Das griechische Restaurant Cassambalis in Berlin: Hier lässt die Kanzlerin sich ihre Keftedes schmecken. © Cassambalis

Der Grieche. Einst war er für die Deutschen das Synonym für Zeus-Platten, Apollo-Teller oder Urlaub in der Ägäis. Heute ist er das Sorgenkind Europas. Wie ist es um das deutsch-griechische Verhältnis bestellt? Um diese Frage zu klären, gehen wir zum Griechen, einem deutschen Griechen, Grolmanstraße, Berlin. Dionysische Opulenz, warmes Licht, Gemälde an den Wänden. Ein freundlicher älterer Herr im Pullover schlendert zwischen Regalen mit Rotweinflaschen herum, er hat es nicht eilig, sich als Herr des Hauses zu präsentieren. Costas Cassambalis ist nicht irgendein Grieche, er ist der Grieche der Kanzlerin.

DIE ZEIT: Herr Cassambalis, stimmt es, dass das letzte Rettungspaket für Griechenland in Ihrem Lokal entstand?

Costas Cassambalis: Oh, da müssten Sie schon die Kanzlerin selbst fragen, möglich wäre es. Frau Merkel und Herr Westerwelle essen regelmäßig bei mir. Aber ich respektiere natürlich die Privatsphäre unserer Gäste. Ich sitze an meinem Tisch, neben dem Eingang, ich habe meine Freunde um mich, wir trinken Wein.

ZEIT: Ist die Kanzlerin Stammgast?

Cassambalis: Ja, das kann man schon sagen, sie hat ihr Lieblingsgericht, ihren Lieblingswein. Wenn sie kommt, kommt sie spontan, unangemeldet, ich habe immer einen Platz für sie.

ZEIT: Und dann sperren Sie Ihr Restaurant für alle anderen Gäste?

Cassambalis: Nein. Sie werden verstehen, dass ich über die Sicherheitsmaßnahmen nichts sagen möchte, aber die Kanzlerin ist im besten Sinne eine ganz normale Frau. Sie hat einen Stammplatz wie viele von meinen anderen Gästen auch, sie amüsiert sich, sie lacht gerne, sie wirkt sehr natürlich.

An Merkels Tisch haben vier Leute Platz, wenn man enger zusammenrückt, auch ein paar mehr. An der Wand hängt, zwischen vielen Bildern versteckt, ein Porträt der Kanzlerin, im gleichen Stil, wie Marilyn Monroe einst von Andy Warhol gemalt wurde. Zeus-Platten gibt es bei Costas Cassambalis nicht, stattdessen eine leichte Mittelmeerküche mit griechischen Elementen, aber auch italienischen und spanischen Einflüssen.

ZEIT: Was isst die Kanzlerin am liebsten?

Cassambalis: Keftedes, so etwas wie griechische Buletten. Die machen wir aus Lamm, Schwein und Rind. Das Schwein gibt der Bulette das Fett, das Rind den Geschmack. Inzwischen braucht Frau Merkel gar nicht mehr zu fragen, ich bringe ihr immer ein paar Keftedes.

ZEIT: In Griechenland wird Angela Merkel mit Hitler-Bart und SS-Armbinde abgebildet. Als sie Anfang Oktober Athen besuchte, demonstrierten Zehntausende gegen sie. Sie selbst haben in griechischen Zeitungen die Kanzlerin gegenüber den Angriffen Ihrer Landsleute verteidigt. Ist das schwer?

Cassambalis: Nein. Ich sage: Ihr spinnt mit euren Hitler-Vergleichen. Angela Merkel ist eine kluge Politikerin und eine sehr sympathische Frau. Die Reformen in meiner Heimat waren lange überfällig, und alle wissen das. Die Griechen sind nicht unschuldig an der Situation. Wir haben uns in einem kleptokratischen System eingerichtet, und alle, die nur ein bisschen nachdenken können, haben doch gewusst, dass das irgendwann zusammenbricht. Es ist nicht die böse deutsche Kanzlerin, die uns zu etwas zwingt.

ZEIT: Sehen Ihre griechischen Freunde das auch so?

Cassambalis: Meine Freunde sagen: Ach, du mit deiner Merkel, lass mich doch mit der in Ruhe. Und dann lachen wir und trinken gemeinsam Wein, und dann machen sie Frau Merkel Komplimente dafür, wie sie in der Krise auftritt. Die griechische Gesellschaft ist eine leichte Gesellschaft, wir sind nicht so ernst wie die Deutschen, wir analysieren nicht alles bis ins letzte Detail.

ZEIT: Hat sich Ihr Blick auf Ihre Heimat aus der Ferne verändert?

Cassambalis: Es ist doch so: Wenn du in den Problemen drinsteckst, siehst du sie nicht. Du musst immer von deinen Problemen Abstand haben. Erst dann siehst du sie.