BuchmarktLeser, mach’s dir selbst!

Im Netz wird das Schreiben von Büchern ein kollektives Abenteuer: Das Publikum mischt mit. von Maximilian Probst und

Bücher sind Beziehungskisten, in denen die Rollen bislang klar verteilt waren: Der Autor schreibt, der Leser liest. Doch da gerät gerade mächtig was in Bewegung. Durch Autorinnen wie Tawna Fenske.

Die Amerikanerin hat sich in ihrem Fortsetzungsroman Getting Dumped (frei übersetzt: »Weg vom Fenster«) direkt an die Leser gewandt: Für welchen der drei männlichen Anwärter soll sich die Heldin entscheiden?, fragte sie am Ende ihres E-Books. Fenske selbst hatte klare Präferenzen und zwei der Charaktere mit deutlich mehr Sympathie und Tiefe gezeichnet als den dritten, Daniel. Ihn wollte sie in der Fortsetzung aus dem Buch schreiben.

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Ihre Leser dachten anders: 29,7 Prozent stimmten für Daniel, fast doppelt so viele wie für einen der zwei Favoriten Fenskes. »Darauf musste ich natürlich Rücksicht nehmen«, sagt Fenske. Daniel bleibt im Buch. Und wird künftig von der Autorin mit mehr Einfühlungsvermögen bedacht. Denn für Fenske sind die Leser nicht das fremde Gegenüber. Sie will wissen, was sie denken, und sich von ihrem Willen steuern lassen. Es ist die spiegelbildliche Verkehrung des Albtraums, den Stephen King Ende der Achtziger in seinem populären Horror-Roman Sie geschildert hat: Dort wird der Autor einer Fortsetzungsgeschichte zum Opfer einer kriminellen Leserin – vom gefangenen Schriftsteller nur »die Göttin« genannt –, die ihm gewaltsam ihren Willen aufzwingt. Für Fenske wird der Leser zum »Freund und Helfer«, der sie auf den rechten Weg zurückführt.

Natürlich ist das, was Fenske da macht, nicht gänzlich neu. Natürlich hat es immer schon ein Schreiben gegeben, das sich ganz am Leser und seinen potenziellen Wünschen ausrichtet. Aber noch nie hat es eine vergleichbar direkte Rückkopplung von Schreibenden und Lesepublikum gegeben wie heute. Es ist die Digitalisierung und mit ihr der Siegeszug des E-Books, der diese Rückkopplung ermöglicht hat und damit unser Verständnis von Buch und Autor revolutioniert. Bücher waren seit Gutenbergs Erfindung der Druckerpresse die Individualisierungsapparate der Moderne. Sie wurden geschrieben von Autoren, die sich im Gegensatz zur Gemeinschaft sahen; sie wurden gelesen im stillen Kämmerlein, in einem Akt der Identifikation, der die Autorität des Schriftstellers übergehen ließ auf den Leser.

Das Buch wird angereichert mit Videos, Audiomaterial und Bildern

Was aber bleibt davon übrig, wenn Autoren wie Fenske das Kollektiv der Leser basisdemokratisch entscheiden lassen? Was passiert, wenn das Medium Buch unwiderruflich in die Logik des Digitalen eintaucht? Wenn die Möglichkeiten der Vergemeinschaftung im Netz den Prozess des Bücherschreibens verändern? Wenn das, was erzählt werden soll, im Wissen um die digitale Sphäre produziert wird?

Spätestens seit Marshall McLuhans Diktum »The medium is the message« wissen wir, dass sich mit einem neuen Medium auch sein Inhalt wandelt, mehr noch: dass das Medium den Inhalt prägt. Und auch wenn die ersten E-Book-Jahre zeigen, dass die allermeisten die gedruckte Auflage eins zu eins ins Digitale übertragen, haben Verlage und Self-Publisher auf der ganzen Welt mittlerweile kleine Experimentierstuben eröffnet, in denen das gedruckte lineare Buch aufgebrochen wird: Es gibt E-Books, die mit Zusatzmaterial angereichert werden, mit Videos, Audiomaterial und Bildern – diese »Enhanced E-Books« sind vor allem bei Reise- und Kochbüchern beliebt. Es gibt sogenannte Sequentials, die wie Fortsetzungsromane häppchenweise gekauft werden können. Es gibt spielerische Elemente im E-Book, die sich in Form und Ästhetik an Computerspielen orientieren, und es gibt, davon ausgehend, E-Books, bei denen der Leser wählen kann, aus welcher Perspektive er die Geschichte lesen möchte und ob sie mit wenig, viel oder ganz viel Erotik aufgeladen sein soll.

Jede Bewegung, jede übersprungene Seite speichert der E-Reader

Alle probieren derzeit aus, weil alte Buchmarktgewissheiten zusammengebrochen sind und es keine neuen Gewissheiten gibt. Noch nicht. Denn E-Books revolutionieren nicht nur das Lesen. Sie machen eine ganz neue Art der Leserbeobachtung möglich: Jede einzelne Bewegung, jedes unterstrichene Wort, jede übersprungene Seite speichert der E-Reader und sendet die Daten übers Internet weiter an die Gerätehersteller. Der alte Traum der Buchbranche, zu wissen, wer wann was liest, welche Bücher nur gekauft, aber nicht gelesen werden, welche schnell, welche langsam durchgelesen werden, er ist Wirklichkeit geworden.

Leserkommentare
  1. Flussers Foto- und Apparatphilosophie hat also tatsächlich den Sprung zum digitalen Text geschafft.

    • knaak
    • 31. Januar 2013 17:49 Uhr

    Wir haben jetzt schon genug Einheitsbrei auf dem Büchermarkt weil die Verleger nach dem kleinsten, gemeinsamen Nenner suchen und denken, daß ist es, was wir lesen wollen. Wir brauchen Bücher, die uns aus unserer persönlichen Komfortzone herausholen, nicht solche, die sich nach dem Mehrheitsgeschmack richten. Ich will nicht nur grauschattierte Vampirgeschichten lesen!

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Dazu möchte ich gerne George R. R. Martin zitieren: "Schreiben ist keine Demokratie!".

    Man denke an all die unbequemen Momente in "Das Lied von Eis und Feuer" (die Enthauptung, RW, usw.), die teilweise wirklich wehgetan haben beim Lesen - mal ernsthaft: Hätte GRRM davor die Leser gefragt: Was wollt ihr haben? Dann wäre die Geschichte garantiert nicht so ausgefallen. Aber man muss doch beim Lesen diese Momente haben wo man denkt "Oh nein" oder "Das darf nicht sein", oder wo man mit zitternden Fingern weiterblättert weil man plötzlich merkt dass da was passieren wird was man selbst eigentlich nicht will. Aber wenn man dann mit dem Buch fertig ist und sieht: Das macht alles einen Sinn.

    Andererseits gilt natürlich: Jedem das seine. Sollen die Leute ruhig experimentieren und sich ausprobieren. Vielleicht kommt ja doch was Überraschendes dabei heraus. Und bis dahin bleibe ich bei den "Diktator-Autoren".

    • Fiesko
    • 31. Januar 2013 18:40 Uhr

    ...und ich lach mich kaputt. Wer, ausser den Mitschreibern, liest den Schrott? Kunst jeder Art, egal ob Musik, Literatur, bildende Kunst, kann nur von Individuen gemacht werden, niemals von der Menge.

    2 Leserempfehlungen
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    Das würde ich so pauschal nicht behaupten. Können Sie Ihre Meinung begründen?

  2. Kollektive Autorschaft im Internet? Den Hype gabs vor über zehn Jahren schon mal - freilich in etwas anderer Ausprägung. Das ganze lief unter dem Namen "Mitschreibeprojekte" und wurde als nächstes großes Ding der Literatur gefeiert. Pustekuchen!

    Vielleicht klappts ja diesmal.

    Einen der "Urtexte" des kollaborativen Schreibens im Internet kann man übrigens hier nachlesen: http://www.claudia-klinger.de/archiv/baecker/

  3. Das würde ich so pauschal nicht behaupten. Können Sie Ihre Meinung begründen?

    Antwort auf "Das Kollektiv denkt..."
  4. Mit Chancen und mit Risiken. Wie immer. Aber so etwas von vorne herein zu verteufeln, ist ja wohl genauso wenig angebracht, wie es als DEN Weg der Zukunft zu preisen. Ich habe Dirk von Gehlens Weg gerne unterstützt, weil er für mich äußerst spannend ist. Ich experimentiere selbst mit ähnlichem - in einer fiktive Variante. Und bin bisher als Autor begeistert. Wobei ich nicht nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner suche, sondern nach dem Dialog, der mich und mein Projekt voranbringt. Die Entscheidungen treffe ich ja selbst - ich bin also vielleicht sogar mehr Autor, als ich das in einem Verlagsprogramm je sein kann ...

    Eine Leserempfehlung
    • ikonist
    • 01. Februar 2013 4:19 Uhr

    viele köche verderben den brei

    Eine Leserempfehlung
    • snoek
    • 01. Februar 2013 6:34 Uhr

    Nach der Demokratisierung und anschließenden Vulgarisierung des Fernsehens und des Journalismus nun also die der Literatur. Für alle, die Überraschungen hassen und Marktführer lieben. Statt der Entwicklung und Ausarbeitung komplexer und Charaktere wird der Autor zum Meinungsforscher und analysiert unterstrichene Wörter. Und der E-Reader ist das veritable Spionageinstrument. Autoren, die so arbeiten, gehören in PR Firmen, nicht in die Literatur.

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Andy Warhol | Autor | Digitalisierung | E-Book
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