Mohammed Al-Sawahiri"Auge um Auge"

Was denken die radikalsten Islamisten über den Krieg in Mali, Angriffe auf Zivilisten und den idealen Scharia-Staat? Ein Interview mit dem Bruder des Al-Kaida-Chefs Al-Sawahiri von Fritz Schaap

Mohammed al-Sawahiri ist einer der einflussreichsten Islamisten der Welt. Er ist der Bruder von Aiman al-Sawahiri, dem Mann, der seit dem Tode Osama bin Ladens das Terrornetzwerk Al-Kaida anführt. Im März wurde in Ägypten ein Todesurteil wegen terroristischer Aktivitäten gegen Mohammed al-Sawahiri aufgehoben, er kam aus dem Gefängnis frei, in dem er seit 1999 saß. Sawahiri führte den Dschihad zunächst in Ägypten – wo er verdächtigt wurde, in das Attentat auf Präsident Sadat 1981 verwickelt gewesen zu sein. Später ging er in den Sudan, den Jemen und nach Afghanistan, wo er als Mudschahedin-Kommandeur gegen die Sowjets kämpfte.

Das Interview mit ihm kommt nach zahlreichen Anfragen und langem Zögern Al-Sawahiris zustande. Schließlich willigt er ein, unseren Reporter in einem Straßencafé in einem Kairoer Außenbezirk zu treffen. Es ist kurz vor Mitternacht, Al-Sawahiri bestellt sich einen Cappuccino.

DIE ZEIT: Herr Sawahiri, sind Sie einverstanden mit der Politik Ihres Bruders?

Mohammed al-Sawahiri: Ja, natürlich. Ich bin vollkommen überzeugt von seinem Denken und Handeln. Mein Bruder und ich haben das richtige islamische Denken. Nur der Westen versucht, das Bild von uns zu verzerren, und stellt uns einseitig als blutrünstig dar, dabei sollte der Westen versuchen, einen offenen und rationalen Dialog mit uns zu führen.

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ZEIT: Aber Sie halten es für gerechtfertigt, Zivilisten zu töten? Genau das passiert ja bei den meisten Anschlägen.

Al-Sawahiri: Nur wenn unsere Zivilisten angegriffen werden. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Al-Kaida online: "Emirat Sahara"

Die Online-Öffentlichkeitsarbeit der Dschihadisten aus dem Norden Malis hinkt derzeit merklich den aktuellen Ereignissen hinterher. Das dürfte daran liegen, dass viele von ihnen auf der Flucht sind. Ein hochrangiger Repräsentant meldete sich trotzdem zu Wort: Yahya Abu al-Humam, ein Anführer von Al- Kaidas Nordafrika-Filiale Aqmi und »Emir« der »Sahararegion«. Er erklärte, der Rückzug aus Städten wie Gao und Timbuktu sei allein taktischer Natur. »Wir werden zurückkehren «, ein »Guerillakrieg, lang und schmerzhaft für den Feind«, werde folgen. Schon bald, kündigte er zudem an, werde ein »Dschihad- Emirat Sahara« ausgerufen werden – und zwar von einer Allianz aus Aqmi, der Miliz Ansar Din, den mit Aqmi alliierten Splittergruppen »Vermummten-Brigade« und »Die, die mit Blut unterzeichnen«, sowie der »Bewegung für Monotheismus und Dschihad«. Außerdem drohte er Frankreichs Verbündeten Vergeltung an.

"Friedhof" Mali

Natürlich ist das vor allem Propaganda. Der weitere Bestand der Dschihadisten-Allianz wäre allerdings ein Anzeichen dafür, dass die Gotteskrieger schwerer zu besiegen sind, als der rasche Vormarsch der Invasoren es nahelegt. Die internationale Dschihadisten- Szene diskutiert ausgiebig über Mali, vor allem im Internet, und sieht in der Invasion einen »Kreuzzug «. Eine beliebte Bildgrafik, hundertfach weiterverbreitet, zeigt einen Dschihad-Kämpfer, der auf einen Sarg mit französischer Flagge zielt, dazu der Slogan: »Mali – Friedhof der Kreuzfahrer«. Die Cyber-Dschihadisten preisen den »gerechten Staat«, den die Islamisten errichtet hätten und der nun verschwinden solle, weil er dem Westen nicht passe. Im Netz kursieren viele Werbefilme, die das Leben im zwangsislamisierten Norden Malis mit Szenen wie dieser schildern: »Wir haben gehört, auf dem Tiermarkt würden unerlaubt Steuern kassiert«, sagt ein Islamisten-»Polizist« aus Gao empört in die Kamera – dann fährt er hin, predigt vor den Kaufleuten und löst das Problem. Der letzte Film dieser Art ist erst wenige Wochen alt.

Yassin Musharbash

ZEIT: Was denken Sie über das französische Eingreifen in Mali?

Al-Sawahiri: Alle islamistischen Bewegungen haben dazu aufgerufen, gegen den Anschlag der Franzosen auf Mali zu protestieren. Was gibt ihnen das Recht, ein Land anzugreifen, nur weil es die Scharia einführen möchte? Wäre es akzeptabel, wenn man die USA aus einem ähnlichen Grund angreifen würde? Was wir dort sehen, ist wieder einmal Kolonialisierung. Unglücklicherweise bekommen die Franzosen Hilfe von den USA, und auch andere Nationen leisten logistische Unterstützung.

ZEIT: Die Tuareg in Nordmali heißen aber die Franzosen willkommen.

Al-Sawahiri: Die Position der Tuareg ist dämlich. Sie sind reine Opportunisten und versuchen, die Macht über das Land zu bekommen. Aber wenn die Franzosen abgezogen sind, werden sie mit leeren Händen dastehen.

ZEIT: In Algerien nimmt Al-Kaida Geiseln, noch mal: Zivilisten. Die haben doch nichts mit dem Dschihad zu tun.

Al-Sawahiri: Wer erlaubt es den Franzosen, Mali zu bombardieren? Natürlich ist der Dschihad hier zu führen, und er wird hässlich werden! Die Entführungen sind normal, sie sind eine Reaktion auf die Franzosen. Man macht doch so was nicht, ohne mit einer Reaktion zu rechnen. Sie schütten Öl ins Feuer. Frankreich und der Westen versuchen wieder einmal zu kolonialisieren und handeln nur aus Eigeninteresse.

Leserkommentare
  1. dem Verdacht der Verbreitung Islam-feindlicher Klischees zu rechtfertigen. Als ein Stück dokumentierter Real-Islam bleibt er dagegen:

    unkommentiert.

    Totschweigen - dies vermag offensichtlich auch eine kritische Öffentlichkeit - und nicht nur deren üblich verdächtigte Gegenspieler.

    Vielen Dank an Herrn Schaap - und alle, die die Veröffentlichung dieses Interviews nicht verhindert haben !

    Der große Plan von 9/11, der vorsah und hier noch einmal unterbreitet wurde: "dass die Vereinigten Staaten und der Westen alle muslimischen Staaten verlassen" ist auf einigen Umwegen recht weit Realität geworden.

    Die entstandenen Spielräume werden jedoch nicht von gesellschaftspolitischen Erneuerungen gefüllt, sondern von Regressionen aller Art, sowie blutigen Machtkämpfen, in denen sich abzeichnet, dass ein politischer Real-Islam "wie wir ihn gerne hätten" auch nicht ganz ohne eine "Vertretung" ist.

    Nämlich durch den Teheraner "Schiitischen Machtbogen", der zwar aus schillernden bis unappetitlichen Vertretern besteht, der aber gleichwohl - nach dem Abgang des Westens - die einzige ins Gewicht fallende Kraft in der Region gegen den aufwachsenden Sawahiri-Salafismus ist.

    Mali ist eine Ausnahme, mit der die Araber nichts zu tun haben wollen; die anachronistischen Golf-Araber (um deren Zukunft es geht) nähren weiter diesen Jihadismus, auf dass er sie verschone; aber er rückt näher. Und dagegen steht nicht eine Turnschuh-Jugend, sondern Teheran mit Assad und Hisbollah & Co.

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    • okmijn
    • 10. Februar 2013 14:50 Uhr

    Mit (fest überzeugten) religiösen Menschen kann man keinen vernünftigen Dialog führen. Das gilt für jede Religion (ich definiere Religion in Ermangelung einer gängigen Religion als Bereitschaft außernatürliche Erklärungen zu akzeptieren). Besonders ist hier nur die aktuelle Gewaltbereitschaft/-aufforderung und die Anzahl der Extremisten. Wenn man zu glauben ohne die Überzeugung auf Indizien zu gründen positiv bewertet, dann finden sich immer Radikale, die das ernst nehmen und unter ihnen Extremisten, die auch die Schlüsse leben.

    Dagegen hilft nur philosophische (Erkenntnistheorie) und wissenschaftliche Bildung. Wenn diejenigen, die dadurch abgehängt werden, Jahrhunderte lang neidisch auf die dadurch entstehende Entwicklung schauen, dann fragen sich schon früher oder später immer mehr Menschen wieso das so ist. Es sind schon tausende von Religionen vergangen - die abrahamitischen halten sich schon recht lange, werden aber auch überwunden werden wenn wir nicht bevor wir zur Vernunft kommen uns selbst vernichten.

    19 Leserempfehlungen
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    • qweet2
    • 10. Februar 2013 15:11 Uhr

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Inhalt des Artikels. Danke, die Redaktion/jk

    • lxththf
    • 10. Februar 2013 17:15 Uhr

    zum Beispiel des Kapitalismus? Der Börsen? Der Atombombe und Chemiewaffen? Es gibt so viele Beispiele und darum ist Ihre Annahme falsch. Man kann keinen Dialog führen mit einem Menschen der generell fundamental überzeugt ist, wovon auch immer. Sei es der Neoliberalismus, der Sozialismus, der Katholizismus etc. Wer nicht bereit ist, dass was er für richtig hält immer wieder kritisch zu hinterfragen, wird sich nie weiterentwickeln und irgendwann von der Realität eingeholt werden.
    Und die Aussage, dass Religion etwas zu Überwindendes sei. Es ist einfach nur traurig die Augen vor etwas zu verschließen, was Millionen Menschen Trost spendet, einen Sinn gibt, sie motiviert und moralisch leitet. Wir leben oft in der Anonymität von Großstädten, wo es keinen interessiert, ob der Nachbar seine Frau schlägt, oder der Bettler am Bahnhof verhungert und Familien immer häufiger zerfallen. Ich weiß nicht, ob das die logische, vernünftige Überwindung des Gemeinsinns einer Religionsgemeinschaft bedeutet.

    ...oder sollte ich sie doch eher Übermensch nennen, wenn sie so vollständig rational sind?

    Das Problem liegt nicht in der Religion, oder in der seltsamen Irrationalität vieler Menschen.

    Das Problem ist dass die meisten Religionen einen Alleinvertretungsanspruch haben, und die meisten dem einfach blind folgen ohne ihn zu überdenken.

    Diese Arroganz, den anderen in seiner "Heiligkeit" überlegen zu sein ist das Problem. Wenn man akzeptieren könnte das andere Menschen (auch Angehörige der selben Ethnie bzw Bewohner der selben Region) andere Ansichten haben, welche man nicht widerlegen kann (weil man seine eigenen genausowenig belegen kann), dann würde die logische Schlussfolgerung auf "Toleranz" hinauslaufen.

    In einer Sache haben sie aber recht: Bildung, insbesondere Philosophische, ist wichtig für ein selbstständiges und freies Denken. Man kann sich auch als gebildeter, selbstständig denkender Mensch für eien Religion entscheiden.

    Ihr Versuch die Religiösität als Problem darzustellen halte ich aber für kurzsichtig und von atheistischen Vorurteilen belastet.

    • scoty
    • 10. Februar 2013 14:59 Uhr

    das es ein Glaubenskrieg zwischen Muslimen und Christen ist.
    Noch so ein Aufschürer den wir ganz sicher nicht gebrauchen können.

    12 Leserempfehlungen
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    Es geht doch nur um die Verbreitung des Islam in Afrika.
    Und immer ist Gewalt im Spiel.

    Sie sind nur in einer Verteidigungsstellung.

    Herr Al-Sawahiri möchte für die "richtigen" Muslime sprechen. Dazu hat er keine Vollmacht. Viele Muslime fühlen sich von dieser Vereinnahmung abgestoßen und vereinnahmt. Genausowenig wie ein Herr Meißner für alle Christen (nicht mal für alle Katholiken!) sprechen kann, kann dieser Herr für alle Muslime sprechen. Ich kenne einen friedlichen Islam.

    @Orpheus13437,

    sehe ich auch so! Diese teils unverhohleneTerroristen-Apologetik in deutschen Politiker-Kreisen (jüngstes Beispiel „high five“ Roth und Ali Attar, verantwortlich für zahlreiche Todesurteile) ist unerträglich.

  2. 4. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/jk

    5 Leserempfehlungen
    • eras
    • 10. Februar 2013 15:03 Uhr

    "Das Interview mit ihm kommt nach zahlreichen Anfragen und langem Zögern Al-Sawahiris zustande."

    Naja, so interviewscheu scheint der gute Mohammed ja eigentlich nicht zu sein. Der hat in letzter Zeit mit so ziemlich jedem geredet. Eine Auswahl:

    http://edition.cnn.com/20...

    http://www.thenational.ae...

    http://www.euronews.com/2...

    http://www.memri.org/repo...

    (selbst für FOX-News war Plaudertasche Mohammed sich nicht zu schade...)

    10 Leserempfehlungen
    • qweet2
    • 10. Februar 2013 15:04 Uhr
    6. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Inhalt des Artikels. Danke, die Redaktion/jk

    2 Leserempfehlungen
  3. der Muslime, auch in Europa/Deutschland/etc,mit den teilweise verqueren "Gottesansichten", die ja in Wahrheit aus dem Alten Testament entstammen und keine originären Worte "Allahs" sind, könnten unsere Politiker wach werden und erkennen was sie in den letzten 50 Jahren zugelassen und angerichtet haben.

    [...]
    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Wir wünschen uns eine differenzierte Diskussion von sachlichen und nachvollziehbaren Argumenten. Danke, die Redaktion/jk

    9 Leserempfehlungen
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    • krister
    • 10. Februar 2013 15:24 Uhr

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde mittlerweile gelöscht. Danke, die Redaktion/jk

    • qweet2
    • 10. Februar 2013 15:11 Uhr
    8. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Inhalt des Artikels. Danke, die Redaktion/jk

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "mit religiösen"

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