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Die entscheidende Instanz verändert sich

Der Schatz der Lesedaten vergrößert sich permanent. Und die E-Reader-Produzenten, allen voran der US-Gigant Amazon, suchen nach den effektivsten Werkzeugen zum Zerlegen, Neugruppieren und Auswerten dieser »Big Data«, weil sie wissen: Wer sie besitzt, wird die Zukunft des Buchmarktes bestimmen. Zielgruppen können viel genauer bestimmt werden, die »Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch...«-Logik kann auf einer tieferen Ebene – nämlich auf der des Buchinhalts – perfektioniert werden, und die Kulturtechnik des Fertigstellens wird aus den Angeln gehoben: Das einmal fertige Produkt ist eigentlich gar nicht mehr fertig, es bleibt im Zwischenstadium des »permanent veränderbar« hängen. Dass Autoren und ihre PR-Berater bei einem schleppenden Verkauf Cover und Überschriften ändern, gibt es schon seit den Anfängen der E-Books. Jetzt aber haben Amazon und Co. die Möglichkeit, mit Empirie an die Verlage und die Autoren heranzutreten und zu sagen: Unsere Datenanalyse zeigt, dass auf Seite 39 nach dem zweiten Absatz 24 Prozent der Leser ausgestiegen sind. Anscheinend stimmt da etwas nicht, ändern Sie doch die Passage, damit mehr Leute weiterlesen.

Noch steckt diese Auswertung der »Big Data« in den Anfängen. Die ersten Schritte sind kleine Start-ups wie Coliloqui gegangen, das Tawna Fenskes Fortsetzungs-Schmonzette Getting Dumped digital verlegt hat. Coliloqui bringt seit einem Jahr für E-Reader wie Amazons Kindle und den Nook von Barnes & Noble spezielle E-Books mit Interaktionsmöglichkeiten heraus. Es ist das Prinzip der Spielbücher aus den achtziger Jahren, die den Leser ständig vor die Wahl stellten, welchen Weg er im Verlauf des Abenteuers einschlagen will – nur dass sich diese Bücher jetzt nicht mehr an Jugendliche richten, denen die Würfel im Spiel wichtiger sind als die Worte. Sie richten sich an Erwachsene, die ganz wie in einem guten, alten Buch nach Lektüregenuss suchen.

Fenske hat in Getting Dumped an ein paar Stellen der Geschichte Verzweigungen eingefügt, die später wieder in einer einheitlichen Story zusammengeführt werden. Coliloqui erfasst alle Lesebewegungen und zieht mit den Autoren daraus Schlüsse. »Ich wollte immer wissen, welche Passagen gelungen sind, welche die Leser besonders gern lesen; das war bislang ja reines Gerate«, schwärmt Fenske. Auch wenn es manchmal nicht ganz einfach ist, sich einen Reim auf die anonymisierten Daten zu machen: 78-mal habe jemand ein und dieselbe Passage gelesen, erzählt Fenske. »Da mochte wohl jemand den Typen ziemlich gern, über den ich da schreibe.«

Es sind die Leser, die so zum entscheidenden Korrektiv und zur entscheidenden Instanz werden – und zwar nicht mehr wie früher durch ihre Kaufentscheidung, sondern durch ihr Leseverhalten. Sie übernehmen die Rolle des nachträglichen Lektors und entscheiden als Kollektiv, in welche Richtung die Geschichten gehen. Die empirische Evidenz der Daten siegt als Quantität über jedes qualitative Argument.

Kein Wunder also, dass sich die meisten der Versuche, das Buch aufzusprengen, im Segment des Seichten abspielen, der Unterhaltung, des reinen Kommerzes. Doch man sollte nicht vergessen, dass es auch eine lange Tradition der literarisch-künstlerischen Auseinandersetzung mit den Grenzen des Buchs gibt. Ayn Rands Gerichts-Theaterstück Night of January 16th, in dem eine aus dem Publikum gebildete Jury zwischen zwei alternativen Enden entscheidet und das wie ein Vorläufer von Tawna Fenskes Leserumfrage wirkt; Julio Cortázars Roman Rayuela, dessen Kapitel sich in verschiedenen, selbst gewählten Reihenfolgen lesen lassen; oder Mark Z. Danielewskis kürzlich ins Deutsche übertragenes Werk Only Revolutions, das kleine Textschnipsel übernimmt, die von seinen Fans geschrieben sind, und das man von vorn und von hinten lesen kann oder hin und her springend und es fortwährend drehend, weil jede Seite unterteilt ist und die Hälfte der Schrift auf dem Kopf steht.

Immer geht es darum, dass die Leser nicht mehr bloß interpretieren, sondern intervenieren. Aber niemand von ihnen geht so weit wie Dirk von Gehlen, Autor und Leiter für den Bereich Social Media/Innovation bei der Süddeutschen Zeitung. Sein Projekt heißt Eine neue Version ist verfügbar, und er lässt darin seine Leser nicht nur partiell entscheiden, sondern am gesamten Prozess des Buchschreibens teilhaben. Die Leser werden zu Experten für seine Sache, und der Autor übernimmt die Rolle eines Salonbetreibers, der Vorschläge macht, moderiert und der am Ende ein Werk zusammenbindet, das im Idealfall ein aus den Diskussionen entstandenes Gemeinschaftsprodukt ist.

Mitte Oktober 2012 hatte von Gehlen Eine neue Version ist verfügbar bei einer Crowdfunding-Plattform angemeldet. 5.000 Euro wollte er bis Weihnachten zusammenbekommen – von Menschen, die sich für sein Thema, die Chancen der Digitalisierung, interessieren und das Buchprojekt auf seinem Entstehungsweg begleiten wollen. Innerhalb von fünf Tagen war das Geld da. »Der entscheidende Faktor war wohl: Ich hatte schon vorher eine Community, die mein erstes Buch Mashup. Lob der Kopie gelesen hat, die mir auf Twitter folgt, die mein Blog liest.« Am Ende wurden es 14.182 Euro von 350 Menschen. Diese 350 sind nun live dabei, wenn von Gehlen sein Buch schreibt, Kapitel für Kapitel. Interviews stellt er auf eine Google-Docs-Plattform, sodass alle die Texte lesen können; und immer wenn er selbst etwas schreibt, schickt er es per Mail herum, wartet auf Kommentare, ändert Stellen, fügt Links hinzu, die ihm seine »Crowd« zusendet.

Leserkommentare
  1. Flussers Foto- und Apparatphilosophie hat also tatsächlich den Sprung zum digitalen Text geschafft.

    • knaak
    • 31. Januar 2013 17:49 Uhr

    Wir haben jetzt schon genug Einheitsbrei auf dem Büchermarkt weil die Verleger nach dem kleinsten, gemeinsamen Nenner suchen und denken, daß ist es, was wir lesen wollen. Wir brauchen Bücher, die uns aus unserer persönlichen Komfortzone herausholen, nicht solche, die sich nach dem Mehrheitsgeschmack richten. Ich will nicht nur grauschattierte Vampirgeschichten lesen!

    5 Leserempfehlungen
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    Dazu möchte ich gerne George R. R. Martin zitieren: "Schreiben ist keine Demokratie!".

    Man denke an all die unbequemen Momente in "Das Lied von Eis und Feuer" (die Enthauptung, RW, usw.), die teilweise wirklich wehgetan haben beim Lesen - mal ernsthaft: Hätte GRRM davor die Leser gefragt: Was wollt ihr haben? Dann wäre die Geschichte garantiert nicht so ausgefallen. Aber man muss doch beim Lesen diese Momente haben wo man denkt "Oh nein" oder "Das darf nicht sein", oder wo man mit zitternden Fingern weiterblättert weil man plötzlich merkt dass da was passieren wird was man selbst eigentlich nicht will. Aber wenn man dann mit dem Buch fertig ist und sieht: Das macht alles einen Sinn.

    Andererseits gilt natürlich: Jedem das seine. Sollen die Leute ruhig experimentieren und sich ausprobieren. Vielleicht kommt ja doch was Überraschendes dabei heraus. Und bis dahin bleibe ich bei den "Diktator-Autoren".

    • Fiesko
    • 31. Januar 2013 18:40 Uhr

    ...und ich lach mich kaputt. Wer, ausser den Mitschreibern, liest den Schrott? Kunst jeder Art, egal ob Musik, Literatur, bildende Kunst, kann nur von Individuen gemacht werden, niemals von der Menge.

    2 Leserempfehlungen
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    Das würde ich so pauschal nicht behaupten. Können Sie Ihre Meinung begründen?

  2. Kollektive Autorschaft im Internet? Den Hype gabs vor über zehn Jahren schon mal - freilich in etwas anderer Ausprägung. Das ganze lief unter dem Namen "Mitschreibeprojekte" und wurde als nächstes großes Ding der Literatur gefeiert. Pustekuchen!

    Vielleicht klappts ja diesmal.

    Einen der "Urtexte" des kollaborativen Schreibens im Internet kann man übrigens hier nachlesen: http://www.claudia-klinger.de/archiv/baecker/

  3. Das würde ich so pauschal nicht behaupten. Können Sie Ihre Meinung begründen?

    Antwort auf "Das Kollektiv denkt..."
  4. Mit Chancen und mit Risiken. Wie immer. Aber so etwas von vorne herein zu verteufeln, ist ja wohl genauso wenig angebracht, wie es als DEN Weg der Zukunft zu preisen. Ich habe Dirk von Gehlens Weg gerne unterstützt, weil er für mich äußerst spannend ist. Ich experimentiere selbst mit ähnlichem - in einer fiktive Variante. Und bin bisher als Autor begeistert. Wobei ich nicht nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner suche, sondern nach dem Dialog, der mich und mein Projekt voranbringt. Die Entscheidungen treffe ich ja selbst - ich bin also vielleicht sogar mehr Autor, als ich das in einem Verlagsprogramm je sein kann ...

    Eine Leserempfehlung
    • ikonist
    • 01. Februar 2013 4:19 Uhr

    viele köche verderben den brei

    Eine Leserempfehlung
    • snoek
    • 01. Februar 2013 6:34 Uhr

    Nach der Demokratisierung und anschließenden Vulgarisierung des Fernsehens und des Journalismus nun also die der Literatur. Für alle, die Überraschungen hassen und Marktführer lieben. Statt der Entwicklung und Ausarbeitung komplexer und Charaktere wird der Autor zum Meinungsforscher und analysiert unterstrichene Wörter. Und der E-Reader ist das veritable Spionageinstrument. Autoren, die so arbeiten, gehören in PR Firmen, nicht in die Literatur.

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Andy Warhol | Autor | Digitalisierung | E-Book
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