Noch heute erinnert sie sich daran, was sie damals, vor 20 Jahren, so beeindruckt hat. "Er war sehr talentiert und sehr charmant", sagt sie. "Er konnte fast alles spielen."

So wurde der kleine David in den Augen der Erwachsenen zum Wunderkind. Es war das erste Mal, dass der Name Garrett zur Marke wurde.

In der Welt der Klassik tauchen solche Wunderkinder immer wieder auf. Die Mechanismen sind stets dieselben: Man braucht ein Kind mit Ausnahmebegabung und einen Alten, der es "Wunderkind" nennt. Für die Kinder selbst ist das Leben als Wunder vor allem anstrengend. Manche wachsen aus ihm heraus, manche brechen aus. Andere zerbrechen daran.

David Garrett litt unter dem Wunderkind-Status. "Ich habe acht Stunden am Tag geübt", sagt er im Bordrestaurant, die Kellnerin stellt die Klöpse vor ihm ab. "Das ist kein Wunder. Das ist harte Arbeit."

Der Anfang vom Ende der Lebensphase als Wunderkind waren die Capricen des Geigers und Komponisten Niccolò Paganini aus dem 19. Jahrhundert. Garrett war jetzt 16 Jahre alt, er hatte zwei der schmerzhaft virtuosen Stücke im Repertoire. Das Plattenlabel aber wollte gleich alle 24 aufnehmen.

Garrett hatte keinen Lehrer außer seinem Vater und nur zwei Monate Zeit. Der Arm schmerzte, der Nacken, der Rücken, die Bandscheiben. Die Mutter, die einst Ballerina am Stadttheater in Aachen war, sagte, sie habe auch mit Schmerzen getanzt. Die CD wurde 1997 veröffentlicht, David Garrett war 17.

Er lebte ein Leben im Korsett. Üben, Konzert, Applaus, üben, Konzert, Applaus. Er hatte keine Freunde, er kannte nicht einmal andere Kinder. Einmal lief er von zu Hause weg, doch er wusste nicht, wohin. Er lief in die Kirche. "Ich bin nicht religiös oder so", sagt er. "Aber die Tür zur Kirche war eben die einzige Tür, die immer offen stand."

Garrett greift zu seinem iPhone, legt es weg, nimmt es wieder, schaut auf den kleinen Bildschirm. Er kneift die Augen zusammen. Die Fingerknöchel treten weiß hervor.

"Können wir mal ’ne Pause machen?"

Bei seinen Konzerten erzählt Garrett oft Anekdoten aus seinem Alltag, kleine Episoden, die nichts über ihn verraten. Geschichten wie die vom Supergeiger, der auf dem Schwarzmarkt in Bangkok Fälschungen seiner DVDs entdeckt und sich geschmeichelt fühlt: "If you can make it there, you can make it anywhere." Was er rauslässt, passt zur Story.

Die Erzählungen aus seiner Jugend aber scheinen mehr zu sein als belanglose Episoden. Echte Verletzungen. Das Verhältnis zu seinem Vater sei immer noch sehr angespannt, sagt einer, der David Garrett gut kennt.

Mit 18 hielt es Garrett nicht mehr aus in seinem Korsett. Als er sich bei der Juilliard School bewarb, der berühmten Musikhochschule in New York, wollte er nicht bloß seiner Karriere nachträglich ein Fundament geben – er, der immer nur Privatunterricht gehabt hatte. Vor allem war New York weit weg, und die Eltern hatten Flugangst.

Für David Garrett war New York der bestmögliche Ort. Die Eltern begriffen, dass ihr Sohn ihnen entglitt, und verweigerten ihm die Unterstützung. Für das Schulgeld von 36.000 Dollar im Jahr musste er hart arbeiten, als Putzmann, Barmann, Fotomodel.

Nach dem Studium testete er seinen neuen Marktwert. Er sprach die richtigen Leute an, wie er es gelernt hatte. Ein Freund stellte ihm seine Wohnung für Hauskonzerte zur Verfügung, Garrett lud Vertreter von Plattenfirmen und Konzertveranstalter ein, spielte ihnen vor: Bach, Mozart, Beethoven, Bruch. Die Kenner nickten, und es passierte – nichts.

Nach fünf, sechs Jahren der Abwesenheit vom Klassikmarkt war sein Name kein Begriff mehr. Garrett war über 1,90 Meter groß, mit langen Beinen und einem erwachsenen Gesicht. Der Zauber des Wunderkindes war weg. Er war jetzt ein Geiger wie viele: talentiert, aber unbekannt. Die Marke war verblasst. Er brauchte eine neue.

Garrett begann mit Cross-over-Stücken zu experimentieren. In New York trat er mit Musicaldarstellern und Schauspielern auf und spielte dazu Gassenhauer auf der Geige. Damit ließ sich ganz gut Geld verdienen. Er nahm eine Violinenversion der Metallica-Ballade Nothing Else Matters auf und kombinierte sie mit Habanera, der bekanntesten Arie aus der Oper Carmen. Er spielte eine mit E-Gitarren unterlegte Toccata von Bach, gefolgt vom Hummelflug von Rimski-Korsakow.

Später spielte Garrett den Hummelflug in 65,26 Sekunden und ließ das Ergebnis ins Guinness Buch der Rekorde eintragen. Es machte ihn eine Zeit lang zum schnellsten Geiger der Welt. Sein altes, seriöses Label, die Deutsche Grammophon, aber glaubte nicht mehr an ihn.