Das Öl geht zur Neige, und die Erde erwärmt sich, jeder weiß es, aber wen macht es nervös, dass bisher für die Produktion fast aller Güter und Lebensmittel Erdöl gebraucht wird? Wer kümmert sich politisch darum, dass neue Stoffkreisläufe entstehen? Eine Chemiewende ist heute ebenso notwendig wie die Energie- und die Agrarwende. Doch während über erneuerbare Energien und ökologische Landwirtschaft seit Jahren heftig diskutiert wird, ist die Neuausrichtung der Chemieindustrie seltsamerweise kein großes Thema.

Um das zu ändern, hat der Chemiker und Chemie-Kritiker Hermann Fischer, ein Pionier der Naturfarbenbranche, ein mitreißendes Plädoyer für einen »Stoff-Wechsel« geschrieben: ein Buch über den Stoffkosmos der Chemie, das die Chemie in die politische Wahrnehmung treten lässt. Fischer sensibilisiert den Leser für die Schönheit und Allgegenwart chemischer Prozesse und entwirft die Umrisse einer »solaren Chemie für das 21. Jahrhundert«, die ohne petrochemische Grundstoffe auskommt, also ohne fossiles Öl. Solare Chemie setzt stattdessen auf die Kraft der Sonne und die Vielfalt der natürlichen Rohstoffe. Statt Erdöl sollen in Zukunft Pflanzen die Grundstoffe für unsere Alltagsprodukte liefern: Fasern, Öle und Harze. Das könnte – nach dem Vorbild der natürlichen Stoffkreisläufe – eine rückstandsfreie Chemie werden.

Die Konsumenten des Ölzeitalters haben sich daran gewöhnt, nahezu überall von problematischen Stoffen umgeben zu sein. Die meisten halten es für unabwendbar, dass man für Hightechmaterialien – ob Dämmstoffe, Reinigungsmittel, Kugelschreiber, Plastiktüten oder isolierende Fensterfugen – eine Schadstoffbelastung von Mensch und Umwelt eben in Kauf nehmen muss. Fischer verweist dagegen auf den unerschöpflichen Reichtum der Pflanzen, denen es gelingt, aus Licht, Luft und Wasser eine große Zahl von Stoffen mit den unterschiedlichsten Eigenschaften zu bilden, ganz nach ihrem Bedarf, und zwar ohne dabei schädliche und langlebige Gifte zu produzieren.

Anders die Chemieindustrie: Sie produziert unter großem Energieeinsatz viele Schadstoffe, die schwer oder gar nicht abbaubar sind und sich längst über die ganze Welt, in alle Stoffkreisläufe und Ökosysteme verteilt haben. Diese Rücksichtslosigkeit hält Fischer für eine späte Folge der Euphorie und des Machbarkeitswahns der industriellen Frühphase um 1850. Damals experimentierten Chemiker mit den Resten der Stahlproduktion und fanden heraus, dass man aus Steinkohlenteer Farben herstellen kann. Es gelang ihnen, diese Kunstfarben geschickt als Neuheit zu lancieren und zu vermarkten. Hermann Fischer erinnert das an das Rumpelstilzchen-Verfahren: »Es scheint, als ob alle Träume der Scharlatane unter den frühneuzeitlichen Alchemisten in Erfüllung gegangen wären: Buchstäblich aus Dreck (den stinkenden, lästigen Steinkohleteerhalden der Hochofenkoksherstellung) wurde Gold gemacht.«

Die Folgen waren Giftbrühen im Abwasser, krebskranke Fabrikarbeiter, der Bankrott der historischen Naturfarbenbranche und gleichzeitig: der unaufhaltsame Aufstieg der Großchemie zu einer der wichtigsten und politisch einflussreichsten Branchen. Chemiker entdeckten neue Synthesemethoden und eroberten sich einen Produktbereich nach dem anderen, Farben, Medikamente, Kunststoffe, Kleidung, Möbel, Spielzeug.

Fischer kritisiert, wie wenig Konsumenten über die Stoffe wissen, die sie umgeben: über ihren Ursprung, die Herstellung, über Gifte, die sie enthalten, die Schäden, die sie anrichten, und vor allem über die möglichen Alternativen. Fischer wirbt für ein neues Stoffbewusstsein, er will die uralte Magie der Stoffe neu beleben und erkennbar machen, wie etwa Harze den Baumstamm schützen und Fette das Samenkorn. Und er wirbt dafür, diese natürlichen Substanzen im Chemielabor so zu verändern, wie wir sie brauchen. Er spricht aus Erfahrung: Vor 30 Jahren hat er ein Naturfarbenunternehmen gegründet, das sehr erfolgreich ist. Dass andere Unternehmen den Wandel von der petrochemischen zur solaren Chemie nur zögerlich oder gar nicht angehen, hält Fischer für ein »kollektives Vernunftversagen«.

Die Debatte über die Agrarwende ist nach Rinderwahn und Schweinepest in Gang gekommen, die Debatte über die Energiewende nach den Unfällen von Tschernobyl und Fukushima. Es wäre schön, wenn es keines erneuten Chemieunfalls wie einst in Seveso bedürfte, um eine Chemiewende zum großen politischen Thema zu machen. Immerhin, in Nordrhein-Westfalen bemüht sich der grüne Landtagsabgeordnete Hans Christian Markert, eine Enquetekommission auf den Weg zu bringen.