Die Sohnesstimme im Dunkeln klingt verzagt. »Papa, ich glaube, wir haben uns zu viel zugemutet.« Bis hierher haben wir – Johann, 13, Mathilda, 9, und ich – bereits Hagelstürme in der Wüste erlebt, Wasser mit Tierhaaren drin getrunken, Skorpione gejagt, mit 40 Fieber in den Schlafsack gekotzt und die wildeste Autofahrt unseres Lebens überstanden. Außerdem war es für die Jahreszeit entschieden zu heiß, und wir mussten Günter aus misslicher Lage befreien. Zu guter Letzt haben wir allerdings das Paradies gesehen. Nur die Sache mit dem Tränengas, die steht uns erst noch bevor.

Aber der Reihe nach.

Die nächsten Ferien sollten 1.) mit Tieren zu tun haben, 2.) Übernachtungen im Freien beinhalten und deshalb 3.) in eine warme, trockene Gegend führen. So lautete die Projektbeschreibung des Nachwuchses daheim am Küchentisch. Eine lange Recherche und eine strikt demokratische Abstimmung später hieß das Ergebnis: Kameltrekking im Grand Erg Oriental. Erg bedeutet Düne, die »Große Düne« ist ein Teil der Sahara, der sich bis weit hinein nach Tunesien erstreckt. Dort hat zwar die arabische Revolution begonnen, die junge Demokratie gilt dennoch als sicheres Reiseland. Und so fliegt die Familie nach einem Großeinkauf beim Outdoor-Ausrüster nach Djerba.

Wegen der günstigen Flugverbindungen beginnt der Trip in den Sand am Wasser, am Mittelmeer, das in allen Schattierungen von Türkis verheißungsvoll schimmert. Damit man merkt, dass das hier Afrika und nicht der Ballermann auf Mallorca ist, lagern auf dem hoteleigenen Strand ein paar Kamele. Aber die sind nur für die »Neckermänner«, wie unser Guide Mohammed die Pauschaltouristen nennt. Unsere Tiere warten 300 Kilometer weiter westlich im Landesinneren, wo die schwüle Hitze der Küste in eine noch gnadenlosere Backofenluft umschlägt. Na klar: Wüste = heiß, das weiß sogar schon Mathilda. Aber im Kleingedruckten des Prospekts hatte gestanden, um diese Jahreszeit sei es dort maximal 28 Grad warm, nachts könne es sogar empfindlich kühl werden. Nun stehen wir nach einer stundenlangen Fahrt mit unseren bodenfrosttauglichen Schlafsäcken in der Oasenstadt Douz und kaufen noch schnell ein paar Berbertücher, um unsere auf nordischen Winter gepolten Schädel gegen Tages-Toptemperaturen von 40 Grad zu schützen.

Hinter Douz beginnt der Sand. Fahlgelb türmt er sich mal in kleinen Haufen, mal in haushohen Dünen entlang der Piste, die mitunter schon ganz zugeweht ist. Ein ewiges Gewoge und Gewalle, toll anzusehen, herausfordernd zum Durchfahren. Zwei Stunden Jeep-Geschaukel später taucht am Horizont aus all den sanften Linien eine harte Konstruktion auf: Bir Abdallah, der solarbetriebene Brunnen, an dem wir unsere Karawane treffen sollen. Im Schatten des großen Wasserbehälters liegen sie, unsere Verkehrsmittel für die nächsten Tage: acht Kamele, genauer Dromedare, also mit nur einem Höcker, stoisch kauend bemüht, unsere Ankunft weitgehend zu ignorieren, soviel die Kinder sie auch tätscheln und über die weichen Nasen streicheln.

Natürlich verbietet sich die Metapher vom Wüstenschiff total. Aber was soll man anderes sagen angesichts der kunstvollen Takelage aus alten Nylonstricken, wie man sie sonst nur als Strandgut findet? Mit ihnen befestigen unsere Kameltreiber Khaled, Muiz und Mohammed Zwo (so genannt, um ihn von unserem Guide zu unterscheiden) wie geübte Schauerleute alle Taschen, Zelte, Matten, Decken, Nahrungsmittel, Wasserkanister an den hölzernen Sätteln.

Die Sonne steht schon niedrig, als wir endlich in die Sandsee stechen. Im Wiegeschritt der Tiere schwingen wir uns ein in eine Landschaft, die uns selbst zu Sandkörnern schrumpfen lässt. Von Fotos, aus Filmen und Büchern glaubten wir, eine Ahnung von der Weite und Monumentalität der Wüste zu haben. Doch selbst die Kinder, die eben noch aufgeregt um die Kamele herumsprangen, werden ganz ehrfürchtig angesichts von so viel Endlosigkeit; ungläubig drehen wir immer wieder die Köpfe nach allen Seiten und suchen nach Fixpunkten in dieser Riesensandkiste, nach einer Art Rückendeckung, um uns nicht selbst zu verlieren. Aber da ist nicht viel.