Das Bücherschreiben nähert sich damit den Schwarm-Arbeitsprozessen von Wikipedia an – nur dass der Autor am Ende die Oberhoheit über sein Werk behält und nicht das Kollektiv alles untereinander ausficht. Von Gehlen sagt: »Der Autor wird zum Leiter einer Künstlervilla. Er stellt Textfragmente vor und diskutiert mit den Gästen, die in diesem Fall seine Leser sind.«

Es ist eine radikale Umkehr der Gewohnheiten: Nicht das Endprodukt ist der Fixstern, auf den alles hinausläuft, der Sinn liegt im fortlaufenden Prozess verborgen. Dieser wird in Versionen offengelegt, weil er der Mehrwert ist, den ein Autor in Zeiten der Digitalisierung bieten kann. In der Musikbranche boomen die Konzerte, obwohl es bei ihnen wahnsinnig eng ist, die Musik im Vergleich zu Platten eine schlechtere Qualität hat und man sich ewig für ein Bier anstellen muss. Das Konzert ist aber der unkopierbare Moment. Beim Buchschreiben, sagt von Gehlen, sei der unkopierbare Moment der Prozess des Schreibens. Er schaffe Identifikation und bringe im besten Falle die Menschen dazu, für das zu bezahlen, woran sie da teilhaben dürfen.

Der Prozess endet deshalb auch nicht, wenn das Buch fertig geschrieben ist. Er habe nach der Veröffentlichung seines ersten Buchs Mashup so viele gute Anregungen bekommen, sagt von Gehlen, dass er sie gerne noch eingebaut hätte, wäre eine neue Auflage nicht ein so irrer Aufwand gewesen. Sein neues Buch Eine neue Version ist verfügbar wird erst mal in einer Version 1.0 auf den Markt kommen, als gedrucktes Buch und als E-Book. »Aber ich bin schon so weit, zu sagen, dass das fortgesetzt werden muss, auch wenn ich noch nicht genau weiß, wie.«

Für den Autor bedeutet das alles: wahnsinnig viel Arbeit. »Es kann sein, dass ich mir am Ende denke: Das mache ich nie wieder, das war viel zu anstrengend und hat nicht viel gebracht«, sagt von Gehlen. Aber es kann auch sein, dass die 350 Menschen, mit denen er jetzt ein Buch schreibt, erst der Anfang sind. Dass sie beim nächsten Projekt wieder mitmachen. Und immer mehr hinzukommen.

Vielleicht ist gerade das die erstaunlichste Entwicklung, die sich beim Eintauchen des Buches ins digitale Zeitalter abzuzeichnen beginnt: Sie führt, wie im Netz auch sonst zu beobachten, zum Zerfall der Gesellschaft in eine Vielzahl von Gemeinschaften, von »kleinen Kreisen«. Von Gehlens Buch ist für alle, die an ihm mitgewirkt haben, ein gänzlich anderes Produkt als für alle anderen Leser. Nach diesem Prinzip erlangt heute nicht mehr jeder 15 Minuten Ruhm, wie Andy Warhol einmal sagte; heute hat jeder 15 Fans. Die grundlegende Frage des Bücherschreibens lautet deshalb: Sollten Autoren nach einer allumfassenden Bedeutung suchen, mit der jeder etwas anfangen kann? Oder reicht es, nach jenen kleinen Momenten Ausschau zu halten, die nur einer Handvoll begeisterter Leute etwas sagen?

Es ist eine Rollenverschiebung in einem lange als asymmetrisch akzeptierten Beziehungsverhältnis, die die Digitalisierung provoziert: Das alte, gedruckte Buch, das über Jahrhunderte mit dem Selbstbild des »So steht es geschrieben« der Bibel auftrat, artikulierte einen Anspruch auf ein Allgemeines, das je individuell eingelöst wurde. Der einzelne Leser sollte sich dann – nach dem Modell des nicht zufällig zeitgleich zu Gutenbergs Erfindung entstehenden Protestantismus – das gedruckte Wort selbstständig zu eigen machen.

Mit anderen Worten: Früher enthüllte ein Buch den »Text der Welt«, heute füttert es der Leser mit seinem eigenen Text. Das neue Buch des digitalen Zeitalters zielt auf eine Partikularität, um die sich ein Kollektiv bildet. Die Leser treten im Schwarm auf und können in den Prozess des potenziell stets unfertig bleibenden Werkes eingreifen. Das ist eine Chance, wie es der Ikea-Effekt belegt: Wir schätzen höher, woran wir selbst mit rumgeschraubt haben. Aber es ist auch eine Bürde: Weil man bei jedem Buch, in dessen Schreibprozess man nicht eingreift, das Beste schon verpasst haben könnte – den unkopierbaren Moment.

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