goldene Muster auf die Zimmerwand.