De Gaulle war enttäuscht. Der Franzose wollte, dass die EWG-Staaten eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik entwickeln. Doch seine Initiative war gescheitert. Die sechs waren noch nicht so weit, wie es de Gaulle gern gehabt hätte. Keine gute Voraussetzung, fand er nun, für die Aufnahme weiterer Mitglieder. Außerdem, erklärte er Macmillan, würde ein Beitritt Großbritanniens das Gleichgewicht innerhalb der Gemeinschaft verändern und das Gewicht Frankreichs schmälern. Recht offene Worte. Der britische Diplomat Stephen Wall, selbst ein erfahrener EU-Verhandler in den neunziger Jahren, hat das Treffen im jüngst erschienenen zweiten Teil der Official History of Britain and the European Community nachgezeichnet. Als Macmillan und seine Begleiter abreisten, waren sie sich dennoch nicht im Klaren: Lehnt de Gaulle einen Beitritt Großbritanniens grundsätzlich ab? Oder lehnt er ihn nur jetzt ab und spielt auf Zeit? Eine Antwort auf diese Frage bekamen die Briten vier Wochen später.

Am 14. Januar 1963 gab de Gaulle im Élysée-Palast eine Pressekonferenz. »Der Vertrag von Rom ist zwischen sechs kontinentalen Staaten geschlossen worden, die, wirtschaftlich gesehen, von gleicher Art sind«, begann er. »Es gibt zwischen [diesen sechs] keine Streitigkeiten, keine Grenzprobleme, überhaupt keine Rivalität in Fragen von Macht oder Dominanz.« Außerdem sei keines der sechs Länder »durch einen politischen oder militärischen Vertrag außerhalb der gemeinsamen Verpflichtungen gebunden«.

Tory-Premier Edward Heath ist seit Jugendtagen ein begeisterter Europäer

England hingegen, fuhr de Gaulle fort, sei »insular, maritim, durch seinen Handel und seine Märkte den verschiedenartigsten und häufig weit auseinanderliegenden Ländern verbunden«. Auch habe »das Land in all seinem Tun sehr eigenwillige Gewohnheiten und Traditionen«. Ein Beitritt der Briten und der anderen Kandidaten würde die Gemeinschaft daher unwiderruflich verändern. Es entstünde »eine riesige atlantische Gemeinschaft«, die von den USA abhängig wäre. Die USA aber würden die europäische Gemeinschaft »schnell aufsaugen«.

Kurz gesagt, ein Beitritt kam nicht infrage.

Obwohl er gewarnt war, schien Macmillan noch fünf Tage später fassungslos. »Dieser Mann ist verrückt, komplett verrückt«, schimpfte er im Telefongespräch mit US-Präsident John F. Kennedy. De Gaulle wolle lieber »der Hahn auf einem kleinen Misthaufen sein, statt zwei Hähne auf einem größeren zu akzeptieren«.

Mochten die anderen fünf Mitgliedsländer auch protestieren, de facto hatte de Gaulle die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft bis auf Weiteres zu einer geschlossenen Gesellschaft erklärt. Damit war die Tür für Großbritannien zu und der Weg für das große Fest der deutsch-französischen Freundschaft geebnet. Eine Woche nach seiner Pressekonferenz schloss de Gaulle, ebenfalls im Élysée, mit Konrad Adenauer den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag. Ein weiteres, inoffizielles Gründungsdokument, das die politische Statik der EU bis heute bestimmt. Ende Januar 1963 wurden die Beitrittsverhandlungen der EWG mit Großbritannien, Irland, Dänemark und Norwegen abgebrochen. Das Aus traf auch einen damals 47-jährigen, aufstrebenden Tory-Politiker: Edward Heath, der spätere Premierminister, hatte im Auftrag Macmillans in Brüssel verhandelt. Gleichsam zum Trost für de Gaulles Brüskierung wurde ihm noch im selben Jahr der Aachener Karlspreis zugesprochen.

Hier wir sechs und dort der Rest – dieser Bann de Gaulles hielt ein ganzes Jahrzehnt. Dennoch stellten die Briten 1967 erneut einen Antrag auf Mitgliedschaft. Die wirtschaftliche Situation des Königreichs hatte sich verschlechtert. Zudem fürchtete die britische Regierung – seit Oktober 1964 amtierten Harold Wilson und Labour in Downing Street 10 – einen weiteren Macht- und Einflussverlust des Landes. Das Empire war zerfallen und die Partnerschaft mit den USA schon einmal enger gewesen. Doch das Nein des Generals blieb unverrückbar.

Erst 1969 nahm die Geschichte eine Wendung. Am 28. April trat de Gaulle zurück. Sein Nachfolger Georges Pompidou sah manches anders. Zudem wurde im Oktober in Bonn Willy Brandt zum Bundeskanzler gewählt. Im Dezember schließlich brachen die sechs EG-Staaten auf einer Gipfelkonferenz in Den Haag den Bann und beschlossen, möglichst rasch mit allen beitrittswilligen Ländern zu verhandeln. Im Gegenzug für sein Einlenken erhielt Pompidou weitreichende Zugeständnisse in der Agrarpolitik. Außerdem verständigten sich die Regierungschefs darauf, eine Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) zu etablieren.

Zum ersten Mal wurden damit zwei widerstreitende Motive sichtbar, welche die Gemeinschaft fortan unter Spannung hielten: der Wunsch nach Erweiterung und der Wunsch nach Vertiefung. Im selben Moment, in dem die sechs Gründungsmitglieder ihren Club für neue Mitglieder öffneten, beschlossen sie eine viel weitreichendere Integration. Zwei Jahre später bekräftigten sie diesen Entschluss: Bis 1980 sollte die EG zur Europäischen Union ausgebaut werden, mit umfangreichen Kompetenzen in der Regional-, Umwelt-, Sozial- und Energiepolitik.

Im Juni 1970 wurde in Großbritannien gewählt, und zur allgemeinen Überraschung hieß der Sieger nicht Wilson, sondern Edward Heath. Ein historischer Glücksfall – jedenfalls für die, die einen Beitritt Großbritanniens grundsätzlich für eine gute Idee hielten. Der richtige Mann rückte zur richtigen Zeit an die richtige Stelle.

Heath war in mancher Hinsicht der unwahrscheinlichste britische Premier, den man sich heute vorstellen kann. Schon mit 14 Jahren, noch als Schüler, reiste der Sohn eines Dienstmädchens und eines Zimmermanns zum ersten Mal nach Paris. Fortan bewunderte er die französische Literatur und die Sprache, obwohl er sie nie besonders gut beherrschen sollte. Als Student und talentierter Musiker verbrachte er seine Sommerferien häufig in Deutschland; 1937 verfolgte er in Nürnberg entsetzt Hitlers Reichsparteitag. Nach dem Krieg kehrte er zurück, als Beobachter der Nürnberger Prozesse. Auch das Spanien Francos bereiste Heath noch vor dem Krieg. »Seine europäischen Erfahrungen aus erster Hand waren so groß und bemerkenswert wie die keines anderen jungen Engländers«, schreibt der britische Journalist Hugo Young 1998 in seinem Buch This Blessed Plot. Britain and Europe from Churchill to Blair. Margaret Thatcher, die Heath erst im Parteivorsitz und später als Regierungschefin nachfolgen sollte, notiert in ihrer Autobiografie hingegen kühl: Heaths »Begeisterung für Europa« sei ihm mit der Zeit zur »Obsession« geworden.