Peer Steinbrück : "Sie sind ganz schön hochnäsig"

Ich will so bleiben, wie ich bin: Peer Steinbrück über eigene Fehler, die Unterschicht in Deutschland und seine Pläne, Wahlkampf in Wohnzimmern zu machen.

DIE ZEIT: Herr Steinbrück, was ist Beinfreiheit?

Peer Steinbrück: Die Reichweite, nicht naturgeborene sozialdemokratische Wähler zu erreichen.

ZEIT: Wie groß ist Ihre Beinfreiheit noch?

Steinbrück: So groß, wie sie von Anfang an war. Da hat sich nichts verändert. Weder werde ich meinen politischen Charakter verfremden noch schauspielern oder etwas inszenieren. Auf Ironie muss ich einstweilen wohl verzichten.

ZEIT: Ihr Problem war doch nicht die Ironie, sondern mangelndes Gespür, so wie bei Ihrer Äußerung, dass Kanzler zu wenig verdienen.

Steinbrück: Die war sicherlich nicht glücklich. Und Punkt.

ZEIT: Sie selbst sind als Hoffnungsträger gestartet und dann in den Umfragen abgestürzt. Wie erklären Sie sich das?

Steinbrück: Dazu habe ich mit Äußerungen, die zu Erregungen geführt haben, beigetragen, wobei die Medien der Sache ihre eigene Dynamik gegeben haben.

ZEIT: Sie meinen die Äußerungen zum Kanzlergehalt?

Steinbrück: Natürlich. Obwohl sie weder neu noch auf mich persönlich bezogen war. Es war in den Medien ein Topthema – und das hat natürlich eine Trefferwirkung.

ZEIT: Sie wollen so bleiben, wie Sie sind. Gleichzeitig kann es nicht schaden, wenn man mit neuen Herausforderungen auch etwas lernt. Was haben Sie in Ihrer Zeit als Kanzlerkandidat gelernt?

Steinbrück: Dass Äußerungen von mir auf einer anderen Folie abgebildet werden – die Folie heißt Kanzlerkandidatur. Aussagen, die ich früher schon getroffen habe und nun wiederhole, wie etwa zum Kanzlergehalt, haben eine ganz andere Wasserverdrängung.

ZEIT: Ist das nicht angemessen? Immerhin bewerben Sie sich ja um das politisch bedeutendste Amt.

Steinbrück: Ja, aber sollte es nicht vornehmlich um politische Inhalte gehen? Fragen Sie doch danach, wofür der Steinbrück politisch steht. Manchmal scheint mir, dass die Psychologie von Politikern interessanter ist als ihre Standpunkte.

ZEIT: Zu einem Politiker gehört auch Glaubwürdigkeit. War nicht ein Kernproblem Ihrer bisherigen Kandidatur, dass Sie sich inhaltlich ganz schön angepasst haben? Nur nennen Sie das dann eine »Lernkurve«. Als Person bleiben Sie ein Polterer und sagen: Ich bleibe, wie ich bin. Wäre es umgekehrt nicht besser?

Steinbrück: Lesen Sie mal meine Nominierungsrede als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen vom November 2002. Dort habe ich bereits von den Fliehkräften, von der Drift der Gesellschaft gesprochen. Mir ging es schon damals um sozialen Zusammenhalt, darum, dass die Gesellschaft nicht weiter in Arm und Reich auseinanderdriftet. Ich habe mich da überhaupt nicht verändert. Wer mich auf Finanz- und Wirtschaftspolitik reduziert, hat mich nur in meinem letzten Amt wahrgenommen. Das ist aber nicht der ganze Steinbrück.

ZEIT: Lassen Sie uns über Ihren Blick auf Deutschland reden. Ist Deutschland ein ungerechtes Land?

Steinbrück: In manchen gesellschaftlichen Erscheinungen: Ja. Das Bildungssystem ist undurchlässig, die Einkommens- und Vermögensentwicklung fällt auseinander, der Arbeitsmarkt ist gespalten.

Verlagsangebot

Die Macht der Vorurteile

Vorurteile prägen unseren Alltag. Woher sie kommen. Wem sie nützen. Und warum man sie so schwer loswird. Jetzt in der neuen ZEIT.

Hier lesen

Kommentare

37 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

"Protestwahl" ist Merkelwahl

Wenn es stimmt, dass Sie des "Mehltau-Syndroms" wie ich überdrüssig sind, dann dürfte Ihnen, wahltaktisch gesehen, eben nicht unterlaufen, die Linke zu wählen. Mir fiele solcherlei allerdings schon schwer, wegen der 8 Spitzenkandidaten - ich fühle mich da überfordert.

Wie Kommentator Darth Lu oben schon bemerkte, ist die "Zerstrittenheit der politischen Linken", eben auch ausgedrückt durch mehrere kandidierende Parteien, welche quasi eine gemeinsame Koalition ausschliessen, ein Glücksfall für die "Konservativen". Und auch für die FDP.

Hätte Strauß doch damals die CSU zu einer Bundespartei gemacht. Was wäre uns (womöglich) erspart geblieben.