Die Ballade Nr. 1 in g-Moll von Frédéric Chopin ist ein verteufelt schwieriges Klavierstück. Der Amateurpianist Alan Rusbridger hat achtzehn Monate gebraucht, um es bis zur Konzertreife zu üben. »Es sind zehn Minuten vollkommener Liebesmusik. Voller Gegensätze«, sagt Rusbridger, »zunächst betörend und sanft, dann mit diabolischer Leidenschaft.« Aber Rusbridger, Chefredakteur des britischen Guardian und damit Herr über eines der größten digitalen Experimente der Medienbranche, hat sich nicht nur die Zeit genommen, um Chopin zu meistern. Er hat auch noch ein Buch über diese Erfahrung verfasst, als Bestätigung des »eigenen Wahnsinns«, wie er schreibt. Die größten Pianisten der Welt, etwa Alfred Brendel und Murray Perahia, versicherten ihm in den Interviews, die er für sein Buch mit ihnen führte, dass es tatsächlich sehr schwierig sei, die 264 Takte der Romantik zu beherrschen.

Alan Rusbridger hat als Chefredakteur einen Job, der ihn täglich 16 Stunden lang einnimmt, und so musste er jeden Morgen um fünf Uhr aufstehen, um die Zeit zu finden, seinen Chopin zu üben. Rusbridger ist ein Besessener, in allem, was er tut. Dadurch wurde er zu einer der bedeutendsten Figuren in der bunten britischen Medienlandschaft der vergangenen zwanzig Jahre. Unter seiner Führung wurde aus einer einigermaßen braven, linksliberalen Tageszeitung ein bedeutendes Meinungsorgan und eine globale Medienmarke. Nach der New York Times und der Londoner Daily Mail steht der Guardian an dritter Stelle auf der weltweiten Rangliste der englischsprachigen Nachrichtenseiten im Internet. Mehr noch: Gemeinsam mit der BBC repräsentiert er den britischen Qualitätsjournalismus.

Trotzdem droht der Bankrott. »Der Guardian, da gibt es gar keine Frage, ist die innovativste digitale Zeitung, die es gibt«, sagt David Levy vom Oxforder Reuters Institute of Journalism. »Aber die gedruckte Auflage und die Einnahmen aus dem Anzeigengeschäft sind in den vergangenen Jahren derart dramatisch gesunken, dass die gedruckte Tageszeitung längst zu einem Luxusobjekt geworden ist, das der Verlag sich nicht mehr lange wird leisten können.«

Im vergangenen Geschäftsjahr machte die Guardian Media Group (GMG) mit dem sechsmal wöchentlich erscheinenden Guardian, der sonntäglichen Schwesterzeitung Observer und dem gemeinsamen Onlineauftritt der Blätter einen Verlust von 75,6 Millionen Pfund. Das Medienhaus verliert jede Woche über eine Million Pfund. Geschäftsführer Andrew Miller warnte vor knapp einem Jahr, dass er nur noch rund 200 Millionen Pfund an Reserven hätte. Seither ist die Auflage erneut um rund 13 Prozent auf 202.000 Exemplare gefallen. Lohnkosten für 600 Journalisten, die in der integrierten Print- und Onlineredaktion arbeiten, müssen weiter bezahlt werden. Das Jahresgehalt des Chefredakteurs von 600.000 Pfund erscheint da immer extravaganter. »In drei bis fünf Jahren wird uns das Geld ausgehen«, rechnet Geschäftsführer Miller vor. Es drohen Entlassungen. In der Redaktion bereiten sich die Mitglieder der Journalistengewerkschaft NUJ auf einen harten Kampf mit der Geschäftsführung vor.

Es drohen Entlassungen

Die Geschichte des Guardian reicht zurück in die Zeit von Englands imperialer Großartigkeit, ähnlich wie die anderer großer britischer Tageszeitungen. Dass aber ausgerechnet dem Medium, das sich dem Digitalen so viel radikaler zugewandt hat, das Ende drohen könnte, macht den Guardian zum Paradebeispiel für die Herausforderungen, die sich aus dem Internet für das traditionelle Geschäftsmodell der gedruckten Zeitung und für die Zukunft des Journalismus ergeben.

Seit seiner Gründung in Manchester 1821 steht der Guardian für liberale Grundwerte. In den frühen Neunzigern, als Tony Blair mit New Labour eine neue Form der Sozialdemokratie entwarf, stellte sich der Guardian enthusiastisch hinter ihn. In dem neuen politischen Klima, das die alten Schranken zwischen links und rechts aufweichte, entstand eine kleine Leserschaft, die heute eine Gesellschaftsschicht für sich ist. Rusbridger ist der Häuptling der »Guardianistas«. Das sind die linksliberalen, progressiven, intellektuellen Großstädter. Es sind die Akademiker, Kulturschaffenden und Studenten, die über Rock oder Rachmaninov genauso leidenschaftlich und sachkundig diskutieren können wie über Rentenreformen oder das Weltgeschehen. In den Wohnzimmern und Studentenbuden, wo Männer oft Feministen sind und Abendessen von politischen Diskussionen und philosophischen Diskursen bestimmt werden, galt auch die neue Finanzstruktur des Verlages als »cool«.

1936 überführte der damalige Eigentümer des Guardian, John Scott, die Zeitung und sein Vermögen in eine Stiftung, um Erbschaftssteuern zu umgehen und um das Blatt »bis in alle Ewigkeit« abzusichern. Von da an war es der Vorstand des Scott Trust, der den Chefredakteur berief und ihm auch einen Platz im Gremium gewährte. »Dort stand die Qualität des Journalismus über allem«, sagt der Publizist und langjährige leitende Redakteur der Financial Times John Lloyd. »Geld zu verdienen war beinahe zweitrangig, denn die Stiftung hatte genug.«

Als eine der ersten Zeitungen weltweit investierte der "Guardian" in eine digitale Plattform

Als Chefredakteur nutzte Alan Rusbridger diese in den britischen Medien einmalige Situation, um aus dem Blatt zunächst eine erstklassige Tageszeitung zu machen. In den vergangenen zwanzig Jahren haben die Investigativjournalisten des Guardian immer wieder für Furore gesorgt: Sieben Jahre lang untersuchten sie die Spur von Bestechungsgeldern, die aus dem britischen Rüstungskonzern BAE Systems an potenzielle Kunden flossen – bis der Fall schließlich vor Gericht landete. Der WikiLeaks-Gründer Julian Assange wandte sich an den Guardian, um geheime Akten der amerikanischen Behörden zu veröffentlichen. 2010 machte das Blatt weltweit Schlagzeilen, weil es den Abhörskandal bei den britischen Titeln des allmächtigen Rupert Murdoch aufdeckte. Für all diese Coups war letztlich Alan Rusbridger verantwortlich. »Er ist einfach ein verdammt guter Chefredakteur«, urteilt Medien-Professor David Levy.

Seine Kollegen bezeichnen ihn als »stillen Herrscher«, unaufdringlich, oft wortkarg. Aber mit derselben Versessenheit, mit der er sich auf Chopin einließ, tritt Rusbridger dafür ein, dass der Journalismus einen öffentlichen Auftrag habe. »Aufgabe des Guardian ist es«, so Rusbridger, »den Leser mit noch mehr Fakten auszustatten, als es andere Zeitungen tun, ihn noch besser aufzuklären und ihm dadurch zu helfen, sich selbst ein ausgewogenes Bild von der Welt zu machen.« Ausgerechnet darin sehen Kritiker auch ein Problem. »Der Guardian hat sich immer mehr die Aufgaben der großen öffentlich-rechtlichen BBC zu eigen gemacht, ohne einen Penny Gebühren zu bekommen«, sagt Peter Littger, Medienberater bei Innovation Media Consulting. »Es ist ein Auftrag ohne Auftrag. Darunter leiden viele berühmte Zeitungen – und der Guardian steht für dieses Dilemma Pate.«

Als sich das Internet Mitte der neunziger Jahre zu einem parallelen Universum entwickelte, sah Rusbridger darin die Chance, seine journalistischen Prinzipien nun noch konsequenter umzusetzen. Als erste britische Zeitung und als eine der ersten weltweit investierte der Guardian in eine digitale Plattform, die mehr war als eine Nachrichtenseite. Mit Hintergrundinformationen, Analysen, Kommentaren und Statistiken klärte sie den Leser gründlicher auf als in der Druckausgabe. Das Nachrichtenarchiv, das hier entstand, wurde schnell eine der zuverlässigsten Informationsquellen in der britischen Öffentlichkeit. Videos und Blogs folgten. Heute wird die Guardian-Seite jeden Tag um 400 Beiträge erweitert.

Das Netz als Plattform für besseren Journalismus

Rusbridger sah das Internet als ideale Plattform für einen neuen, besseren Journalismus, bei dem der Leser Nachrichten nicht nur konsumiert, sondern mitgestaltet. Er wurde zum Vorreiter des »offenen Journalismus«, der, so Rusbridger, »komplett verwoben ist mit dem Informationsnetz. Es durchsucht und filtert und verlässt sich darauf, dass jeder Material frei veröffentlichen kann, um die Welt, wie sie ist, besser darzustellen.« Durch technische Innovation und freien Zugang zu einer Nachrichtenseite wird der Leser selbst zum Journalisten.

Wie das funktionieren kann, wurde offenbar, als 2009 ein Londoner Zeitungsverkäufer zwischen die Fronten von Globalisierungsgegnern und Polizei geriet und starb. Der Polizeibericht sprach die Beamten zunächst frei. Ian Tomlinson sei einem Herzinfarkt erlegen. In Blogs und Kommentaren auf der Internetseite des Guardian wurde jedoch eine ganz andere Version der Ereignisse berichtet. Polizisten hätten den Mann niedergeknüppelt und zu spät ärztliche Hilfe geleistet. Leser stellten Videoaufnahmen von ihren Handys als Beweis ins Netz. Der Fall wurde neu aufgerollt, und die schuldigen Polizisten wurden angeklagt.

Während andere Zeitungen inzwischen damit experimentierten, die Onlineleser für einen Teil des Angebots bezahlen zu lassen, hält der Guardian weiterhin an einem freien Zugang zu allen Nachrichten fest. »Die digitale Revolution ist nicht so sehr ein technologischer Trend. Sie ist eine neue Form für Gesellschaften, ihren Willen auszudrücken und sich zu organisieren. Als Zeitungsmacher können wir jetzt besser mit unseren Lesern kommunizieren als je zuvor«, sagt Rusbridger. »Mit einer Paywall nehmen wir uns den Zugang zum Leser und dem Rest der Welt.« Das ist, wenn man so will, das Rusbridgersche Dogma, und ihm hat er auch das Geschäftsmodell des Guardian untergeordnet. »Alan ist davon überzeugt, dass die Online-Werbeeinnahmen innerhalb weniger Jahre so zunehmen werden, dass der Verlag damit nicht nur eines Tages wieder Geld verdienen kann, sondern die gedruckte Zeitung ganz ablösen wird«, sagt Publizist Lloyd. »Das Geschäftsmodell baut einzig auf das Prinzip Hoffnung, dass es irgendwann gelingt zu gewinnen«, urteilt Medienberater Peter Littger.

"Alle wissen, dass die Zeichen auf Sturm stehen"

Um den Übergang zu finanzieren, brach die Geschäftsführung des Verlages im Auftrag der Stiftungskuratoren schließlich die Kriegskasse auf. 2008, kurz vor der Finanzkrise, wurde der Scott Trust in eine Kapitalgesellschaft gleichen Namens umgewandelt; der Vorstand setzt sich aus seinen Teilhabern zusammen. Unternehmensziel blieb es, den Guardian durch Geldgeschäfte mit Cash zu versorgen.

Die neue Kapitalgesellschaft war mit rund einer Milliarde Pfund ausgestattet – blieb es aber nicht lange. Es folgte eine Reihe finanzieller Fehlentscheidungen: Den wertvollsten Unternehmensteil, das Kleinanzeigenheft für Gebrauchtwagen namens Auto Trader, verkaufte der Verlag zur Hälfte an den Finanzinvestor Apax und kaufte die Hälfte am Zeitschriftenfachverlag Top Right Group, der seither heftige Verluste schrieb. Zuletzt konnte das Unternehmen immerhin seine Schulden von 513 Millionen auf 352 Millionen Pfund verringern. Den Auto Trader, einst zuverlässige cash cow des Guardian, zur Hälfte zu verkaufen und sich dafür an einem Verlustgeschäft zu beteiligen, war vielleicht der folgenschwerste Zug.

Aber zugleich zog die Redaktion auch noch in ein schickes gläsernes Bürogebäude in der Nähe des Londoner Bahnhofs King’s Cross. Es kostet zwölf Millionen Pfund Miete im Jahr. Als hohe Belastung für die Bilanz erwies sich letztlich auch die Entscheidung der Redaktionsspitze aus dem Jahr 2005, das Format der Zeitung zu verkleinern. Denn um das sogenannte Berliner Format drucken zu können, wurden zwei Druckstraßen bei MAN Roland in Augsburg bestellt – für 80 Millionen Pfund. Eine davon wurde aber nie ausgepackt, die andere läuft weit unter Kapazität. Schon damals war Rusbridger sich ziemlich sicher, »dass dies wohl die letzten Maschinen sein werden, auf denen je ein Guardian gedruckt wird«. Diese Vermutung könnte schon viel früher wahr werden als angenommen: Die Finanzlage ist dramatisch.

Die Finanzlage ist dramatisch

Die Einnahmen durch Job- und Kleinanzeigen brachen binnen drei Jahren um 40 Millionen Pfund ein. »Trotzdem sind die Werbeumsätze bei den Printprodukten nach wie vor wesentlich höher als auf den digitalen Plattformen«, erklärt David Levy. Im bislang letzten Geschäftsbericht von August 2012 wies der Guardian 46 Millionen Pfund digitale Erlöse aus, ein Viertel der Gesamtumsätze.

Unverdrossen verfolgt Rusbridger seit 2011 seine digital first-Strategie. Der Guardian konzentriere sich auf eine digitale Zukunft. »Dort werden wir unsere Investitionen bündeln.« Ob es noch seine eigene Zukunft ist? Nachdem er sich so lange mit Chopin befasst hat, reißen die Gerüchte nicht ab, er werde den Chefsessel schon bald räumen und Geschäftsführer des Londoner Opernhauses werden.

Die Zukunft der Guardian-Mitarbeiter ist weniger illuster. Es wird radikal gespart. Seit 2009 haben 250 Mitarbeiter eine großzügige Frühruhestandsregelung des Verlages angenommen. Der Stellenabbau reichte nicht. Im November verbesserte die Geschäftsführung das Angebot erneut – und als sich auch daraufhin nicht genügend Freiwillige meldeten, kündigte sie an, das Programm Ende Januar auslaufen zu lassen. »Die Daumenschrauben werden angezogen«, sagt ein Redakteur. »Ab Februar müssen wir mit betriebsbedingten Kündigungen rechnen.« Wenn es so weit kommt, würden die Mitarbeiter wohl streiken. »Es geht immer noch alles furchtbar höflich zu«, erklärt der Redakteur, »aber die Stimmung ist unruhig. Alle wissen, dass die Zeichen auf Sturm stehen.«