Als es endlich so weit ist, sitzt Edward Heath im Flugzeug. Der britische Premier hat in Kanada an einer Beerdigung teilgenommen und kehrt erst am frühen Morgen des 1. Januar 1973 nach London zurück. Überhaupt geht es ruhig zu in dieser Silvesternacht, in der das Vereinigte Königreich Mitglied der Europäischen Gemeinschaft (EG) wird. Kein Jubel-Feuerwerk, keine Proteste.

Drei Tage später ist es mit der Ruhe vorbei.

Am 3. Januar soll in der Königlichen Oper in Covent Garden nachgefeiert werden. Unter dem Titel »Fanfare für Europa« hat Heath seinen Landsleuten einen zwölftägigen Festreigen verordnet, mit Oldtimer-Rallye, Fußballspiel und Festkonzert. Zur kontinentalen Prominenz, die anreist, zählen Franz Beckenbauer und Herbert von Karajan. Für die Auftaktveranstaltung in der Königlichen Oper hat der Komponist Edward Gregson eigens eine Melodie erdacht, eine kurze orgel- und trompetenschwere Fanfare. Doch als die Queen und ihr Gemahl, Prinz Philip, vorfahren, schallt ihnen wütender Protest entgegen.

Gegner des EG-Beitritts recken Transparente in die Höhe. »Heath raus, Enoch rein« steht auf einem von ihnen. Der konservative Unterhausabgeordnete Enoch Powell gehört zu den schärfsten Kritikern seines eigenen Premiers. Dann fliegt eine Stinkbombe in Richtung Queen. Der Werfer wird schnell gefasst; zehn Pfund Strafe kostet ihn sein Protest, nach heutigem Kurs etwa 40 Euro. »Meine Alte kommt mir jeden Tag wegen der Lebensmittelpreise«, rechtfertigt der Mann sein Attentat. Und tatsächlich ist dies eine der größten Sorgen: dass der EG-Beitritt auf der Insel die Preise für Nahrungsmittel, die in den Monaten zuvor spürbar angezogen haben, weiter steigen lässt.

Die Queen verzieht kurz, aber heftig das Gesicht. Das Konzert findet statt, die »Fanfare für Europa« erklingt. Doch der Streit bleibt. 38 Prozent der Briten sind für den Beitritt, 39 Prozent dagegen, so hat es eine BBC-Umfrage am Silvestertag ergeben. England segele dieser Tage aufs Festland zu wie die Besatzung der Mayflower vor 352 Jahren in Richtung Amerika, schreibt Karl-Heinz Wocker in der ZEIT: »Da gibt es die Hoffenden und die Zagenden, den quicken Glücksjäger und den vorsichtigen Kalkulator. Der Riß geht quer durch Familien, Betriebe, Parteien und Organisationen.«

Der Labour-Vorsitzende Harold Wilson ist gar nicht erst in der Oper erschienen. Er sehe sich außerstande, erklärt er, »ein Ereignis zu feiern, das ohne die Unterstützung der britischen Bevölkerung zustande gekommen ist«. Und während Heath sich und sein Land endlich am Ziel wähnt, macht Wilson eine folgenreiche Ankündigung: Falls seine Partei die nächste Wahl gewinne, werde er in Brüssel neu über die Bedingungen des britischen Beitritts verhandeln. Anschließend gebe es ein Referendum.

Doch sollen die Mühen vieler Jahre auf diese Weise verloren sein? 1957 unterzeichneten Frankreich, Deutschland, Italien und die Benelux-Staaten die Römischen Verträge; es war die Gründung der EWG, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Großbritannien hielt zunächst Abstand. Noch waren die Aussichten der neuen Gemeinschaft unklar. Zudem hatte die britische Regierung aus der Sueskrise im Jahr zuvor die Schlussfolgerung gezogen, vorerst nichts mehr zu unternehmen, was das enge Bündnis mit den USA infrage stellen könnte. Doch es dauerte nicht lange, bis die britische Regierung die wirtschaftlichen Vorteile der neuen Gemeinschaft erkannte. 1960 gründete Großbritannien zusammen mit sechs anderen europäischen Ländern die Europäische Freihandelsassoziation (Efta). Aber der Versuch, eine Konkurrenz zur EWG zu etablieren, erwies sich schnell als Sackgasse. Im Sommer 1961, nur vier Jahre nach dem Tag von Rom, reichten Großbritannien, Irland und Dänemark in Brüssel offiziell einen Antrag auf Mitgliedschaft ein; kurz darauf folgte Norwegen.

Anderthalb Jahre lang wurde über die Bedingungen für den Beitritt verhandelt – dann zog der französische Präsident den Stecker. Am 15. Dezember 1962 empfing Charles de Gaulle den britischen Premierminister Harold Macmillan auf Schloss Rambouillet. Bevor die beiden Männer über Politik sprachen, lud de Gaulle seinen Gast zur Jagd ein. 385 tote Fasane zählte das Protokoll, 77 von ihnen wurden großzügig Macmillan zugeschrieben. Der General griff selbst nicht zum Gewehr. Umso mehr erschreckte er den Briten bei den anschließenden Gesprächen.