IndienDer Zorn der Frauen

In Delhi hat der Vergewaltigungsprozess begonnen. Das Land debattiert: Sexuelle Gewalt ist in Indien Normalität, doch der Protest der Frauen hat auch Tradition. von Katharina Kakar

Proteste in Neu Dehli

Frauen demonstrieren in Neu Dehli  |  © Sajjad Hussain/AFP/Getty Images

Es ist ein Prozess, der von Gefühlen aufgeladen ist wie selten einer zuvor, mit einem Schnellverfahren hat er jetzt begonnen. Im Dezember hatten sechs Männer eine 23-jährige Studentin in einem fahrenden Bus in Neu-Delhi vergewaltigt und mit einer Eisenstange entsetzlich gequält, die junge Frau starb an ihren Verletzungen. Erst am Tag vor dem Prozessbeginn, am 23. Januar, hatte ein neu einberufener Regierungsausschuss, der über 80.000 Vorschläge aus Frauengruppen und von Bürgern zu bearbeiten hatte, Empfehlungen zur Verbesserung der Gesetzeslage im Bezug auf sexuelle Gewalt veröffentlicht. Im Falle der Verurteilung droht den Tätern die von protestierenden Bürgern eingeforderte Todesstrafe.

Landesweit sind Menschen in Indien seit dieser Vergewaltigung auf die Straße gegangen und haben mit ihren anhaltenden Protesten eine breite gesellschaftliche Debatte zur Gewalt gegen Frauen ausgelöst, die in diesem Ausmaß neu ist. Warum gerade jetzt, wo sich doch grausamste Gewalttaten gegen Frauen in Indien im Minutentakt ereignen?

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Endlich wird über die vielschichtigen Themen der alltäglichen Gewalt gegen Frauen – ob es um Brautverbrennungen geht oder Mädchenentführungen, um entstellende Säureanschläge, Abtreibung weiblicher Föten oder häusliche Gewalt – nicht länger nur hinter verschlossenen Türen von Frauenorganisationen, in liberalen Kreisen oder in Universitäten diskutiert. Die Wut hat nicht nur die junge, urbanisierte Generation auf die Straße getrieben, sondern Menschen unterschiedlichster Kasten und Klassen. Nur weil der Protest so breit ist, setzt er die Politik unter Druck, sodass zumindest einige Gesetzesänderungen zugunsten von Frauen zu erwarten sind, etwa schnellere Gerichtsverfahren. Gewalt gegen Frauen ist in Indien allgegenwärtig – der Widerstand aber auch.

Katharina Kakar

Katharina Kakar ist Vergleichende Religionswissenschaftlerin. Sie leitet die indische Organisation Tara Trust, die sich besonders für benachteiligte Mädchen und Frauen einsetzt, und lebt seit zehn Jahren in Goa. Mit ihrem Mann Sudhir Kakar hat sie das Buch »Die Inder. Porträt einer Gesellschaft« veröffentlicht (Verlag C. H. Beck, 2006)

Die gegenwärtigen Proteste sind nicht aus einem Vakuum entstanden, sondern sie gründen auf jahrzehntelanger, mühsamer Vorarbeit von Frauenorganisationen, NGOs und liberalen Stimmen, die in den urbanen Zentren Indiens einen Nährboden geschaffen haben. Der westliche Blick, diese Einflüsse als »westlich, progressiv, liberal« versus »indisch, traditionell, konservativ« anzusehen, wird aber der heterogenen indischen Gesellschaft nicht gerecht.

Indien hat sich in Schriften wie dem Kamasutra bereits vom 4. nachchristlichen Jahrhundert an mit liberalen sexuellen Vorstellungen und Praktiken auseinandergesetzt, und der organisierte Widerstand gegen männliche Gewalt geht nicht nur von der neuen Mittelschicht aus, sondern er wird in vielen ländlichen Regionen von malträtierten Frauen selbst initiiert wie beispielsweise der Gulabi Gang (Rosa Bande), deren Mitglieder, wenn sie in Aktion treten, als Erkennungsmerkmal knallrosafarbene Saris tragen. Die Gulabi Gang, gegründet im rückständigen Bundesstaat Uttar Pradesh und inzwischen in vielen Regionen Nordindiens aktiv, verprügelt Männer, die prügeln, geht gegen Kinderheirat vor und engagiert sich, um den verbreiteten weiblichen Analphabetismus zu beenden.

In der Debatte der letzten Wochen sind nun verstörende Bemerkungen öffentlich zu hören, die zeigen, wie tief die Frauenfeindlichkeit in der indischen Kultur verwurzelt ist. Zeitungen berichten, dass der Sohn des indischen Präsidenten, Abhijit Mukherjee, die wütenden jungen Frauen, die Schutz und Sicherheit vor männlicher Gewalt fordern, »dented and painted« nannte, was sich übersetzen lässt als Frauen, die sich sexuell anbieten und zu viel Make-up tragen. Es wird berichtet, Mohan Bhagwat, der Führer der hindu-nationalistischen Organisation RSS, sei der Überzeugung, Vergewaltigungen in Indien seien Ausdruck westlicher Kultur und des Niedergangs hinduistischer Werte. Der hinduistische Guru Asaram Bapu ist der Meinung, die Studentin hätte den Vorfall stoppen können, wenn sie Mantras rezitiert und die Angreifer »Bruder« genannt hätte.

Abermillionen indischer Männer sind in einem kulturellen Umfeld aufgewachsen, das einer Frau nur einen gewissen Respekt und Schutz in ihrer Rolle als Mutter, Gattin, Tochter et cetera entgegenbringt, nicht aber der Frau als Subjekt und autonomes Individuum. In ihren Nischen haben die Frauen als Mütter, Gattin und Töchter einige Macht, die ihnen diesen Respekt einträgt, selbst wenn sie – und das ist das Paradox der sozialen Realität von Frauen in Indien – dennoch der Gewalt ihrer oft betrunkenen Männer und Verwandten ausgesetzt sind. Eine Frau, die aus den mentalen »Beziehungskategorien« von Mutter, Tante, Schwester herausfällt, ist Freiwild – eine bhog ki cheez hai, ein Vergnügungsobjekt –, wie es mein Mann, der Psychoanalytiker Sudhir Kakar, nun formulierte. Es sind diese zutiefst verinnerlichten Vorstellungen, die unterhalb des Bewusstseinsstroms fließen, die in der gegenwärtigen Debatte zur Gewalt gegen Frauen zum Ausdruck kommen.

Der Widerspruch dagegen wird keineswegs nur vom Westen laut. Die indischen Medien reagieren empört und differenziert auf Äußerungen, mit denen die Opfer verantwortlich gemacht werden für die sexuelle Gewalt, die sie erleiden. Nachrichtensender wie NDTV haben sich nun verpflichtet, in den nächsten zwei Monaten wöchentlich Sendungen zu initiieren – beispielsweise zum Thema Vergewaltigung in der Ehe, die in Indien keine Straftat ist –, um die gesellschaftliche Debatte voranzutreiben.

Die derzeitige Empörung hat auch ihre Kehrseite: Sie gibt reaktionären Stimmen Auftrieb, die getrennte Schulbildung von Mädchen und Jungen fordern oder Frauen in ihre häusliche Schranken verweisen, zum anderen begnügt sie sich damit, ein paar Sündenböcke zu finden, statt sich den tiefer greifenden Ursachen der indischen Frauenfeindlichkeit zu stellen, wie sie besonders in der kulturell prägenden indischen Mythologie zum Ausdruck kommen. Der Politiker Kailash Vijayvargia, so wird berichtet, ließ sich zu der Bemerkung hinreißen, Frauen, die sich außerhalb des Lakshmana Rekha bewegten, sollten sich nicht wundern, wenn ihnen Ravana begegne.

Dieser Verweis auf das große indische Epos Ramayana wird von jedem Inder verstanden. Verkürzt geht die Geschichte so: Lakshmana, der Bruder des Gottes Rama, zeichnet mit einem Stock einen Kreis in den Staub, den Ramas Gattin Sita zu ihrem Schutz nicht verlassen darf. Als sie es doch tut, wird sie vom Dämon Ravana entführt. Dieser bekannte Ausschnitt aus dem Ramayana wurde seit Beginn der Proteste von Politikern und religiösen Gestalten nicht zufällig als häufigstes Beispiel herangezogen, denn mit der Geschichte von Sitas Entführung lässt sich die vermeintliche weibliche Mitschuld an der Gewalt kulturell untermauern.

Statt auf solche Bemerkungen in den indischen und westlichen Medien ausschließlich mit Empörung zu reagieren, könnte man dagegen ganz andere Frauenfiguren indischer Mythen stark machen, die das indische Frauenbild ebenso tief geprägt haben: Shakuntala beispielsweise oder Draupadi, die beeindruckende Heldin des Mahabharata, des zweiten großen Epos Indiens. Draupadi reagiert nicht mit Scham oder Demut, nachdem sie von Dushashana sexuell entwürdigt und vom Gott Krishna gerettet wurde, sondern mit unbändiger Wut. Sie verflucht die Männer ihres Klans für ihre Komplizenschaft, ihr keinen Beistand geleistet zu haben. Sie weigert sich, ihren Körper als Besitz ihres Klans zu betrachten, und verhöhnt ihren Ehemann Yudhisthira, der sie im Glücksspiel verwettete.

Im Westen wird es oft als Paradox angesehen, dass die indische Kultur einerseits mit einer tief verwurzelten Ungleichheit der Geschlechter zu kämpfen hat, dass in Indien andererseits aber Frauen mit Selbstverständlichkeit in Führungspositionen gelangen, sogenannte Männerberufe ausüben oder als mächtige Politikerinnen einige der größten Bundesstaaten Indiens regieren, wie es die bengalische Ministerpräsidentin Mamta Banerjee tut oder Jayalalita, Ministerpräsidentin Tamil Nadus. In Indiens kultureller Tradition sind aber eben nicht nur die Demütigung Sitas und der Widerstand Draupadis von starkem Einfluss, sondern auch die Macht Durgas: jener Muttergöttin, die das Gleichgewicht der Welt mit der Tötung des Büffeldämons wiederherstellt, nachdem keiner der männlichen Götter in der Lage war, ihn zu besiegen.

Es muss viel getan werden, damit Draupadis Empörung, die sich in den derzeitigen Protesten und Debatten Gehör verschafft, nicht in einem Strohfeuer und Schauprozess endet, sondern zu einem tatsächlichen, strukturellen Umbau gesellschaftlichen Denkens führt. Der Schlüssel zu einer tief greifenden Veränderung liegt in der Erziehung der nächsten Generation. Es gilt nun, kulturelle Muster auch mithilfe von Waffen aufzubrechen, die sich bisher gegen die Frauen gerichtet haben, beispielsweise, indem an das Schamgefühl appelliert wird. In einem Land, das mehr Scham- als Schuldkultur ist und in dem der öffentliche Raum überwiegend von Männern besetzt wird, machen nun Gruppen junger Frauen und Männer lärmend darauf aufmerksam, dass Männer öffentlich urinieren oder in hoffnungslos überfüllten Bussen Frauen wie zufällig anfassen. Es ist ermutigend, dass sich aufgeklärte indische Männer, insbesondere der jüngeren Generation in Indiens Metropolen, aktiv am Wandel beteiligen.

Wie aber lässt sich das laute Echo westlicher Medien zur Gewalt gegen Frauen in Indien erklären? Andere wichtige Themen, wie die Antikorruptionsbewegung, die das Land vor einem Jahr in ähnlich großem Ausmaß ergriffen hatte, erregten im Westen ein vergleichsweise geringes Interesse. Kann es sein, dass der Westen mit seinem Blick auf Kulturen wie Indien auch davon ablenkt, bei sich selbst aufzuräumen? Es ist möglicherweise einfacher, Kulturen, die wir kaum verstehen, als archaisch und gewalttätig zurückzuweisen, statt unsere eigenen Perversionen, die vergleichsweise archaisch und gewalttätig sind, deutlicher zu thematisieren. Warum sonst wird in Amerika – einem Land, das den Verkauf von Kinderüberraschungseiern aus Sicherheitsgründen verbietet, das Waffengesetz aber nicht verschärft – die jüngste Gruppenvergewaltigung einer jungen Frau in Ohio nicht mit gleicher Vehemenz als »kulturelles Problem« diskutiert, wie es mit den Gewalttaten in Indien geschieht?

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Leserkommentare
  1. SIE ist im indischen Olymp die Powerfrau schlechthin - und in der Gestalt der Kali ist äußerst schlecht mit ihr Kirschen essen... ich wünsche den Schwestern in Indien ihre Kraft und ihre Power! Macht weiter ! Kämpft ! Gegen das was ihr auszustehen habt, ist die Sexismus-Debatte in der deutschen Mittelschicht Kinderkram und einfach lächerlich...

    4 Leserempfehlungen
  2. schreiben Sie in der vorne auf der Startseite, Frau Kakar.

    Meinen Sie nicht, daß man das als Relativierung verstehen könnte?

    • clair11
    • 08. Februar 2013 9:28 Uhr

    "Wie aber lässt sich das laute Echo westlicher Medien zur Gewalt gegen Frauen in Indien erklären?
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    Kann es sein, dass der Westen mit seinem Blick auf Kulturen wie Indien auch davon ablenkt, bei sich selbst aufzuräumen?
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    Warum sonst wird in Amerika – einem Land, das den Verkauf von Kinderüberraschungseiern aus Sicherheitsgründen verbietet, das Waffengesetz aber nicht verschärft – die jüngste Gruppenvergewaltigung einer jungen Frau in Ohio nicht mit gleicher Vehemenz als »kulturelles Problem"
    diskutiert, wie es mit den Gewalttaten in Indien geschieht?
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    Grundsätzlich würde ich Ihnen zustimmen, Das haben auch viele gefragt - warum wurde die Vergewaltigung in Indien bei den Berichterstattungen fast immer als ein Kulturproblem Indiens dargestellt und warum durfte man nur über Gewalt in Indien diskutieren?

    Allerdings scheint mir, dass die Autorin sich auch nicht traut, direkt zu fragen, warum die deutschen Medien sexuelle Gewalt in Deutschland nicht thematisiert haben? Warum Amerika vorschieben?

    Und die Vergewaltigung in Ohio hatte mit Waffengesetz und Überraschungseier auch nicht viel zu tun.

    Eine Leserempfehlung
  3. "Lakshmana, der Bruder des Gottes Rama, zeichnet mit einem Stock einen Kreis in den Staub, den Ramas Gattin Sita zu ihrem Schutz nicht verlassen darf. Als sie es doch tut, wird sie vom Dämon Ravana entführt."

    Das erinnert mich an die Worte Taminos an Pamina (Zauberflöte): „Ein Mann muss eure Herzen leiten, denn ohne ihn pflegt jedes Weib aus ihrem Wirkungskreis zu schreiten.“ Das ist genau dieselbe Auffassung, wie im Ramayana: Der Mann bestimmt den Kreis, innerhalb dessen die Frau sich bewegen darf und wehe sie überschreitet die Grenzen! ABER: Das Ramayana spricht ganz deutlich von einem DÄMON, der Sita „raubt“. Der Mann ist aber kein Dämon, sondern Gottes Ebenbild, mit Vernunft und Gewissen ausgestattet und der Moral fähig! Und an diese Moral sollten die Frauen appellieren: Die Vergewaltigung einer Frau – ganz gleich, ob sie irgendwelche, von Männern festgesetzten Grenzen überschritten hat, ist immer ein Verbrechen und der Übergriffige gehört angeklagt und bestraft – und nicht das Opfer! Der Mann versündigt sich dabei ganz massiv. Der Mythos drückt das sogar ganz krass aus, indem es den übergriffigen Mann zum Dämon Ravana degradiert: Ein Wesen, dass seine Gottähnlichkeit verloren hat!

  4. "Es ist möglicherweise einfacher, Kulturen, die wir kaum verstehen, als archaisch und gewalttätig zurückzuweisen, statt unsere eigenen Perversionen, die vergleichsweise archaisch und gewalttätig sind, deutlicher zu thematisieren."
    Ja, nicht nur Indien! Auch Deutschland, in der Karnevalszeit
    ( K.O.-Tropfen u.ä.!), Ohio und jetzt hat auch Südafrika seinen grauenhaften „Aufschrei“:
    http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/nach-vergewaltigun...
    Ein Kommentator schreibt, das es ein sexualisierter Foltermord war – an einer Siebzehnjährigen! Offenbar war ihr Ex-Freund unter den Tätern! Und das ist nur der grausigste Fall von vielen in Südafrika. Und wieder die üblichen, hilflosen Versuche, das Unfassbare zu erklären, wodurch es nur relativiert wird.: „Als Ursachen für die hohe Zahl der Vergewaltigungen nennen Fachleute unzureichende Bildung, Frustration aufgrund von Armut und Arbeitslosigkeit, patriarchalische Gesellschaftsstrukturen und die weit verbreitete Auffassung, Männer hätten ein Recht auf Sex.“ Frustration, Armut , Arbeitslosigkeit und patriarchalische Gesellschaften – das erklärt solche Teufeleien nicht! Nicht einmal Tiere tun so etwas. Es wäre an der Zeit, über Pornographie im Internet kritisch nachzudenken! Dort werden doch offenbar auch gravierende Menschenrechts- und Menschenwürdeverletzungen gezeigt! Da werden meiner Ansicht nach die Vorstellungen von manchen Männern bezüglich der Sexualität korrumpiert!

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