Hier hätte die Karriere des ehemaligen Wunderkinds enden können. Ohne Plattenvertrag, ohne Manager hätte er sich nicht lange gehalten. Inzwischen schon Mitte zwanzig, hätte er sich einen anderen Beruf suchen müssen, vielleicht wäre er irgendwie in der Musikbranche untergekommen. Reich wäre er nicht geworden.

Dass es anders kam, lag an einem Mann, der die Idee hatte, eine neue Geschichte für David Garrett zu basteln. Eine neue Marke.

Peter Schwenkow sitzt über den Dächern von Berlin in seinem Büro. Auf der einen Seite das Dach der Philharmonie, auf der anderen das Sony Center und der Potsdamer Platz. Er trägt einen feinen grauen Anzug, eine edle Uhr, eine randlose Brille. An der Wand hängt ein Gemälde, das ihn selbst zeigt.

Schwenkow verdient Geld mit Musik, Spezialgebiet: Klassik für die Masse.

Er hatte die Idee, die Berliner Philharmoniker in der Berliner Waldbühne auftreten zu lassen, das betont er gern. Er veranstaltet Konzerte für die Sopranistin Anna Netrebko und ihren Lebensgefährten Erwin Schrott, für die Tenöre Jonas Kaufmann und Rolando Villazón, für den Pianisten Lang Lang. Namen, die inzwischen auch Menschen kennen, die noch nie eine Oper oder ein Klavierkonzert gehört haben.

Peter Schwenkow ist Chef der DEAG, der Deutschen Entertainment AG, des größten Klassikkonzertveranstalters Europas. "Früher haben wir 35.000 Euro Umsatz mit klassischen Konzerten gemacht", sagt Schwenkow. "Heute sind es 35 Millionen."

Zwar könne er das handwerkliche Vermögen der Musiker nicht beurteilen, aber wenn der Künstler bereit sei, sich einzubringen, könne er ihn weit nach vorn bringen.

Schwenkow war einer der Ersten, die begriffen haben, dass klassische Musik ein kulturelles Wunderwerk sein mag, aber eben auch ein Produkt ist, wie Schokoriegel oder Waschmittel, und ein gutes Produkt braucht heute eine gute Verpackung. Früher wollten die Leute die Sinfonien, Arien und Ouvertüren nur hören. Heute wollen sie sie anschauen können. Sie sollen gut aussehen. "Vor der Vermarktung kommt die Vermarktungsfähigkeit", sagt Schwenkow, "und das Einverständnis, sich vermarkten zu lassen."

Manche klassische Musiker verweigern sich diesem Prinzip, sie wollen keine Schokoriegel sein, sie wären nichts für Schwenkow. Zum Beispiel die Geigerin Julia Fischer. Sie hält sich mit Interviews und Fotostrecken zurück. "Kunst und Entertainment sind nicht dasselbe", sagte sie einmal, sie wolle sich nicht selbst verkaufen. Oder der junge polnische Pianist Rafał Blechacz, der 2005 einen der wichtigsten Klavierwettbewerbe gewann, den Chopin-Wettbewerb in Warschau. Er entzieht sich allein dadurch, dass er lieber Philosophie studiert, als das Kinn in die Pianistenhände zu stützen und in eine Kamera zu lächeln. Oder der Geiger Frank Peter Zimmermann, der sich mit seiner Plattenfirma EMI überwarf, weil er keine schicken Fotos von sich machen lassen wollte. Er wollte einfach nur aussehen, wie er aussieht, und gut Violine spielen.

Schwenkow dagegen will nicht weniger als alles von einem Musiker: "Wir haben den 360-Grad-Ansatz, um einen Künstler kontrolliert aufzubauen. Reisen, singen, Promotion machen."

Wann er David Garrett zum ersten Mal getroffen hat, kann Schwenkow nicht mehr genau sagen. Es muss Anfang 2007 gewesen sein. Jedenfalls erinnert er sich an einen jungen Mann, der den Erfolg mehr wollte als alles andere. "Der brannte für seine Sache", sagt Schwenkow. "Der wollte es seinem Vater zeigen." Über das Einverständnis, sich vermarkten zu lassen, mussten sie nicht lange reden.

Schwenkow interessierte der "neue Sound", den Garrett mitbrachte. Vor allem aber gefiel ihm die Geschichte, die er aus David Garretts Wunderkind-Vergangenheit herauslas: die von einem Musiker mit der Mission, die Welt, aus der er kommt, zu revolutionieren, mit seinem Cross-over. "Klassikstars brauchen Personality", sagt Schwenkow.

Aus der alten Marke "Wunderkind" wurde die neue Marke "Geigenrebell".

Die Vermarkter von Schokoriegeln und Waschmitteln nennen so etwas einen Relaunch. David Garretts Relaunch war erfolgreich, auch, weil er die alte Geschichte nutzen konnte, um die neue zu erzählen. Die strengen Eltern, das ewige Üben, die Jugend ohne Freunde. Da kann man schon rebellisch werden.

Bis heute kündigen ihn die Moderatoren in den Fernsehshows mit der Geschichte seiner Kindheit an. Die Vergangenheit macht ihn interessant. Aber sie bleibt auch eine Bürde. Immer noch wird hochgerechnet, was für ein wundervoller klassischer Violinenvirtuose aus ihm hätte werden können. Noch immer wird er an seiner Vergangenheit gemessen.

Kurz nach ihrem ersten Kontakt, damals 2007, buchte Schwenkow für David Garrett einen Flug von New York nach Berlin und hörte sich sein Repertoire genauer an. Vor allem aber sah er ihn sich genauer an: die halb geschlossenen Lider, die geschwungenen Lippen, die ebenmäßigen Züge. Schwenkow war begeistert. Er beschloss, seine Entdeckung bei einem Brunch Bekannten und Journalisten vorzuführen.

An dieser Stelle seiner Erzählung bittet Schwenkow darum, das Aufnahmegerät auszuschalten, als würde er nun ein Geheimnis verraten – wie jemand, der flüstert, um sicherzugehen, gehört zu werden.