Frauen demonstrieren in Neu Dehli © Sajjad Hussain/AFP/Getty Images

Es ist ein Prozess, der von Gefühlen aufgeladen ist wie selten einer zuvor, mit einem Schnellverfahren hat er jetzt begonnen. Im Dezember hatten sechs Männer eine 23-jährige Studentin in einem fahrenden Bus in Neu-Delhi vergewaltigt und mit einer Eisenstange entsetzlich gequält, die junge Frau starb an ihren Verletzungen. Erst am Tag vor dem Prozessbeginn, am 23. Januar, hatte ein neu einberufener Regierungsausschuss, der über 80.000 Vorschläge aus Frauengruppen und von Bürgern zu bearbeiten hatte, Empfehlungen zur Verbesserung der Gesetzeslage im Bezug auf sexuelle Gewalt veröffentlicht. Im Falle der Verurteilung droht den Tätern die von protestierenden Bürgern eingeforderte Todesstrafe.

Landesweit sind Menschen in Indien seit dieser Vergewaltigung auf die Straße gegangen und haben mit ihren anhaltenden Protesten eine breite gesellschaftliche Debatte zur Gewalt gegen Frauen ausgelöst, die in diesem Ausmaß neu ist. Warum gerade jetzt, wo sich doch grausamste Gewalttaten gegen Frauen in Indien im Minutentakt ereignen?

Endlich wird über die vielschichtigen Themen der alltäglichen Gewalt gegen Frauen – ob es um Brautverbrennungen geht oder Mädchenentführungen, um entstellende Säureanschläge, Abtreibung weiblicher Föten oder häusliche Gewalt – nicht länger nur hinter verschlossenen Türen von Frauenorganisationen, in liberalen Kreisen oder in Universitäten diskutiert. Die Wut hat nicht nur die junge, urbanisierte Generation auf die Straße getrieben, sondern Menschen unterschiedlichster Kasten und Klassen. Nur weil der Protest so breit ist, setzt er die Politik unter Druck, sodass zumindest einige Gesetzesänderungen zugunsten von Frauen zu erwarten sind, etwa schnellere Gerichtsverfahren. Gewalt gegen Frauen ist in Indien allgegenwärtig – der Widerstand aber auch.

Die gegenwärtigen Proteste sind nicht aus einem Vakuum entstanden, sondern sie gründen auf jahrzehntelanger, mühsamer Vorarbeit von Frauenorganisationen, NGOs und liberalen Stimmen, die in den urbanen Zentren Indiens einen Nährboden geschaffen haben. Der westliche Blick, diese Einflüsse als »westlich, progressiv, liberal« versus »indisch, traditionell, konservativ« anzusehen, wird aber der heterogenen indischen Gesellschaft nicht gerecht.

Indien hat sich in Schriften wie dem Kamasutra bereits vom 4. nachchristlichen Jahrhundert an mit liberalen sexuellen Vorstellungen und Praktiken auseinandergesetzt, und der organisierte Widerstand gegen männliche Gewalt geht nicht nur von der neuen Mittelschicht aus, sondern er wird in vielen ländlichen Regionen von malträtierten Frauen selbst initiiert wie beispielsweise der Gulabi Gang (Rosa Bande), deren Mitglieder, wenn sie in Aktion treten, als Erkennungsmerkmal knallrosafarbene Saris tragen. Die Gulabi Gang, gegründet im rückständigen Bundesstaat Uttar Pradesh und inzwischen in vielen Regionen Nordindiens aktiv, verprügelt Männer, die prügeln, geht gegen Kinderheirat vor und engagiert sich, um den verbreiteten weiblichen Analphabetismus zu beenden.

In der Debatte der letzten Wochen sind nun verstörende Bemerkungen öffentlich zu hören, die zeigen, wie tief die Frauenfeindlichkeit in der indischen Kultur verwurzelt ist. Zeitungen berichten, dass der Sohn des indischen Präsidenten, Abhijit Mukherjee, die wütenden jungen Frauen, die Schutz und Sicherheit vor männlicher Gewalt fordern, »dented and painted« nannte, was sich übersetzen lässt als Frauen, die sich sexuell anbieten und zu viel Make-up tragen. Es wird berichtet, Mohan Bhagwat, der Führer der hindu-nationalistischen Organisation RSS, sei der Überzeugung, Vergewaltigungen in Indien seien Ausdruck westlicher Kultur und des Niedergangs hinduistischer Werte. Der hinduistische Guru Asaram Bapu ist der Meinung, die Studentin hätte den Vorfall stoppen können, wenn sie Mantras rezitiert und die Angreifer »Bruder« genannt hätte.